Für das Leben der Welt


Ansprache zum Leitwort



[114] Wir kennen doch die Geschichte von der Brotvermehrung. Ein Junge mit fünf Broten und zwei Fischen, einer unter fünftausend, die schon tagelang in der Wüste ausgehalten haben, eine rührende Randfigur des Evangeliums, lächerlich unwichtig und ohne alle Proportion zu der Situation, um die es geht.

Sind nicht wir selbst dieser Junge?

Wir, das meint den einzelnen, das meint mich. Mich in meinem Verhält­nis zum Leben und zu dem Anspruch, den das Leben mir stellt. Mit kargem Proviant, mit schmaler Kraft und wenig Phantasie, mit einer Energie, die immer wieder am Ende ist, wenn der entscheidende Schritt zu tun wäre, so stehen wir vor Aufgaben, wie sie in früheren Jahrhunderten nicht gängig waren. Sicher, wir haben es in vielem leichter, sogar besser als frühere Generationen. Wir haben Hilfsmittel der Technik, der Planung, der Vor­sorge zur Hand. Aber derselbe Apparat, der uns sichert, programmiert und beansprucht uns auch bis zum äußersten, in ihm lauern Gefahren von unberechenbarem Ausmaß, und selbst wenn es klappt, steht unsere Frei­heit vor Entscheidungen, die unsere Sichtweite, unsere Orientierung, unsere Kraft übersteigen. Die eigentliche Energiekrise, die uns zu schaffen macht, sitzt weiter innen als die Sache mit dem Heizöl und dem Benzin. Es geht um Klarheit und Mut, um Entschlußkraft und Durchhaltevermögen, die über den Horizont von uns Normalverbrauchern einfach hinausgehen. Wir sind wie in einem Auto, das modernste Schalt- und Steuervorrichtungen hat, aber die Straße sehen wir nicht. Alles in allem: fünf Brote und zwei Fischlein für fünftausend Mann.

Wir selbst sind dieser Junge. Wir selbst aber sind nicht nur dieser ein­zelne; wir – das ist die Gesellschaft im ganzen. Man braucht kein Schwarzmaler zu sein, um davon betroffen zu werden, wie labil unsere Gesellschaft ist, wie wetterwendisch in ihren Entscheidungen, wie hilflos in den Krisen, die unversehens von irgendwoher aufbrechen. Der Optimis­mus, spätestens übermorgen die menschlichen Strukturen der menschlichen Zukunft geplant zu haben, ist schneller verflogen, als er kam. Wir brau­chen die Meinung mancher Ökologen nicht zu erhärten oder zu wider-[115]legen, nach welcher der Rohstoffvorrat dieser Erde noch für fünf oder acht Jahrzehnte reicht, bis der Weltinfarkt stattfindet. Gemessen an der Zu­kunft der Menschheit sind wir so oder so in der Rolle des Jungen aus dem Evangelium, und mit ein paar Appellen und Maßnahmen ist diese Situation nicht zu ändern.

Und wäre sie zu ändern, wäre das Defizit an Zukunftschancen geschickt auszugleichen, das Defizit an Menschlichkeit bliebe. Und dieses Defizit, das der Qualität und nicht der Quantität, wiegt weit schwerer. Wieviel Egoismus, wieviel Konzentration nur aufs Eigene sind allein im letzten Jahr durchgebrochen, hier bei uns! Die Amerikaner sind weg aus Vietnam, der Krieg geht weiter: wer denkt daran? Ein bißchen Energie- und Wirt­schaftskrise, und die europäische Solidarität zerbröselt an allen Ecken und Enden. Der Gedanke an Strafrechtsreform, und gleich geht es den gemein­samen fundamentalen Wertüberzeugungen zu Leibe, nicht selten mit Paro­len, die des Menschen unwürdig sind. Die paar Gegenbeispiele von tat­kräftigem Idealismus, von verstärkter Solidarität und opfervollem Einsatz fallen unter das Wort der Apostel angesichts des Hilfsangebots unseres kleinen Jungen: Was ist das für so viele?

