Der „dritte Weg“ im kirchlichen Dienst


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Der „dritte Weg“ im kirchlichen Dienst
I. Voraussetzung: Institutionelle Präsenz der Kirche in der Gesellschaft
II. Der Grundauftrag der Kirche: Zeugnis
III. Versuch der Realisierung: Der „dritte Weg“


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Der „dritte Weg“ im kirchlichen Dienst
Theologische Gesichtspunkte zu seiner Begründung und Ausgestaltung[1]

 

[320] Kirche und Arbeitswelt – das ist nicht nur ein Thema, das Theolo­gen und Kirchenleute ad extra, im Blick nach außen zu beschäftigen hätte. Die Arbeitswelt reicht ins Eigene und Innere der Kirche mit hinein. Viele arbeiten „bei der Kirche“. Wie wirken das Wesen und der Auftrag der Kirche hinein in die Verfassung, in Gestalt und Vollzug jenes Stückes Arbeitswelt, das durch die Kirche als Dienst­geber bestimmt wird?

Warum steht kirchlicher Dienst generell, also nicht nur pastoraler Dienst, sondern auch Dienst in der kirchlichen Verwaltung und in Institutionen etwa des pädagogischen, kulturellen, sozialen, karita­tiven Bereich, unter anderen – nicht nur ideellen und spirituellen, sondern auch dienstrechtlichen – Voraussetzungen als der Dienst in vergleichbaren Institutionen und Feldern außerhalb kirchlicher Trä­gerschaft? Warum also z. B. kein Tarifvertrag und warum besonde­re Anforderungen an die Konformität des Glaubens und Lebens der kirchlichen Bediensteten mit den Grundsätzen der Kirche? Dieser Frage begegnen wir mannigfach. Wenn die Kirche Dienste in der Gesellschaft und für die Gesellschaft ausübt, entspräche es ihr dann nicht besser, einfach die in der Gesellschaft gültigen und gebräuchli­chen Formen der Regelung des Dienstes und seiner Voraussetzun­gen zu übernehmen? Kann das „Besondere“ des christlichen Zeugnisses durch institutionelle Sonderregelungen nicht eher verschattet und erstickt als gefördert werden? Müßten die Anforderungen nicht nach der jeweiligen Art des Dienstes und seiner Nähe zum „Kern“ des kirchlichen Verkündigungsauftrags gestuft werden? Die Reihe solcher Einwände und Bedenken ließe sich vermehren.

Es geht im folgenden nicht darum, die rechtlichen und politischen Voraussetzungen für den „dritten Weg“ darzulegen, ja nicht einmal darum, seine konkrete Ausgestaltung zu untersuchen und dann zu kritisie­ren oder zu rechtfertigen. Vielmehr sollen einige fundamentale Überlegungen darüber angestellt werden, welches die theologische Eigenart eines institutionell verfaßten Dienstes der Kirche in unserer Gesellschaft sei und welche Konsequenzen dieser Eigenart am ehe­sten angemessen erscheinen. Es geht also nicht um die einzelnen Be­stimmungen, sondern um den Ansatz eines „dritten Weges“ im kirchlichen Dienst. Dazu einige Vorbemerkungen. Zunächst einmal ist festzuhalten, daß „dritter Weg“ hier nicht bedeutet: Form der Wirtschaft und Gesellschaft, die sich ebenso abhebt von sozialistischen wie von kapita­listischen Systemen – eine in solchen Worten viel zu grob umrissene Problematik, die indessen von höchster Bedeutung ist für die Zu­kunft der Gesellschaft in der Dritten Welt. In unserem Zusammen­hang geht es vielmehr um den gemäßigten Weg für die Zusammenar­beit und die Arbeitsbedingungen in kirchlichen Institutionen – und dieser Weg erscheint als etwas Drittes gegenüber einer patriarchali­schen Betriebsverfassung und gegenüber dem Modell der Tarifpartnerschaft und einer bloßen Leistungsbezogenheit der Anforderun­gen an den Dienstnehmer. Wie kann das Besondere kirchlichen Dienstes auch in der Ordnung seiner Institutionen und in den An­forderungen an die Mitarbeiter gewährleistet werden, so daß diese freilich nicht weniger, sondern anders am Gesamten des Dienstes und seiner Gestaltung teilhaben? Unter diesem Vorzeichen, ja An­spruch steht die Rede vom „dritten Weg“.

Eine zweite Vorbemerkung tut not: Mit dem Konzept eines „dritten Weges“ im kirchlichen Dienst ist nicht Tarifpartnerschaft in sich abgelehnt oder kritisiert, vielmehr steht dahinter die Überzeu­gung, daß die das persönliche Leben und die persönliche Einstellung außer acht lassende bloße Leistungsbezogenheit der Anforderungen an die Mitarbeiter der Eigenart kirchlicher Institutionen und ihres Dienstes in der Gesellschaft nicht optimal angemessen sei.

[321] Aller­dings könnte, wenn eine überzeugende Ausgestaltung des „dritten Weges“ gelänge, dieser auch anregend und modellhaft Rückwirkun­gen in die Gesellschaft hinein haben. Wir versuchen, unser Vorhaben in drei Schritten zu entfalten. Zunächst: Warum gibt es einen institutionalisierten kirchlichen Dienst in verschiedenen Feldern unserer Gesellschaft? Was ist der Sinn und Auftrag solcher Institutionen im gesellschaftlichen Kont­ext von heute? Sodann soll das Eigentümliche des Auftrags dieser Institutionen und ihres Dienstes von der Sendung der Kirche her be­dacht werden. Schließlich ergibt sich als Konsequenz die Suche nach Grundkonturen eines „dritten Weges“.

 



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