Pilgerndes Gottesvolk – geeintes Gottesvolk


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Pilgerndes Gottesvolk – geeintes Gottesvolk
I. Einheit und Unterwegssein in „Lumen gentium“ 1-4
II. Einheit als Wegspur unserer Zeit
III. „Einheit“ und „Weg“ in der Perspektive des trinitarischen Gottes
IV. Trinität als Ikone des pilgernden Gottesvolkes – pilgerndes Gottesvolk als Ikone der Trinität
V. Ein ökumenischer Seitenblick
VI. Vorblick: Einheit der Menschheit
VII. Zum Schluß: der Schlüssel

 

IV. Trinität als Ikone des pilgernden Gottesvolkes – pilgerndes Gottesvolk als Ikone der Trinität

Gottes dreifaltiges Leben ist Grund der Kirche, Grund als Woher und Wohin, Grund aber auch als Bild und Halt, als Maß und Kraft ihres gegenwärtigen Weges. Dies umschließt eine doppelte Beziehung, die mit den beiden gegenläufigen Sätzen beschrieben werden kann: Die Trinität ist Ikone des pilgernden Gottesvolkes – das pilgernde Gottesvolk ist Ikone der Trinität.

Wir haben das Wort „Ikone“ eingeführt, weil es dem Wort „Bild“ gegenüber noch deutlicher auf drei entscheidende Momente hin- [361] weist: darauf, daß die Ikone nicht nur etwas zeigt, sondern es gegenwärtigsetzt; darauf, daß die Ikone nicht nur Abbild ist, sondern Wirkbild; darauf, daß die Ikone nicht nur und nicht zuerst Imperativ ist, sondern Geschenk dessen, was sie darstellt, freilich kein beliebig sich anbietendes, sondern ein in Pflicht und Verbindlichkeit nehmendes Bild.

1. Dreieinigkeit – Ikone der Kirche*

Trinität als Ikone des pilgernden Gottesvolkes: Wenn die Kirche auf ihrem Pilgerweg zum dreifaltigen Gott hinblickt, dann blickt sie auf sich selbst, gewinnt sie in diesem Blick ihr eigenes Mysterium, holt es herein in ihren Pilgerweg. Doch was sieht sie auf dieser Ikone? Zum einen die machtvolle Liebe des Vaters, die gehorsame Freiheit des Sohnes, den Leben, Einheit und Bewegung spendenden Atem des Geistes und deren unlöslichen Zusammenhang; zum andern sieht sie die Einheit und Einzigkeit jener Liebe, die Gott ist, und aus dieser Einheit heraus gerade die Gleichheit und die Unterschiedenheit von Vater, Sohn und Geist.

Im „Abba, Vater!“ berührt die Kirche den Grund eines nie verlierbaren und enttäuschbaren Vertrauens, aber auch jene tragende Ursprungsmacht, der allein sie sich selbst, ihre Identität, ihren Sinn verdankt. Und sie hat auch selbst Anteil an dieser Vaterschaft im Schenkendürfen des göttlichen Lebens, an dieser haltenden und tragenden Unbeirrbarkeit inmitten aller Unabsehbarkeiten und Wendungen des Weges.

Auf den Vater blickend aber findet die Kirche sich im Sohn, ist sie in die Freiheit des Sohnes, in jene kühne und ausgesetzte, zugleich aber gelassene und geborgene Sohnschaft und Kindschaft gestellt, in welcher sie von innen her sich vom Vater die Stunden und die Stufen des Weges und das Wohin geben läßt, auch wenn sie selbst nicht zu sehen vermag, daß und wie es wei- [362] tergeht. Und in der Öffnung für den Geist entdeckt sie die Vielfalt der Gaben und Kräfte, die dieser Geist schenkt, in ihnen aber diese je eine Witterung, dieses je eine Leben, diese je eine Atmosphäre, welche zur Unterscheidung befähigt zwischen dem, was Gottes ist und was nicht.