Was ist das für so viele? Das könnte bestenfalls auch das Wort sein, mit dem sich noch so mutige Diskussionsergebnisse und Resolutionen, Impulse und Aktionen quittieren lassen, die dieser Katholikentag zuwege bringen mag. Einmal ganz abgesehen davon, daß wir Christen, daß unsere Kirchen es nicht einmal ohne weiteres hinbekommen, so couragiert wie dieser kleine Junge sein bißchen Vorrat der hungernden Gesellschaft anzubieten, einmal ganz abgesehen davon, daß wir in behutsamer Sorge nicht selten unser Brot hart und unseren Fisch faul werden lassen, die wir im Pro­viantbeutel mit uns tragen: so einfach läßt sich das Angebot christlicher Hoffnung und Zuversicht nicht ausgeben als Ration, von der eine ganze Welt leben könnte. Für das Leben der Welt – dieses Leitwort, das wir über unseren Katholikentag geschrieben haben, droht uns nur um so mehr hineinzustoßen in die hilflose Situation des kleinen Jungen mit den fünf Broten.

Nun denkt vielleicht mancher: Aha, so einfach machen die sich ihre Sache. Da kommt der große Wundertäter Jesus und schlägt einen großen Segen, und plötzlich werden alle doch noch satt. In der Tat, Christen hof­fen auf ihn, und gerade der kleine Junge, dem sie, realistisch genommen, durchaus ähnlich sind, macht ihnen Mut zu ihrer lächerlichen Rolle.

Aber diese Rolle ist alles eher als ein Alibi. Wenn wir aus den Geleisen [116] des notvollen Suchens und Planens, wenn wir aus den Bahnen des harten Mühens gemeinsam mit allen anderen um gangfähige Wege in die Zu­kunft, wenn wir aus der Solidarität mit denen, die rat- und kraftlos sind uns mit einem übernatürlichen Seitenblick hinwegstehlen wollten, hätten wir unseren Herrn nicht verstanden. Er hat es abgelehnt, in der Wüste aus Steinen für sich selber Brot zu machen, und er hat es auch abgelehnt, aufgrund der wunderbaren Brotvermehrung sich als König ausrufen zu lassen. Das hat ja die Jünger gerade aufgeregt an diesem Jesus, daß er sich die schwierigen Situationen nicht erspart hat. Der kleine Junge mit den fünf Broten, in der Tat keine Entschuldigung für uns, nicht den Weg Jesu zu gehen, den Weg dessen, der sich provokatorisch eins machte mit denen, die er doch aus der Not herausholen wollte.

Im Klartext: Christen sind Partner aller anderen auf der Suche nach dem Morgen für die Menschheit. Unsere gemeinsame Startbasis, ja, auch die Startbasis für uns als Christen sind die jämmerlichen Ansätze, die wir in der Hand haben, und das schier bodenlose Defizit, das es aufzuholen gilt. Da können wir nicht geschwind an die Kraftquellen des Glaubens appellieren, da müssen wir mit allen anderen zusammen die Wüste nach Oasen absuchen, das Gestein nach Wasseradern, die vielleicht doch irgend­wo verborgen sind. Da müssen wir mit allen anderen zusammen uns einen realistischen und rationalen Notplan zurechtlegen, wie man überleben, wie man weiterleben kann. Da müssen wir uns Gedanken machen, wie Span­nungen auszuhalten, wie Konflikte auszutragen sind, ohne daß alles in Scherben und der Mensch dabei zugrunde geht. Lauter Dinge, die aufs erste mit dem Evangelium gar nicht viel zu tun haben und die im Grunde doch Evangelium sind. Evangelium einfach deswegen, weil das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, weil der Herr in unserer Mitte war als einer, der dient.

Aber wozu dann einen Katholikentag, warum dann nicht einfach Ein­satz in den verschiedenen Feldern der Gesellschaft, allenfalls zusätzlich ein paar Predigten über die Haltung Jesu, über seinen Geist, aus dem wir zu tun haben, was alle anderen auch tun?

