Voraussetzung des pastoralen Dienstes: dienende Gemeinde


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Voraussetzung des pastoralen Dienstes: dienende Gemeinde
I. Die Zukunft von Gemeinde
II. Grundprobleme der Gemeinde heute
1. Identifikation*
2. Partizipation*
3. Offenheit - Geschlossenheit*
III. Der Sinn von Gemeinde: Gleichzeitigkeit
IV. Dimensionen der „Gleichzeitigkeit“
1. „Gleichzeitig“ zu Ursprung und Tradition*
2. „Gleichzeitig“ zu allen in der Gemeinde*
3. „Gleichzeitig“ zu den anderen Gemeinden und zur Gesamtkirche*
4. „Gleichzeitig“ zu Gesellschaft und Welt*
V. Utopie oder Weg?
III. Der Sinn von Gemeinde: Gleichzeitigkeit

Es ist mehr als ein Zufall, wenn im Grund auf allen Stufen und bei allen Schritten unserer Reflexion ein Zugleich und in diesem Zu­gleich eine Spannung, ein Miteinander scheinbar gegenläufiger Ten­denzen zur Sprache kam. Ist nicht der Sinn von Gemeinde überhaupt, aber auch der Sinn des pastoralen Dienstes und der pastora­len Dienste ein Zugleich, eine Gleichzeitigkeit?

Das Wort Gleichzeitigkeit mag recht abstrakt klingen. Wer aber die Not um die Zeit und ums Zeithaben erfahren hat, der erfährt auch, daß Zeit alles eher ist als ein bloß äußerer Ablauf, als ein for­males und neutrales Etwas. Eine Schwierig- [25] keit, die den Menschen heute besonders bedrängt, kam, wenigstens direkt, bislang nicht zur Sprache: die Kontaktnot, die Kommunikationsnot: Was mich be­wegt, was meine Zeit in Beschlag nimmt, was mir keine Ruhe läßt, was mich nicht zu mir kommen oder nicht über mich hinauskom­men läßt, das kann ich dir nicht so sagen, daß es aufgehoben und ge­borgen wäre in deiner Zeit, in dem, was dich beschäftigt, in deinem eigenen Zeithaben für dich und mich. Wir haben keine Zeit fürein­ander, das will doch sagen: unsere Zeit findet nicht zusammen in ei­ne Zeit. Wenn die Klammer um diese Gesellschaft nur die Funktion ist, dann ist zwar äußerlich die Zeit der vielen aneinander gebunden, aber sie bleiben, jeder für sich, nur in der eigenen Zeit, es wächst nicht jene Zeit, die dich und mich und alle in den einen offenen Ho­rizont des Füreinanders und Miteinanders einbringt.

Glaube aber heißt dann glauben, daß Gott seine eigene „Zeit“ für unsere Zeit geöffnet hat, daß er nicht nur „darüber“ geblieben, viel­mehr eingestiegen ist in unsere Zeit; mehr noch: daß er in Jesus alle Zeit angenommen, durchlebt und durchlitten hat. Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist die Zeit, die Gott für uns hat.

Auf uns hin gewendet: Wer glaubt, der macht damit Ernst, daß alles, was er in seiner eigenen Zeit erlebt, seine eigenen Sorgen, Auf­gaben, Interessen, aber auch sein Versagen durch Jesus gleichzeitig gemacht wurden mit der lösenden, helfenden, annehmenden Liebe Gottes. Er in uns und wir in ihm: diese johanneische Formel ist For­mel der Gleichzeitigkeit zwischen uns und ihm, die christliches Glauben und christliches Leben aus dem Glauben kennzeichnet.

Solange wir dieses Verhältnis aber nur zwischen mir als einzel­nem und Jesus als dem, der da ist für mich, betrachten, haben wir die ganze Dimension von Inkarnation, Kreuz und Auferweckung als der bleibenden Gleichzeitigkeit Jesu mit uns noch nicht im Blick. Nicht nur meine Zeit, sondern auch deine Zeit, auch die Zeit eines jedweden anderen ist in der einen verschenkten Zeit Gottes in Jesus mit drinnen. Jesus ist die Gleichzeitigkeit Gottes mit den Menschen. Dann aber sind ich und du, sind wir und die anderen in Jesus gleich­zeitig miteinander. Und Gemeinde, Kirche ist das offene Angebot der Gleichzeitigkeit Gottes mit der Menschheit für die Welt. Das muß ihr Leben, das muß den Dienst in der Gemeinde, das muß aber auch Zeugnis und Dienst der Gemeinde für die anderen, für die Welt prägen. Diese Gleichzeitigkeit ist der Einstieg in das, worum es beim Dienst an der Gemeinde und beim Dienst der Gemeinde geht.



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