Voraussetzung des pastoralen Dienstes: dienende Gemeinde


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Voraussetzung des pastoralen Dienstes: dienende Gemeinde
I. Die Zukunft von Gemeinde
II. Grundprobleme der Gemeinde heute
1. Identifikation*
2. Partizipation*
3. Offenheit - Geschlossenheit*
III. Der Sinn von Gemeinde: Gleichzeitigkeit
IV. Dimensionen der „Gleichzeitigkeit“
1. „Gleichzeitig“ zu Ursprung und Tradition*
2. „Gleichzeitig“ zu allen in der Gemeinde*
3. „Gleichzeitig“ zu den anderen Gemeinden und zur Gesamtkirche*
4. „Gleichzeitig“ zu Gesellschaft und Welt*
V. Utopie oder Weg?
1. Identifikation*

Das Problem eins – das ist ansatzweise schon im Ausgeführten einge­schlossen – [21] heißt Teilidentifikation. Die Klammer, die unsere Gesellschaft zusammenhält, ist primär das Funktionierenmüssen. Jeder hängt vom anderen, alle voneinander, der einzelne somit vom Gan­zen ab. Was dieser einzelne sich als Sinngebung des Ganzen zu sei­nem Funktionieren in Leistung und Konsum dazudenkt, ist seine Sache, Sinndeutung und Weltanschauung werden „Luxus“. Hier stoßen wir auf einen der Gründe des weltanschaulichen Pluralismus in unserer Gesellschaft. Kein Zweifel, er vermehrt auf die eine Weise den Spielraum der Freiheit, deren die überzeugte Identifikation mit einer Botschaft von Sinn und Heil bedarf. Andererseits wird die Freiheit zur Identifikation aber auch geschwächt. Wenn Sinndeu­tungen als unverbindlicher Zusatz zum Leben erscheinen, wenn sie in der Gesellschaft daran bemessen werden, ob und wie sie die Kon­formität des Funktionierens fördern, dann geraten sie in einen schie­fen Blickwinkel. Man spürt wohl inzwischen mehr und mehr, daß es ohne eine Sinndeutung doch nicht geht, man ist mehr und mehr mit dem bloßen Konformitätsdruck der Gesellschaft nicht zufrie­den. Aber das freibleibende Angebot von Sinndeutungen, Weltan­schauungen, Botschaften multipliziert sich, erhält Warencharakter, wird auf den Markt, man könnte sagen: auf den Supermarkt der Weltanschauungen gezogen. Die Folge: man bedient sich, man kombiniert, man wechselt ab.

Ein solches Verhalten erscheint von den psychischen und sozia­len Bedingungen her als normal, und sehr viele, die dieses Verhalten an den Tag legen, sind sich dessen kaum bewußt, weil es wie von selbst so läuft. Dennoch müssen wir uns dem neuen Befund stellen; er heißt: Zunahme der bloßen Teilidentifikation.

Kann die Kirche sich damit abfinden, muß sie sich einfach um­stellen auf die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse? Gewiß, hierzu wäre viel zu sagen, und eine knappe Formel erweckt leicht den An­schein, aus ideologischen Rücksichten erwachsen zu sein und viele Faktoren zu übersehen. Riskieren wir die kurze Formel dennoch: Gegenüber der totalen Identifikation, die Gott selber in Jesus Chri­stus mit den Menschen eingegangen ist, kann es als Antwort keine Teilidentifikation geben. Die Heilsbedeutung der Inkarnation Got­tes in Jesus und des Todes Jesu für die vielen kann nicht nur zu 49 oder auch 99 Prozent akzeptiert werden. Wenn irgendwo, dann gibt es hier nur die ganze Antwort der ganzen Annahme. Zwar wäre es kurzschlüssig, mit diesem harten Kern die konkrete Gestalt kirchlichen Lebens in allem gleichzusetzen. Dennoch müssen zwei Dinge hier zu denken geben: einmal hängen wesentlich mehr Inhalte, die bei vielen teilidentifizierten Christen in die Schwebe rücken, doch recht unmittelbar mit diesem harten Kern zusammen; und zum an­deren hängt mit diesem harten Kern als Konsequenz ebenfalls zu­sammen, daß ich mich auf eine konkrete Gemeinschaft einzulassen habe, die „an sich“ freilich auch ganz anders aussehen könnte.

Natürlich kommt der beschworene harte Kern des Evangeliums nicht in den Blick, wo nicht mit in den Blick kommt, welches die unzerstörbaren zwei Seiten [22] des inkarnatorischen und erlösenden Grundgeschehens sind. Die Totalidentifikation Gottes mit den Menschen in Jesus ist zum einen Totalidentifikation Jesu im Sohnes­gehorsam mit dem Vater – daraus folgt eben die totale Antwort un­serer verdankenden und glaubenden Liebe auf diesen Willen des Va­ters, der den Sohn um unseres Heiles willen sendet und hingibt. Zum anderen ist dieser strenge und nahtlose Gehorsam, diese ganze Hingabe, durch die wir erlöst sind, Zuwendung zu allen, Annahme aller, wie und wo sie sind. Dann aber ist die von uns abgeforderte Totalidentifikation untrennbar zugleich Übernahme des Interesses Gottes an allen und folglich auch daran, daß der glimmende Docht nicht gelöscht wird. Jener, der nicht dagegen ist, soll ins Dafürsein eingeborgen werden. Es bestätigt sich also die schon gezeigte Span­nung: kein gestuftes Angebot, keine Etablierung graduell unter­schiedlichen Christentums und Kirchentums, wohl aber Offenheit dafür, jeden Ansatz für Christentum und Kirche zu hüten und zu entfalten und in seiner Beziehung zur Mitte ernst zu nehmen.

Die Schwierigkeit freilich bleibt, wie der Mensch von heute die befremdliche Konkretheit der Kirche verkraftet und sich nicht mit einer bloß formalen „Vereinsmitgliedschaft“ begnügt. Es ist berech­tigt, genügt aber nicht, darauf hinzuweisen, daß auch in früheren Jahrhunderten, und gerade im viel beschworenen „christlichen Mit­telalter“, die faktischen Identifikationsweisen mit der Kirche reicher gefächert waren, als wir uns dies meist vorstellen. Die für heute drängende Antwort könnte vielleicht in etwas anderem liegen: Die Gestalt, wie Gott sich in Jesus mit uns identifiziert hat, ist der Dienst. Wo wirklicher Dienst übernommen wird, da, ja da vielleicht allein gelingt der Sprung über die wählerische Konsumhaltung hin­aus, die nur das nimmt, was gerade gefällt. Wo mehr und mehr deutlich wird, wo mehr und mehr praktiziert wird, daß Sich-Identifizieren Übernahme von Dienst, daß Zugehören Dienen heißt, da könnte ein Sprung gelingen, wo andernfalls nur eine Kluft und das Unvermögen vor ihr bleiben. Identifikation durch Dienst, pastora­ler Dienst nicht nur an den Gemeinden, sondern pastoraler Dienst der Gemeinden heißt wohl ein wichtiges Stichwort für die Zukunft.



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