Wie aber geht solches Leben, solcher Weg im Namen und in der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Geistes? Im Achten auf die Einheit, die Gleichheit und den Unterschied.

Der Grund, der in Gott die absolute Einheit des Wesens, die Gleichheit der Personen und zugleich ihre Unterschiedenheit trägt, ist einer und derselbe, ist kein anderer als Gott selbst, als die Liebe, die Gott ist. Diese Liebe, vollkommene Einheit also, ist aber nur dadurch Liebe und vollkommen und eins, daß sie Ursprünglichkeit ist, die jedoch nicht von sich wegführt, sondern als Ursprünglichkeit, als Selbstmitteilung ihr Entsprungenes und Mitgeteiltes in sich selber hat. Dann aber gibt es zwischen Entspringen-Lassendem und Entsprungenem, zwischen Mitteilendem und Mitgeteiltem keine Verschiedenheit, sondern die volle und ganze Entsprechung, Gleichheit in allem. Es kann kein seinshaftes Früher und Später, Größer und Kleiner, so und anders geben. Doch diese Gleichheit ist Gleichheit im Ursprungsgeschehen, das als solches absolute Produktivität ist, somit die Unterscheidung zwischen dem zeugenden Vater, dem gezeugten Sohn und dem von beiden einander geschenkten einen Geist erschließt. Diese Hervorgänge aber sind nichts anderes als das Geschehen der Einheit und Gleichheit, so daß die Unterschiedenheit, die durch die Hervorgänge konstituiert ist, nicht im Gegensatz zur Einheit und Gleichheit steht, sondern diese vollbringt und trägt.

Was kann an diesen Verhältnissen die kirchliche communio ablesen? Inwiefern findet sie in der communio, die Gott selber ist, [363] ihr eigenes Bild? Was Kirche konstituiert, ist das Leben Gottes selbst, das sich offenbart und mitteilt, Wahrheit und Leben der Kirche wird. Gerade sofern dieses Leben als wahrhaft das eine göttliche Leben in allen, welche die Kirche bilden, sichtbar wird, kann die Kirche es beglaubigen und weitergeben. Nur an der gegenseitigen Liebe und der Einheit, wie Vater und Sohn eins sind im Geist, kann Kirche erkannt werden und kann die Welt zum Glauben gelangen (vgl. Joh 13, 34 f.; 17, 20-23).

Der Anteil am einen göttlichen Leben, an der einen göttlichen Wahrheit und Gnade konstituiert in Analogie zum trinitarischen Leben die fundamentale Gleichheit derer, die ins Leben des Vaters und Sohnes und Geistes hineingetauft und so Glieder der Kirche geworden sind. Der Anteil aller am Priestertum der Kirche, die gleiche Würde und der gleiche Rang aller, unbeschadet ihrer Herkunft, ihres Standes, ihrer Funktion, gehört in den trinitarischen Grundbestand des pilgernden Gottesvolkes. Doch wie in der Dreifaltigkeit die Einheit der Liebe, die Einheit des Lebens nicht nur die Gleichheit, sondern die Unterschiedenheit konstituiert, so auch in der Kirche. Die unterschiedlichen Gaben und Dienste, die Vielfalt der Berufungen, die unterschiedlichen Weisen der Teilhabe an der Sendung der Kirche, das durch die Weihe vermittelte Amt schaffen nicht Rangunterschiede, stehen nicht in Opposition zur fundamentalen Gleichheit aller, sondern sind dazu da, das eine Leben Gottes, das er uns schenkt, zum Geschenk werden zu lassen, das wir einander und das wir den anderen vermitteln.

Wie aber im Wirken nach außen die drei Personen je gemeinsam wirken und in die unterschiedene Einheit des Werkes je sich selber in ihrer trinitarischen „Position“ einbringen, so steht es analog mit Auftrag und Wirken der Kirche als solcher: An ihnen [364] haben die vielen Glieder nach ihrer jeweiligen Gabe und Aufgabe ihren je eigenen Anteil. Sinn der legitimen, ja nötigen Vielfalt und Verschiedenheit in der Kirche ist nicht ein Gegeneinander von die Einheit mindernden Varianten, sondern die Fülle der einen Wahrheit und der einen Liebe im je eigenen Anteil am einen und gemeinsamen Zeugnis und Werk.