Nun, ich glaube, daß heute mehr als noch vor ein paar Jahren die Men­schen enttäuscht, zu Recht enttäuscht wären über einen bloßen Rückzug der Christen in die Solidarität der Ratlosigkeit. Daß man die herrliche Zu­kunft nicht mit selbstgemachten Utopien herbeizaubern kann, daß die Evolution nicht von allein zum immer Besseren führt, daß der Mensch das Glück und die Lebensqualität für alle nicht leisten kann, hat sich herumgesprochen. [117] Daß Überleben aber nicht genügt, daß alle Anstrengung die bohrende Frage bei sich hat, was denn eigentlich geschafft sei, wenn alles geschafft ist, das ist die bedrängende Erfahrung, die immer mehr Men­schen machen. Wir wissen nicht, wie es weitergeht im ganzen, wir wissen nicht, wie es weitergeht mit dem einzelnen, der ich selber bin. Aber noch viel bedrückender ist es, nicht zu wissen, wohin es weitergeht.

Man nennt das die Frage nach dem Sinn. Sie ist heute beileibe keine Spezialität mehr für Pädagogen und Philosophen, für Bildungshäuser und elitäre Zirkel. Sie brennt, wie auch immer formuliert und artikuliert, den Menschen auf den Nägeln, den Menschen, die unsere Massengesellschaft als das Getto sozialisierter Einsamkeit, die Planung und Leistung als Druck und Gewalt, die Glück und Unglück als im Grunde gleich leer und frag­würdig erfahren. Und angesichts dieser Frage reicht es eben nicht, sie nur solidarisch mit allen anderen zu stellen. Da werden wir genötigt, das auszupacken, das herzugeben, von dem wir glauben, daß es Antwort ist. Gut, lassen wir es gelten, daß viele, die weit außerhalb der institutionellen Zäune stehen, anonyme Christen sind. Wenn wir ihnen heute nicht als Bekennende begegnen, sind wir anonyme Unchristen.

Bekennen, das heißt freilich nicht, seine Glaubensartikel aufsagen; das heißt erst recht nicht, in triumphalistischer Selbstgenügsamkeit meinen, ein Patentrezept für alles und jedes zu haben. Bekennen, das heißt zuerst, und zwar ganz real und nüchtern, die eigene Ohnmacht bekennen. Also doch der Junge mit den fünf Broten und den zwei Fischen.

Aber eben ganz dieser Junge. Er hat nicht selber mit seinen Broten herummanipuliert, er hat sich nicht selbst als den Wohltäter aufgeführt. Er hat das Seine in die Hand eines anderen gelegt. Und gerade so ist er erst ganz solidarisch mit allen geworden, Habenichts ohne Vorbehalt. Nur in den Händen dieses anderen wird unsere Frage zum Rohstoff der Antwort, wird unser Dienst zum Zeugnis für den Sinn, wird unser Sein wie alle zum Sein für alle, wird unser Ende zu seinem Anfang.

Und auch das ist kein Automatismus, keine goldene Regel, die sicher wirkt. Der Junge wußte nicht, was Jesus mit seinen Broten und Fischen machen würde. So wenig wie Abraham wußte, wohin der Weg führte, so wenig Mose einen Terminkalender für die vierzig Jahre der Wüsten­wanderung in der Tasche hatte, so wenig Maria absah, was ihr Ja zum Engel ihr eintrug. Christlicher Glaube ist wirkliche Auslieferung. Und da geht es im Ernstfall, der keineswegs auszuschließen ist, so wie es bei Jesus [118] ging, der am Ölberg umsonst gebetet zu haben schien und den der Vater vom Kreuz nicht herunterholte.

Aber gerade dieser Verkauf aller eigenen Sicherheiten, diese Weggabe auch des letzten Restes von Garantien, dieses Sich-nicht-mehr-klammern-Können an fixe Verheißungen, dieses Nicht-mehr-Wissen, was Gottes zusagendes Wort nun konkret meint und wohin es führt, ist schon Anfang der Lösung. Die Lösung für uns beginnt nämlich mit der Lösung von uns. Der Mensch, der Gott zum Erfüllungsgehilfen seiner individuellen und sozialen Selbstfindung degradiert, bleibt zuletzt doch bei sich allein. Wie soll er erkennen, daß sein Gott nicht nur die Projektion seiner Wünsche ist? Woher soll er wissen, ob er der Habakuk ist, den der Engel beim Schopfe packt, oder der Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen versucht? Die ganze neuzeitliche Verfangenheit des Sub­jekts in sich, die ganze Staffage des Ich, das seine Welt aus sich selbst ent­wirft und in ihr am Ende mit sich allein bleibt, kann nur durchbrochen werden von dem Gott, dem wir das Recht lassen, Gott zu sein, unser Gegenüber zu sein, das zu tun, was er will und nicht was wir wollen.

