Geistlich heißt weltlich


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Geistlich heißt weltlich
I. Blick auf die Situation des Menschen und der Gesellschaft
1. Was braucht der einzelne?
2. Was braucht die Gesellschaft?
3. Die fällige Integration
II. Grundzüge einer christlichen, weltlich-geistlichen Antwort
1. Zugang: Jeder sagt sein Wort
2. Das Wort heißt Ja
3. Konkret mit dem Wort leben
III. Konsequenzen für die katholischen Verbände

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[309] Wenn die Mauern Risse bekommen, nützt es wenig, die Wände neu zu tapezieren. Wenn es uns nicht gelingt, die Antwort des Christlichen so zu sagen, daß sie die Frage des Menschen trifft, nützen pastorale Einzelaktionen wenig. Das meint keine vorschnelle Anpassung an das, was heute gut ankommt. Nein, wir müssen die ganze Distanz zwischen dem Bewußtsein und der Lebenspraxis in unserer Gesellschaft einerseits und der unverkürzten Mitte der christlichen Botschaft andererseits zur Kenntnis nehmen und auf uns nehmen; denn nur eine Brücke, deren Spannungsbogen von Mitte zu Mitte führt, verbindet und trägt.

In diesem Licht ist ebenso positiv wie kritisch zu zwei Tenden­zen Stellung zu nehmen, die sich in jüngster Zeit abzeichnen. Ein­mal hört man immer wieder den Ruf nach einer neuen Spiritualität. Derzeit ist Spiritualität „in“. Man merkt, daß man mit bloßen Aktionen, Rechthabereien und Verteidigungen nichts ausrichtet. Man merkt, daß mit bloßen Strukturen nichts geschafft ist. Man merkt, nur aus der Tiefe kann der Mensch leben. Und das ist gut so. Aber sich in die eigene Tiefe einigeln, damit man das grelle Tageslicht und was in ihm vorgeht nicht aushalten und darauf reagieren muß, das wäre zu wenig. Allzu leicht bekäme sonst die Parabel vom Fuchs recht, der die Trauben deswegen sauer schilt, weil sie ihm zu hoch hängen.

Ähnliches läßt sich von einer gegenläufigen Tendenz sagen. Spätestens seit dem Mönchengladbacher Katholikentag hören wir es immer wieder sagen: Wir brauchen eine neue katholische Soziallehre. Jawohl, wir brauchen sie. Aber diese neue Soziallehre allein schafft es nicht, wenn sie nicht hineinreicht in unser Leben. Wir dürfen die neue katholische Soziallehre nicht nur im Kopf, nicht nur auf dem Papier haben, sondern wir müssen sie in den Fingerspitzen haben und unter den Füßen. Es kommt darauf an, daß wir auf eine neue Weise wahrzunehmen und zu gehen, zu handeln und zu sein lernen. Dann aber ist der Brückenschlag zwischen Spiritualität und gesellschaftlicher Aktion nicht minder fällig als jener andere zwischen der Mitte der christlichen Botschaft und der Mitte des heutigen Bewußtseins. Ja vielleicht handelt es sich bei beiden sogar um etwas Verwandtes, beinahe um eines und dasselbe.

Ob das stimmt und wie das stimmt, dürfte sich am ehesten bestätigen, wenn wir unmittelbar in unsere Situation und unmittelbar in die christliche Botschaft hineinschauen.

 



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