Pilgerndes Gottesvolk – geeintes Gottesvolk


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Pilgerndes Gottesvolk – geeintes Gottesvolk
I. Einheit und Unterwegssein in „Lumen gentium“ 1-4
II. Einheit als Wegspur unserer Zeit
III. „Einheit“ und „Weg“ in der Perspektive des trinitarischen Gottes
IV. Trinität als Ikone des pilgernden Gottesvolkes – pilgerndes Gottesvolk als Ikone der Trinität
V. Ein ökumenischer Seitenblick
VI. Vorblick: Einheit der Menschheit
VII. Zum Schluß: der Schlüssel

 

I. Einheit und Unterwegssein in „Lumen gentium“ 1-4

Am Anfang unserer Erwägungen ist es dienlich, in den vier ersten programmatischen Nummern der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ die faktische Verbundenheit zwischen den beiden Motiven des pilgernden und des geeinten Gottesvolkes aufzuzeigen.

[351] 1. Gottes Heilsplan für Kirche und Menschheit*

Im Artikel 1 lesen wir: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“[2] Diese unlöslich doppelte Wegrichtung der Einheit, Einheit mit Gott und Einheit miteinander, hat in der Kirche nicht ihren Schlußpunkt, vielmehr ist Kirche gerade dynamisch, weghaft über sich selbst hinaus bezogen auf die Einheit des Menschengeschlechts. Sie soll jene Einheit, die ihr geschenkt ist, hinaustragen ins Ganze der Menschheit. Dieser immer der Kirche aufgetragene Weg, diese ihre Sendung wird in der derzeitigen Situation als besonders aktuell herausgestellt: „Die gegenwärtigen Zeitverhältnisse geben dieser Aufgabe der Kirche eine besondere Dringlichkeit, daß nämlich alle Menschen, die heute durch vielfältige soziale, technische und kulturelle Bande enger miteinander verbunden sind, auch die volle Einheit in Christus erlangen.“[3]

Die drei folgenden Artikel 2-4 unseres Dokumentes falten die Grundaussage über die Kirche in Richtung auf die drei göttlichen Personen aus. In Artikel 2 wird der in besonderer Weise dem Vater zugeeignete allgemeine Heilsratschluß Gottes auf die Kirche hin präzisiert: „Die aber an Christus glauben, beschloß er in der heiligen Kirche zusammenzurufen.“[4] Die ganze Weltgeschichte wird dargestellt als Weg, an dessen Ende die Vollendung der Kirche in Herrlichkeit steht. „Dann werden ... alle Gerechten von Adam an, von dem Gerechten Abel bis zum letzten Erwählten, in der allumfassenden Kirche beim Vater versammelt werden.“[5] Der Ratschluß des Vaters zum Heil der Menschheit ist der [352] Anfang des Geschichts- und zumal des Kirchenweges, die Einung und Sammlung der erlösten Menschheit beim Vater ist deren Ziel.

In Artikel 3 wird die Verbindung von Einheit und Weg christologisch begründet: „Zugleich wird durch das Sakrament des eucharistischen Brotes die Einheit der Gläubigen, die einen Leib in Christus bilden, dargestellt und verwirklicht (1 Kor 10, 17). Alle Menschen werden zu dieser Einheit mit Christus gerufen, der das Licht der Welt ist: Von ihm kommen wir, durch ihn leben wir, zu ihm streben wir hin.“[6]

Unter den Wirkungen des Geistes, die in Artikel 4 als konstitutiv für die Kirche vorgestellt werden, fällt unser Blick auf zwei Aussagen über Geist und Kirche: Der Geist „eint sie in Gemeinschaft und Dienstleistung ... und geleitet sie zur vollkommenen Vereinigung mit ihrem Bräutigam. Denn der Geist und die Braut sagen zum Herrn Jesus: ‚Komm’ (vgl. Apk 22, 17).“[7]

Vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist wird also in je unterschiedener und je verbundener Weise ausgesagt, daß sie die Kirche auf den Weg bringen, dessen Ziel und Gestalt die Einheit ist.

