Grenzgänger der Transzendenz – eine Zielgruppe der Pastoral


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Grenzgänger der Transzendenz – eine Zielgruppe der Pastoral
I. Bedeutungswandel der Grenzsituationen
II. Grenzsituationen und christliche Botschaft
III. Der Konvergenzpunkt der verschiedenen Situationen
1. Alter und Krankheit*
2. Kindsein*
3. Ordensexistenz*
IV. Einige Konsequenzen für die Pastoral

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Grenzgänger der Transzendenz – eine Zielgruppe der Pastoral

[141] Wer soll das sein: Grenzgänger der Transzendenz? Welcher Perso­nenkreis bildet diese Zielgruppe der Pastoral? Nun, gedacht ist an die Kinder, an die Ordensleute, an die älteren Menschen, an die Kranken, zumal an jene, deren Lebenssituation dazu Anlaß gibt, ziemlich real mit dem „letzten Stündchen“ zu rechnen. Es mag als kühn und fremd erscheinen, als nicht ganz auf der Höhe gegenwär­tiger Pastoral, wenn man so unterschiedliche Adressaten der Heilsbotschaft und Heilssorge, die kaum für eine gemeinsame Ansprache und für gemeinsame Maßnahmen in Frage kommen, zu einer Ziel­gruppe der Pastoral zusammenfaßt. Kinderpastoral, Pastoral der geistlichen Berufe und zumal der Ordensleute, Altenpastoral, Pa­storal an Kranken und Sterbenden, das ist jeweils eine eigene Welt. Die folgenden Überlegungen wollen nicht den Versuch unterneh­men, diese Unterschiede einzuebnen, wollen beileibe nicht an einer differenzierten Arbeit mit den Menschen in so verschiedener Situa­tion und Disposition rütteln. Aber was wollen sie dann?

Vielleicht darf ich zunächst auf eine persönliche Erfahrung hin­weisen. Wenn ich in meinem Dienst als Bischof in eine Gemeinde komme, wenn ich in einer Predigt oder einem Hirtenschreiben eine Anregung gebe, auf eine Sorge hinweise, ein Anliegen dem Gebet anvertraue, so darf ich mir einer besonders sensiblen Reaktion der Kinder, der Alten, der Kranken, der Ordensleute gewiß sein. Die naheliegenden Einwände stechen hier nicht: „Kein Wunder, die ha­ben ja Zeit, die sind nicht durch ihre anderen Sorgen und Probleme so besetzt!“ Oder: „Ganz typisch, wir werden immer mehr zur Kir­che der ‚Frommen vom Dienst‘, der Naiven, der Invaliden, der Rentner!“ Unbestritten, die Kirche muß sich verstärkt darum be­mühen, daß Anspruch und Angebot des Evangeliums nicht an jenen vorbeizielen, die verantwortlich das Heute und Morgen gestalten. Aber umgekehrt wäre es fatal, im Evangelium nur den Kraftstoff für Funktionstüchtigkeit zu sehen und Menschlichkeit mit Leistung und Brauchbarkeit gleichzusetzen. Was die vorgenannten Gruppen besonders empfänglich macht für die geistliche Ansprache, wird nicht zutreffend gefaßt mit dem Hinweis auf die „Dysfunktionalität“ ihrer Lebenssituation im Blick auf die gesellschaftlichen Zwecke und Ziele. Solche Empfänglichkeit hängt vielmehr damit zusam­men, daß ihre Lebenssituation ihnen den Blick öffnet über den Be­reich des bloß Funktionalen hinaus. Da das Funktionale bei ihnen nicht ausschließlich das Blickfeld beherrscht, liegt es ihnen näher, sich für den Sinn des Ganzen, das größer ist als das Feld von Lei­stung und Brauch- [142] barkeit, zu interessieren und diesen Sinn des Gan­zen in der Gesellschaft präsent zu halten.

Damit ist keineswegs gesagt, daß solches leicht und nahtlos ge­lingt. Im Gegenteil. Eine gegenläufige Strömung in Lebensverständ­nis und Lebensgefühl der Gesellschaft macht es immer schwieriger, die Sinndeutung der genannten Lebenssituationen zu vollziehen und sie dadurch auf einer neuen Ebene für die Gesellschaft fruchtbar werden zu lassen. Hier stoßen wir auf den Punkt, der es dem ersten Anschein entgegen doch rechtfertigt, in der Perspektive einer umfassenden Pastoral von einer Zielgruppe zu sprechen: von der Ziel­gruppe jener, die in besonderer Weise – sagen wir es im Vorgriff be­reits so – zu ihrem eigenen Transzendenzbezug befähigt und in ihm gestützt werden sollen und die zugleich für Gemeinde und Gesell­schaft in besonderer Weise diesen Transzendenzbezug offenzuhal­ten berufen sind. Im folgenden sollen aus einer freilich nur ansatz­weise hier durchführbaren – anthropologischen und theologischen Reflexion der menschlichen Grenzsituationen das Proprium dieser Zielgruppe ermittelt, ihre Stellung in Kirche und Gemeinde umris­sen und daraus pastorale Konsequenzen gezogen werden – für die Zielgruppe selbst und für die Gesamtpastoral.

 



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