Voraussetzung des pastoralen Dienstes: dienende Gemeinde


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Voraussetzung des pastoralen Dienstes: dienende Gemeinde
I. Die Zukunft von Gemeinde
II. Grundprobleme der Gemeinde heute
1. Identifikation*
2. Partizipation*
3. Offenheit - Geschlossenheit*
III. Der Sinn von Gemeinde: Gleichzeitigkeit
IV. Dimensionen der „Gleichzeitigkeit“
1. „Gleichzeitig“ zu Ursprung und Tradition*
2. „Gleichzeitig“ zu allen in der Gemeinde*
3. „Gleichzeitig“ zu den anderen Gemeinden und zur Gesamtkirche*
4. „Gleichzeitig“ zu Gesellschaft und Welt*
V. Utopie oder Weg?
4. „Gleichzeitig“ zu Gesellschaft und Welt*

Die Dimension der Universalität sprengt die Gemeinde indessen nicht nur auf zum Gesamt der Kirche, sondern öffnet sie zur Welt, zur Gesellschaft, zur Zeit im ganzen. Gemeinde, ja Kirche sind nicht Endstation der Zuwendung Gottes zur Welt, sondern Ort, an dem er seine Gleichzeitigkeit mit der ganzen Geschichte und mit der ganzen Welt konkretisieren, vollbringen, immer wieder neu begin­nen will. Das „pilgernde Gottesvolk“ ist unterwegs zum wieder­kommenden Herrn, es ist aber zugleich unterwegs in die Welt und ihre je anderen Horizonte. Nur dann lebt die Gleichzeitigkeit Got­tes mit der Welt, die sich in Jesus ereignet, in der Gemeinde, wenn die Sorgen, Fragen und Nöte, aber auch die Chancen, Interessen und Kostbarkeiten der Welt als die ureigene Sache der Gemeinde er­fahrbar werden. So verstanden, lassen sich Heilsdienst und Welt­dienst tatsächlich an keinem Punkt auseinanderdividieren.

Aus diesen Dimensionen der Gleichzeitigkeit resultieren die Stoßrichtungen des Weltdienstes der Gemeinde; sie muß die vielfäl­tige Dynamik solcher Gleichzeitigkeit zu eigen haben. Identifikati­on mit der Kirche kann sich nicht – dies wird hier einmal mehr of­fenbar – in der Übernahme eines fixen Bestandes von Glaubenssät­zen und -praktiken erschöpfen, sondern ereignet sich als Dienst, der die gezeichneten Richtungen der Gleichzeitigkeit Gottes mit der Welt zur geschichtlichen Gestalt werden läßt, damit aber die Le­bensgestalt Jesu selbst übernimmt, der sich hinwendet zum Vater und zur Welt, der da ist für diesen einzelnen und für alle, der das ganze Volk sammeln will und gerade deshalb den Kreis der Jünger um sich sammelt.

Aber nicht nur der Dienst der Gemeinde, sondern auch der pastorale Dienst in der Gemeinde und an ihr erhält von der Vielfalt solcher in Jesus eröffneten Gleichzeitigkeit sein Maß. Die bleibende Kontur, die durch die Epochen hindurchreichende Identität ist in solcher Gleichzeitigkeit ebenso verankert wie die Notwendigkeit ei­ner ständigen Erneuerung der Strukturen und Formen, in denen pa­storaler Dienst ausgeübt wird. Priesterlicher Dienst als in der apo­stolischen Sendung gründende Gewähr für die „Gleichzeitigkeit der Gleichzeitigkeiten“, „Weltauftrag“ des einzelnen Christen und frei­er Gruppierungen von Christen als die je neu herausgeforderte Gleichzeitigkeit christlichen Glaubens und Lebens mit dem, was in der Gesellschaft geschieht, Vermittlung zwischen Mitte und Rand der Gemeinde durch den diakonalen Dienst erschließen sich als ein tragendes Koordinatensystem, das nicht durch Planungen, Ent­flechtungen, Kompetenzverteilungen überspielt werden kann. Das Eigene des Priesters, des Diakons, des Laien könnte von hier aus deutlicheres Profil gewinnen. Ebenso werden – auch hierfür muß in unserem Kontext ein knapper Hinweis genügen – aber auch die Aufgabenstellung für neue Dienste und ein neues Gesamtkonzept pastoralen [29] Dienstes möglich: Es geht um Formen der Kooperation, die mehr sein will als bloß ein Funktionieren, als ein reibungsloses Vorbeikommen aneinander, es geht um Formen gemeinsamer Ver­antwortung, die dem Amt seine Aufgabe nicht streitig, vielmehr un­ter heutigen Bedingungen erst möglich macht, es geht um ehrenamt­liche Laiendienste, die dafür Sorge tragen, daß Gemeinde sich aus vielfältigen Zellen und Gruppen gelebter Gleichzeitigkeit aufbauen kann, es geht nicht zuletzt um hauptamtliche pastorale Dienste von Laien, durch welche zumal die heute so dringliche Verklammerung zwischen verschiedenen Sach- und Lebensbereichen und dem Heils­dienst Christi leistbar wird, es geht schließlich um gemeindliche und übergemeindliche Strukturen, die so anzulegen sind, daß sich ein Optimum an Gleichzeitigkeit in der Gemeinde und zwischen den Gemeinden erreichen läßt. Die Synodenvorlagen „Die pastoralen Dienste in der Gemeinde“, „Verantwortung des ganzen Gottesvol­kes für die Sendung der Kirche“, „Rahmenordnung für die pastora­len Strukturen und für die Leitung und Verwaltung der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ zielen in die genannte Richtung; die Aufgaben, die naturgemäß nach der Synode noch übrigbleiben, sind freilich größer als jene, die sie unmittelbar erfüllen kann.



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