Zwischen Bistum und Gesamtkirche


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Zwischen Bistum und Gesamtkirche
I. Zum methodischen Ansatz
II. Ziel
III. Struktur als Kommunikation
IV. Ausblick auf konkrete Strukturprobleme

II. Ziel
Grundziel: Synthese Gemeinde – Gesamtkirche

Das Ziel aller kirchlichen Strukturen kann nach dem Ausgeführten nur sein, daß die Synthese Jesus Christus Gestalt gewinnt, daß sie für die Menschen bezeugt und unter Menschen gelebt und kommu­niziert wird. Bleibt zu fragen nach der Übersetzung dieser Synthese auf das Problemfeld kirchlicher Strukturen.

Kirche, das heißt doch: menschliche Gemeinschaft, Formen menschlicher Sozialisation sind beansprucht von Gott, der durch seinen Geist in seinem Sohn gegenwärtig bleiben will und gegenwär­tig bleiben wird unter Men- [26] schen. Dann aber gibt es einen doppelten Kristallisationspunkt für Kirche: einmal das jeweilige Hier und Jetzt, die jeweilige Gemeinde, in deren Mitte Jesus Christus gegen­wärtig sein will, zum anderen das Ganze, die weltweite Gemein­schaft derer, die auf ihn hin und von ihm her leben.

Die Jeweiligkeit und die umgreifende Einheit von Kirche sind aber aufeinander bezogen, sie müssen sich gegenseitig integrieren. Allein wenn eine Gemeinde nicht nur „ihren“ Jesus haben will, son­dern weiß, daß es um die communio mit dem Jesus für alle und unter allen geht, ist sie wahrhaft Gemeinde. Und allein wenn die Gesamt­kirche weiß, daß sie Jesus Christus nicht nur für ihre zentral anord­nenden und versorgenden Maßnahmen „gepachtet“ hat, sondern daß Jesus Christus selbst „unmittelbar“ zu jeder Gemeinde ist, bleibt sie lebendige Kirche. Gemeinde muß also offen sein, sich je neu aufbrechen lassen ins Eine und Ganze der Kirche, in die Konso­nanz mit der Weltkirche, die Weltkirche aber muß hinorientiert sein auf die Gemeinden, die nicht nur ihre Ortsgruppen sind, sondern sie als Gesamtkirche aufbauen.

Gesamtkirche und Gemeinde können also einander nicht ablösen und, wenn es derselbe Jesus Christus ist, der auf beiden Ebenen wirkt und gegenwärtig ist, dann genügt auch nicht eine beide von­einander abschirmende oder miteinander synchronisierende Kom­petenzverteilung. Es kommt an auf eine Präsenz ineinander, es kommt an auf das Geschehen von Kommunikation. Wie Gemeinde davon lebt, daß ihre Glieder mit Christus kommunizieren, indem sie miteinander kommunizieren, so die Gesamtkirche davon, daß al­le Gemeinden mit Christus und miteinander, darum aber auch mit der Gestalt gewordenen Einheit des Ganzen kommunizieren.

Das alles scheint zwar recht einleuchtend. Man könnte indessen versucht sein zu fragen: Was soll's? Aber ist es in der Tat so selbst­verständlich, daß das gegenseitige Insein von Gesamtkirche und Ge­meinde lebensnotwendig ist für die Kirche? Machen wir nicht im­mer wieder die Erfahrung, daß Kirche als Institution und Organisa­tion an dem vorbeirauscht, was den kleinen Mann und auch den kleinen Pfarrer in der Gemeinde bedrängt, und daß umgekehrt Ge­meinden sich so in sich selber schließen, daß eine Protestaktion ge­gen soziale Mißstände in Südamerika und eine Kollekte für den Hunger in der Welt das Einzige bleiben, was von der Weltkirche in sie hineinreicht? Und wenn wir statt Gemeinde einmal in einem Vorgriff auf später zu Bedenkendes die Kirche eines Landes oder Kulturraumes setzen, dann wird die Spannung überdeutlich.