Wird hier eingewandt, daß dies eine idealtypische Sicht sei, so ist dem zuzustimmen: Es geht hier gerade um jene Ikone, die das dreifaltige Leben selbst für die Kirche bedeutet. Das dreifaltige Leben prägt die Kirche – und übertrifft sie, ist in ihr präsent – und bleibt darin ihre je größere Herkunft und Zukunft. Maßnehmen an diesem Wesensbild und Wesensmaß tut not und ist der einzige Weg, um Kirche wahrhaft immer wieder zu erneuern aus ihrem Ursprung her.

2. Kirche – Ikone der Dreieinigkeit*

Wir haben aufmerksam gemacht auf die Wechselwirkung: Nicht nur ist die Trinität Ikone des pilgernden Gottesvolkes, sondern umgekehrt gilt auch: Das pilgernde Gottesvolk, die Kirche, ist Ikone der Trinität. Indirekt kamen wir darauf schon zu sprechen mit dem Hinweis, daß das Zeugnis der Kirche nur glaubhaft wird durch die gegenseitige Liebe und Einheit. Auch dies ist kein primär „moralischer“, sondern ein „ikonischer“ Satz. Das Eigene und Andere des Gottes, der uns in Jesus Christus offenbart wurde, kann nur beglaubigt, ja in seiner eigenen Ordnung „vorgezeigt“ werden, wo die Liebe, die Gott ist und die ihn absolute Einheit sein läßt in der Gleichheit und Unterschiedenheit der Personen, geschichtlich berührbar wird in der Einheit der Glaubenden in Bekenntnis, Leben und Dienst. Diese Einheit aber wird ihrerseits vollbracht und getragen von der Gegenseitigkeit der Liebe, in welcher die Liebe Christi wirksam und jene dreifaltige Liebe sichtbar wird, die sich in der Liebeshingabe Christi [365] uns erschließt und schenkt. In „Lumen gentium“ 9, dem fundamentalen Artikel zu Beginn des zweiten Kapitels der Kirchenkonstitution, das die Kirche uns als geeintes und pilgerndes Gottesvolk vorstellt, ist von diesem Volk lapidar gesagt: „Sein Gesetz ist das neue Gebot (vgl. Joh 13, 34), zu lieben, wie Christus uns geliebt hat.“[15]

Indem wir, mit der Grundlosigkeit und Radikalität der Liebe Jesu, die bis zum Letzten geht, das Ja Gottes zu unserem Nächsten sprechen, haben wir teil an der Vaterschaft Gottes; indem wir, diese Liebe empfangend, sie erwidern, Geliebtsein zu Liebe werden lassen, leben wir das Geheimnis des Sohnes; indem wir in Lieben und Geliebtwerden den Raum und die Atmosphäre bereiten, in welcher der Herr selber in unserer Mitte sein kann, wirkt in uns und scheint in uns auf sein Heiliger Geist. Unser Leben wird im Neuen Gebot zum „dreifaltigen Rollenspiel“, das jene Wirklichkeit Gottes sichtbar macht, welche das Wort verkündet und das Sakrament mitteilt.

Solches Leben des Neuen Gebotes ist nicht ein ethischer Zusatz zur an sich gültigen und wirksamen Sakramentalität der Kirche, sondern ihr wesenhafter Ausfluß. Sicher steht der Herr zu seiner Kirche und zu seinem neuen Bund, den er ihr über alles Versagen in der Geschichte hinweg für immer anvertraut hat; und dies wirkt sich in der vom Verkünder und Spender nicht abhängigen Gültigkeit und Wirksamkeit des Wortes und der Sakramente aus. Daß das, was in Wort und Sakramenten der Kirche anvertraut ist, die Chance des dreifaltigen Lebens für die Menschen und für die Menschheit ist, wird freilich nur in dem Maß bezeugt und auf das „Glauben der Welt“ hin fruchtbar (vgl. Joh 17, 21), in welchem [366] unser Leben des Neuen Gebotes es von der Kirche glaubhaft und somit „aussagbar“ macht, daß sie das aus der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Geistes geeinte Volk ist. Das Mysterium des dreifaltigen Gottes kommt in der Kirche zum Leuchten, sofern sie die communio in gegenseitiger Liebe wirksam werden läßt, und indem sie dies tut, erfüllt sie und beglaubigt sie ihre missio für die Welt.

