Pilgerndes Gottesvolk – geeintes Gottesvolk


Beitragsseiten
Pilgerndes Gottesvolk – geeintes Gottesvolk
I. Einheit und Unterwegssein in „Lumen gentium“ 1-4
II. Einheit als Wegspur unserer Zeit
III. „Einheit“ und „Weg“ in der Perspektive des trinitarischen Gottes
IV. Trinität als Ikone des pilgernden Gottesvolkes – pilgerndes Gottesvolk als Ikone der Trinität
V. Ein ökumenischer Seitenblick
VI. Vorblick: Einheit der Menschheit
VII. Zum Schluß: der Schlüssel

 

VI. Vorblick: Einheit der Menschheit

Wo Christen das Wesen der Kirche als aus der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Geistes geeintes Volk in ihren Pilgerweg durch die Geschichte einbringen, da geschehen zwei gleichermaßen für die Kirche wie für die Welt bedeutsame Vorgänge: Zum einen wird die Kirche mit den Erfahrungen der Menschheit beschenkt. Denn Einssein im Namen des Vaters und des Sohnes und des Gei­stes befähigt dazu, sich einszumachen mit den Erfahrungen anderer. Der Weg, welcher die Schätze und die Nöte der Welt und ihrer Ge­schichte hineinträgt in den Horizont des kommenden Reiches, fängt an auf dem Pilgerweg der Kirche. Zeugnis der Einheit und Dialog und Solidarität sind die Bahnen, auf [372] denen sie ihre Sendung für die Welt und in der Welt zu vollziehen hat. Zum andern aber teilt auf diesem Weg des Zeugnisses, des Dialoges und der Solidarität die Kirche der Welt jenes Geheimnis mit, das ihr als Mysterium und Maß ihres Lebens vom dreifaltigen Gott her zukommt. Die Einheit des dreifaltigen Gottes und im dreifaltigen Gott, die Einheit, deren Weg die gegenseitige Liebe ist, wird zum Angebot nicht nur auf den Glauben an Christus und die Einheit in ihm hin, sondern auch auf die geschichtliche Aufgabe einer einswerdenden Welt und Mensch­heit hin. Der Anfang, aber auch der theologische Hintergrund und methodische Ansatz der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikani­schen Konzils über die Kirche in der Welt von heute, „Gaudium et spes“, sind in diesem Sinne zu lesen. Den nur analogen Charakter einer Anwendung des trinitarischen Modells auf die Gestaltung menschlicher Wirklichkeit und den eschatologischen Vorbehalt, der hier in Anschlag zu bringen ist, haben wir bereits vermerkt.

Wir wollen uns in diesem Kontext darauf beschränken, einige Richtungen und einige Felder zu benennen, in welchen trinitarischer Lebens- und Gesellschaftsstil säkulare Folgen zeitigen kann und muß, soll nicht das Untergehen in einem ideologischen oder technologischen Großsystem oder das Zerbrechen in ungezählte, zusammenhanglose Sonderwelten zum Weltschicksal werden.

Ernstzumachen mit der Einheit der Menschheit und ihrer Zu­kunft, mit der Gleichheit aller Partner des Welt-Geschehens an Rang und Recht und mit der Unterschiedenheit und Vielfalt von Kulturen in der einen Welt, ist vordringliche Aufgabe. Liebe als Einsatz dafür und gegenseitige Hilfe dazu, daß alle leben können, daß alle mitein­ander leben können, daß alle als je sie selbst leben können, ist der Weg ohne Alternative. Perichorese als Teilhabe [373] am je anderen und am Ganzen, als Stil partnerschaftlicher Kommunikation, in der die Welt sich in Welten auslegt und die Welten sich in die Welt eintra­gen, markiert das Verhältnis von Einheit und Vielfalt. Nur wenn wir den „väterlich“ ersten Schritt tun, nur wenn wir „sohnhaft“ zu Ver­antwortung und Antwort bereit sind, nur wenn wir uns in den ver­bindend verbindlichen Raum, in die „geisthafte“ Atmosphäre uni­versalen Hörens und Dialoges begeben, sind die Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Einheit unserer Menschheit gegeben.

Diese sehr generellen Hinweise haben strukturelle und inhaltliche Entwicklungen auf allen Feldern im Auge: Wirtschaft und Ar­beit, Weitergabe der Werte und des Lebens, Kult und Kultur, soziale Verflochtenheit, Ökologie, Bildung, Kommunikationswesen.[17]

 

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