Christliche Spiritualität in einer pluralistischen Gesellschaft


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Christliche Spiritualität in einer pluralistischen Gesellschaft
I. Die angefochtene Mitte
II. Zugang zur Mitte
III. „Das Wort ist Fleisch geworden“
IV. Die Mitte in der Peripherie

 

 

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[85] „Kühnes Vertrauen! Petrus war Fischer, war nicht reich, sorgte für den Unterhalt mit seiner Hände Arbeit. Und doch sagte er zuversichtlich: Wir haben alles verlassen. Und weil das bloße Verlassen nicht genügt, fügte er hinzu, was das Vollkommene ist: Und wir sind dir gefolgt. Wir haben getan, was du befahlst, welchen Lohn schenkst du uns dafür? Jesus aber sagte ihnen: Wahrlich, ich sage euch, ihr, die ihr mir gefolgt seid, werdet bei der Wiederherstellung, wenn der Menschensohn auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzt, auch selbst auf zwölf Thronen sitzen, um die zwölf Stämme Israels zu richten. Er sagt nicht: Die ihr alles verlassen habt. Das tat nämlich auch der Philosoph Krates, und viele andere haben den Reichtum verschmäht. Nein, er sagte, die ihr mir gefolgt seid. Denn das ist das Eigentümliche der Apostel und der Glaubenden.“

(Hieronymus zu Mt 19, 27ff.)

 

Das unterscheidend Christliche liegt – wenn diese kühne Anwendung des Hieronymustextes erlaubt ist – nicht so sehr im Unterscheiden, Abschneiden, in der Negation, sondern darin, daß Menschen zugehen auf etwas, genauer: auf jemand. Menschen lassen sich ein auf einen, der die Mitte ihres Daseins wird, und von dieser neuen Mitte wird das Leben, werden sie selbst, wird die Welt ihnen neu. Wichtiger als die Unterscheidung ist die Identifikation.

[86] Aber gerade um dieser Identifikation willen geht es auch nicht ohne die Unterscheidung. Wieviel möchte doch Mitte in unserem Dasein werden, wieviel wirbt darum, ins Zentrum unseres Interesses, unserer Aktivität, unseres Einsatzes, unserer Welt-anschauung zu treten. Wer aber in der Nachfolge zu Jesus sagt: „Nur du“, der sagt mit diesem seinem Ja zugleich auch ein Nein zu all den anderen Angeboten und Deutungen, die sich seiner Suche nach Sinn, nach Mitte, nach Identität aufdrängen.

Solche Unterscheidung kann aber nicht zeitlos, abstrakt, ein für allemal geschehen; denn die Konkurrenzsituation, und in ihr jenes, was es zu verlassen gilt, um Jesus allein nachzufolgen, formuliert sich immer neu. Die eine bleibende Mitte des Christlichen, Jesus, dem es nachzufolgen gilt, muß immer neu anvisiert werden, von den immer neuen Wegen der Geschichte des einzelnen, der Gesellschaft, der Welt.

 

 



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