Gerettetes Wort – Rettendes Wort


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Gerettetes Wort – Rettendes Wort
I. Menschliches Wort als verbum naturaliter propheticum
II. Verwerfungen und Verwandlungen im Sprachgeschehen
III. Möglichkeiten der Wende*
IV. Rettung der Worte

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[303] Es gilt für den einzelnen wie für die Gesellschaft: Wo sich im Leben etwas ändert, da zeichnet sich das in den Worten, in der Sprache ab. Wo sich in der Sprache, wo sich in den Worten etwas verändert, da passiert etwas mit dem Leben, mit dem Menschsein. Wer die letzten fünfzig oder gar die letzten hundertfünfzig Jahre deutscher Litera­tur, aber auch deutscher Alltags- und Umgangssprache überschaut, der kann sich Rechenschaft geben von den grundstürzenden Verän­derungen, die an den Kern, an die Substanz unseres Welt- und Selbstverständnisses, ja unserer Welt und unseres Menschseins gehen. Wenn nicht zur Sprache kommt, was mit der Sprache gesche­hen ist, dann drohen wir, die Sprache zu verlieren oder uns an eine Sprache zu verlieren, die sich selbst verliert.

Eines der kostbarsten Zeugnisse menschlicher Sprache begegnet uns im 14. Kapitel des 1. Korintherbriefes, wo Paulus von dem Vor­rang der Geistesgabe prophetischen Sprechens vor der Glossolalie, dem Zungenreden, handelt. So wichtig das ganze Kapitel ist, so sinnvoll ist es doch, folgende drei Verse eigens ins Bewußtsein zu rufen: „Wenn also die ganze Gemeinde sich versammelt und alle in Zungen reden, und es kommen Unkundige oder Ungläubige hinzu, werden sie dann nicht sagen: Ihr seid verrückt! Wenn aber alle pro­phetisch reden und ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt her­ein, dann wird ihm von allen ins Gewissen geredet, und er fühlt sich von allen ins Verhör genommen; was in seinem Herzen verborgen ist, wird aufgedeckt. Und so wird er sich niederwerfen, Gott anbe­ten und ausrufen: Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“ (14, 23-25).

Es ist sicher nicht richtig, das, was hier von einem geistgewirk­ten, nicht vom Menschen vermochten Reden gesagt wird, geradlinig zu übertragen auf anthropologische Problematiken menschlichen Sprechens heute. Und doch kann in dieser geistlichen Aussage auch der menschliche Grundbestand von Sprache überhaupt zutage tre­ten, kann das Apostelwort sozusagen als „prophetische Rede“ zur Entschlüsselung und Aufdeckung von Heillosigkeit und Heil unse­rer Worte legitim gedeutet werden. Und dazu soll im folgenden ein kleiner Beitrag geschehen. Es geht darum, das Wort zu retten, damit es auch im Menschlichen, rettendes, helfendes und nicht zerstören­des Wort sei. Dies aber ist zugleich eine Voraussetzung für die christliche Verkündigung, deren Wort ja gerade nicht neben die menschlichen Worte hingepflanzt, sondern in sie eingepflanzt ist. Gottes Wort läßt sich nicht herausschälen aus den Menschenworten, sondern birgt sich in sie hinein, geht eine Symbiose mit ihnen ein. Das verdorbene Wort droht auch Gottes Wort zu verunklären. Dar­um ist eine Doppelbewegung notwendig: Rettet das menschliche Wort, damit Gottes Wort ankommen und menschliches Wort retten kann! Hört auf Gottes Wort, um von ihm her Verderbnis und Maß menschlichen Wortes zu entdecken und so des menschlichen Wortes und in ihm des Verstehens auch des göttlichen Wortes fähig zu wer­den.

 



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