2. Dreifaltige Einheit – Weggesetz der Kirche*

Es ist ein altes theologisches Axiom, daß im Handeln nach außen die drei Personen der Trinität je gemeinsam wirken, wobei sich freilich die einzelnen Personen je als sich selbst, in ihrem Proprium, einbringen, was Grund für die Sinnhaftigkeit von Appropriationen, von Zueignungen einzelner göttlicher Wirkungen an je eine Person, ist. Dies wird nun ausgedrückt, indem am Ende von „Lumen gentium“ 4 der den heiligen Cyprian zitierende Satz [353] steht: „So erscheint die ganze Kirche als ‚das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk’.“[8] Dieser Satz hat freilich einen Überschuß der Aussage über das bisher Gesehene hinaus. Das Verbundensein jeder Person in der Trinität mit den anderen ist näm­lich hier nicht nur als eine allgemeine und äußere Prämisse für das von Gott gewirkte Einssein – und wie sich zeigen wird, auch für das Unterwegssein – der Kirche im Blick; vielmehr wird gerade dieses Miteinander der Wirksamkeit der göttlichen Personen und ihr Grund, ihr absolutes Einssein, als prägender, spezifischer Grund für die Kirche und ihre Einheit statuiert. Einheit der Kirche hat also, für sie konstitutiv, mit dem Einssein Gottes in drei Personen zu tun.

Diese aus dem Text selbst resultierende Aussage erhält ihre besonde­re Brisanz, wenn sie zurückgelesen wird auf den Kontext unseres Wortes. Es stammt aus Cyprians „De Oratione Dominica XXIII“[9]. Der Fundort der so bedeutenden Kirchendefinition ist also nicht eine dogmatische oder spekulative Abhandlung, sondern eine Auslegung des Vaterunser, genauer der Vaterunser-Bitte, die uns die Vergebung der Schuld erfleht und zugleich das einzig „aktive“ Element des Beters im ganzen Vaterunser enthält: „Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“. Cyprian verknüpft diesen Halbsatz des Vaterunser mit dem anderen Wort der Bergpredigt, das uns er­mahnt, die Opfergabe am Altar zu lassen, um uns zuerst mit dem Bruder zu versöhnen (vgl. Mt 5, 24). Die Begründung, weshalb der Weg zum Opfer, der Weg vor Gottes Angesicht also, nur „geht“, wenn er den Weg der Versöhnung [354] einschließt und voraussetzt, sieht Cyprian nun in der Eigenschaft der Kirche, die sie auf das Innerste und Eigenste Gottes selbst zurückbezieht: Sie ist das aus der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Geistes geeinte Volk. Damit aber wird die Verankerung der Kirche in der dreifaltigen Einheit Gottes zum inneren Weggesetz der Kirche selbst. Sie ist Weg ihrer Glieder und Weg der Menschheit zu Gott in ihrem vollen Wesensmaß nur, wenn sie auch Weg ihrer Glieder zueinander und miteinander ist. Die Einheit der Kirche vollzieht sich im Weg zu Gott und zueinan­der, im Weg mit Gott und miteinander, und diese „beiden“ Wege sind ebenso nur ein einziger Weg, wie auch die göttliche Tugend der Liebe nur sie selber ist, indem sie eins und unteilbar Gottes- und Nächstenliebe ist. Der Einheits- und der Wegcharakter von Kirche hängen innerlich miteinander zusammen. Wenn dem entgegengehalten wird, im Ausdruck „pilgerndes Gottesvolk“ stehe doch mehr die eschatologische Dimension im Vordergrund, so nimmt dies vom Festgestellten nichts hinweg; das eschatologische Wegziel ist nämlich die Einheit von Einheit mit Gott und Einheit miteinander. Die Aussagen der ersten vier Artikel von „Lumen gentium“ unterstrei­chen dies.

 

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