Momente: Intensität, Universalität, Kommunikation

Ziehen wir das Fazit. Kirche lebt hier und jetzt, Kirche lebt im Gan­zen der Welt als Gemeinschaft aller Glaubenden. Beides muß an je­dem Punkte, in jeder Dimension von Kirche zugleich präsent sein. Dann aber ergeben sich drei Momente, die als Zielwerte für kirchli­che Strukturfragen zu gelten [27] haben: Intensität, Universalität, Kom­munikation. Entscheidend ist die Integrität und gegenseitige Inte­grierung dieser drei Momente.

Es wäre ein naheliegendes Mißverständnis, die beiden ersten die­ser Momente nur als die abstrakte Fassung von Gemeinde und Ge­samtkirche zu deuten. Zwar haben in der Tat diese Momente dort ihren jeweiligen Schwerpunkt, aber es kommt darauf an, daß an bei­den Polen, in der Gemeinde und in der Gesamtkirche, alle Momente präsent sind; somit spielt aber auch die Kommunikation nicht nur zwischen Gemeinde und Gesamtkirche, sondern auch in ihnen.

Wie läßt sich das Profil dieser drei Momente im einzelnen zeich­nen?

a) Intensität: Nur in der Konzentration des ganzen Daseins und Mitseins auf Jesus vermag er sich als Zentrum, als Mitte zu bewäh­ren. Daß er sich mir ganz gegeben hat, kommt nur ganz an, wenn er nicht bei meinem isolierten Dasein ankommt, sondern in den Be­zügen, in denen ich mich selbst übersteige und darin gerade selbst bin. Alles, was er ist und was er hat, will durch seinen Geist, durch sein Wort, durch seine Sendung, durch seine Sakramente hineinrei­chen in menschliches Dasein und Mitsein. Es muß als solches von Jesus Christus her gestaltet und umgestaltet werden können.

b) Universalität: Wenn aber Jesus als er selbst, mit allen Dimen­sionen, die zu seinem Dasein und Mitsein gehören, in der Geschich­te ankommen will, dann muß auch in der Weise, wie er in mein Le­ben und in den Kreis meines intensiven Mitseins mit anderen hinein­reicht, offenbar, ja „realisiert“ werden, daß er der Jesus „für alle“ ist. Es gehört zur Intensität, daß sie sich von innen aufsprengt zur Universalität. Die Universalität, die den einzelnen Glaubenden je über seinen eigenen Kreis hinaus ins Ganze öffnet, lebt aber umge­kehrt vom Interesse, daß nicht nur alle objektiv etwas von Jesus „mitbekommen“, sondern daß sie die Intensität des Seins in ihm, des Mitseins mit ihm erfahren. Die Relativierung der eigenen Inten­sität durch die Dimension der Universalität bedeutet gerade Steigerung der Intensität.

c) Kommunikation: Die gegenseitige Integrierung des polar Ent­gegengesetzten, der Intensität und der Universalität, ist gerade die Kommunikation. Sie meint, paradox formuliert, daß Intensität wächst, indem sie sich verschenkt, daß Universalität lebt, indem sie nicht „Endstation“ ist, sondern zu je neuer Intensität des Lebens führt. Dies gilt, wie bereits angedeutet, nicht nur zwischen dem kleinen Kreis bzw. der Gemeinde und dem Gesamten, es gilt auf je­der Ebene des Mitseins: auch der einzelne gewinnt sein Verhältnis zu Jesus nur, indem er es verliert, es dem anderen verschenkend und es zum anderen hin öffnend. Kommunikation ist das je Mehr der Gegenwart Jesu zwischen Menschen gegenüber seiner Gegenwart bloß in mir oder dir.

Kommunikation hat aber auch eine „Außendimension“. Sinn von Kirche ist es doch, in der communio die missio Christi an die Welt zu vollbringen und umgekehrt die Eingliederung der ganzen Menschheit in Christus ge- [28] schichtlich darzustellen und wirksam werden zu lassen. Darum gehört auf jeder Ebene von Kirche auch die Kommunikation zwischen Kirche und Welt zu ihrem Selbstvoll­zug. Nur so, in dieser Weggabe „nach außen“ und Annahme des Außen, gewinnt die Intensität von Kirche vollends die ihr zugehöri­ge Universalität – auch das Moment Universalität erhält dadurch ei­ne neue Dimension.

 

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