Pilgerndes Gottesvolk – geeintes Gottesvolk


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Pilgerndes Gottesvolk – geeintes Gottesvolk
I. Einheit und Unterwegssein in „Lumen gentium“ 1-4
II. Einheit als Wegspur unserer Zeit
III. „Einheit“ und „Weg“ in der Perspektive des trinitarischen Gottes
IV. Trinität als Ikone des pilgernden Gottesvolkes – pilgerndes Gottesvolk als Ikone der Trinität
V. Ein ökumenischer Seitenblick
VI. Vorblick: Einheit der Menschheit
VII. Zum Schluß: der Schlüssel

 

II. Einheit als Wegspur unserer Zeit

Wie schon notiert, lenkt „Lumen gentium“ 1 unseren Blick nicht nur auf die theologischen Gründe, die es ernötigen, von der Kirche als Sakrament der Einheit für die Menschheit zu sprechen, sondern auch auf zeitgeschichtliche Kontexte. Was damals über „vielfältige soziale, technische und kulturelle Bande“[10] der Men- [355] schen auf Weltebene miteinander gesagt wurde, ist heute nur um so dringlicher. Das Einswerden der Menschheit in einen weltweiten Kommunikations- und Zivilisationsraum, in der sozialen, wirtschaftlichen und kosmischen Interdependenz wirft, wie noch nie in der Geschichte, die Frage nach Einheit und Vielfalt der Kulturen, der Lebens- und Gesellschaftsformen auf. Wird die technische Zivilisation, welche alle Menschen in Ruf- und Reichweite zueinander rückt, es dabei belassen, die Menschheit immer neu in Privilegierte und Nichtprivilegierte zu teilen? Oder wird sie – eine ebenso gefährliche und der ersten im Grunde nicht einmal entrinnende Alternative – in einer formalen Gleichheit von Rechten und Chancen das je Eigene jener Kulturen und Menschentümer einebnen, die sich nicht in den formalen Vorgaben technischer Zivilisation adäquat zur Darstellung zu bringen vermögen? Wird insgeheim so ein Wertediktat erfolgen, derart etwa, daß nur das Lebensrecht hat, was eine technisch-funktional vermittelbare Plausibilität hat? Werden ihrer Tendenz nach weltbeherrschende Ideologien, die zusammenbrechen, nur durch andere ersetzt, auch wenn diese sich als Ideologien unter dem Schein der Sachzwänge verbergen? Wird die Vielzahl der Subjekte, die Milliardenzahl der menschlichen Personen in ein wie auch immer geartetes System nivelliert, das im Grunde dann einziges Subjekt der Geschichte ist – oder läuft alles auf eine bloße Isolierung der je Einzelnen hinaus, die aneinander vorbeikommen, in die Kommunikationslosigkeit bloß funktionaler Verschränkung abgedrängt zu werden drohen? Und lösen sich nicht die beiden Teile dieser Alternative in letzter Konsequenz ineinander auf?

Nur Einheit läßt die Menschheit leben und überleben – aber welche Einheit? Könnte es nicht für die uns aufgegebene Weggemeinschaft „Menschheit“ wie der Wegweiser in eine bislang un- [356] entdeckte Richtung aufleuchten, was in diesem Wort Cyprians[11] gesagt ist, aus der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Geistes geeintes Volk? Kirche als pilgerndes und geeintes Gottesvolk erhält in der Tat eine Anfrage und einen Auftrag von der Menschheitsgeschichte: Könnte sie nicht Wegspur werden für eine in ihre Zukunft pilgernde geeinte Menschheit? Gewiß ist hierbei notwendig, den eschatologischen Charakter des pilgernden Gottesvolkes nicht zu übersehen. Die pilgernde Menschheit kann nicht in ihrem eigenen geschichtlichen Horizont bereits jenes erreichen, was sie inspiriert und was ihr Ziel ist. Heil ist nie innergeschichtliches Produkt menschlichen Handelns. Nichtsdestoweniger braucht das über die Geschichte hinausweisende und erst im Eschaton erfüllte Heil seine Wegzeichen, seine inkarnierten Verheißungen und geschichtlich wirksamen Maßstäbe.

 

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