Es heißt also gerade nicht: Glaube nur und alles wird gut. Bei der wun­derbaren Brotvermehrung sind übrigens die Fünftausend zwar satt gewor­den, aber wenn wir das Johannesevangelium weiterlesen, dann erfahren wir, daß es damit allein nicht gut war. Wir wissen nicht einmal, ob nicht auch der kleine Junge hernach irre geworden ist an dem, was Jesus ihm und den anderen, die satt geworden sind, zumutete. Sie waren satt, sie glaubten nun die Lösung für ihr Problem zu haben. Das Wunder über­schattete die Botschaft, um deretwillen sie vorher den Hunger ausgehalten hatten, und so wollten sie den zum König machen, zum Brotkönig, der für ein anderes Heil, für einen anderen Sinn, für eine andere Antwort gekom­men war als die der kostenlosen Sättigung.

Jesus legte, tags darauf, als die Mengen ihm nacheilten, laut Johannes­evangelium, die Karten auf den Tisch. Er sagte, daß das Brot, das sie ge­gessen hatten, nicht zum ganzen Leben, nicht zum wahren Leben reicht. Und er sagte es offen hinzu: Ich bin das Brot für das Leben der Welt. Er selbst, nicht seine Macht, sondern seine Ohnmacht, in der er allen gleich­geworden ist, nicht das, was er hatte, sondern das, was er gab, sein Dasein bis zum Äußersten, bis zum Tod für alle: das ist seine Antwort, das ist das Brot, von dem die Welt leben kann. In seiner Ohnmacht, in seiner Hinga­be, in seinem Dienst bis zum Letzten hat Gott ein unüberholbares, ein unkündbares Ja zum Menschen gesagt. Hier hat er gezeigt, wer er selber [119]

ist: nicht das bloße Ziel aller Wünsche, nicht die bloße Befriedigung aller Bedürfnisse, nicht nur der Herr, dem man zu dienen hat, damit man selbst im Frieden ist, sondern Sich-Schenken, Sich-Gönnen, Sich-Geben, Kom­munion. Das ist Gott. Das sagen wir, wenn wir sagen: Gott ist Liebe. In der Realität unseres Lebens, in welche Jesus als der übersetzte Gott hinein­getreten ist, heißt das: Gott ist Brot, er ist einer, der sich aufessen läßt, einer, der sich aufreiben läßt, er ist wie das Samenkorn, das in die Erde fällt und stirbt und gerade so Frucht bringt.

Das stellt freilich die menschliche Sinnfrage radikal auf den Kopf. Wer nur seinen Sinn sucht, oder, um es mit dem Evangelium zu sagen, wer sein Leben sucht, der wird seinen Sinn, der wird sein Leben verlieren. Das Lebensgesetz Gottes muß schon unser eigenes Lebensgesetz werden, wenn es uns Antwort werden soll. Das heißt aber: Wir müssen uns umkehren, bekehren lassen von der Suche nach uns selbst zur Suche nach dem Bru­der, vom Haben zum Geben, von der Erfüllung zum Dienst. Dann ist das Wort vom Brot für das Leben der Welt ein Wort, das uns nicht nur auf den Herrn als die rettende und tröstende Instanz blicken läßt, sondern ein Wort, das uns selber einfordert. Was bei der Brotvermehrung der Herr zu den Aposteln sagte, das sagt er auch uns angesichts der Not in der Welt: Gebt ihr ihnen zu essen. Aber diesmal haben wir keinen kleinen Jungen mehr zur Hand, von dem wir uns wenigstens ein paar Brote leihen könn­ten, sondern nur noch uns selbst. Uns müssen wir geben, uns muß es widerfahren, was der Herr mit dem Brot tat: Er segnete, zerbrach und teilte aus. Daß diese Antwort belastend und befreiend zugleich, daß sie das Unerhörteste und doch die einzig realistische Möglichkeit ist für das Leben der Welt, darum geht es bei diesem Katholikentag, den wir nun miteinander beginnen.

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