Einheit, Gleichheit und Unterschiedenheit in der Kirche und somit ihre komplexe communio-Struktur gewinnen Zeugniskraft und Plausibilität nur durch das trinitarische Leben, sofern es an der Kirche als ἀγάπη, als gelebte gegenseitige Liebe, sichtbar wird.

3. Das Gesetz des pilgernden Gottesvolkes: das Neue Gebot*

Wir können unsere Reflexion über Trinität als Ikone der Kirche und Kirche als Ikone der Trinität in folgende knappe Punkte zusammen­fassen:

1. Als das Einssein in Gleichheit und Unterschied zugleich, in welchem die absolute Liebe aufscheint, ist die Trinität die „Ikone des pilgernden Gottesvolkes“. Indem sie in Jesus Christus ist und indem sie geeint ist, ist sie inne in der Einheit des Sohnes mit dem Vater im Geist und wird befähigt, auch in sich das lebendig zu spie­geln, was als das je größere Maß, der je größere Ursprung und das je größere Ziel ihr in der Trinität voranleuchtet.[16]

2. Im Leben des Neuen Gebotes als „Gesetz“ des pilgernden Gottesvolkes bewährt sich die Kirche als die Ikone, als die wirk­mächtige Anschaulichkeit des dreifaltigen Gottes in der Welt und für die Welt. Vom Subjekt Kirche wird prädizierbar, daß sie [367] das aus der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Geistes geeinte Volk ist.

3. Im Einssein aufgrund und nach Maß des Neuen Gebotes wird jene Struktur von Kirche als communio sichtbar, die ihr vorgegeben und objektiv unverlierbar eingestiftet ist. Sie umfaßt zum einen die Einheit im Bewahren und Bezeugen der Wahrheit des Evangeliums und im Sakramentsein für die in Jesus der Welt sich schenkende Lie­be des dreifaltigen Gottes, zum andern die Gleichheit aller in der
Würde als Gotteskinder, als von Jesus Christus Geprägte und so zum Teilnehmen an seinen drei Ämtern als Priester, Prophet und König Gerufene, und schließlich die Verschiedenheit der Dienste und Charismen, welche die hierarchische Amtsstruktur und die ge­genseitige Verwiesenheit der Dienste und Charismen aufeinander einschließt. Dieses Ineinander von Einheit, Gleichheit und Unterschiedenheit gelingt als Zeugnis von communio, wo im Leben der Kirche Einheit, Gleichheit und Unterschiedenheit zugleich als Ausdruck von Liebe glaubhaft werden. Dies ist Ziel und Maß einer communio-Pastoral.

4. Dann aber ist das Ziel kirchlicher Struktur und der Bemühung um sie nicht ein „Kompromiß“ zwischen den drei genannten Mo­menten der Einheit, der Gleichheit und der Unterschiedenheit, erst recht nicht ein Kampf dieser verschiedenen Dimensionen oder auf­grund dieser verschiedenen Dimensionen, sondern jenes Einssein in der Liebe und in der Wahrheit, das Voraussetzung dafür ist, daß der Herr der Kirche, Jesus Christus selbst, in ihrer Mitte ist, als die le­bendige und wegweisende Mitte den Pilgerweg der Kirche begleitet und in ihr das im Sohn eröffnete Einssein mit dem Vater im Geist als Botschaft und Lebensinhalt der Kirche erhellt.

 

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