An die Priester, Diakone und Laien im pastoralen Dienst zu Weihnachten 1987






[125] Liebe Schwestern und Brüder!

Eine prägende Erfahrung dieses Jahres war für mich die Teilnah­me an der Weltbischofssynode über „Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt 20 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil“. Es drängt mich, von dem, was mir dort an Hoffnung und Wegweisung zuteil wurde, Ihnen zu Weihnachten etwas mitzuteilen.

Am 31. Oktober, zum Abschluß der Bischofssynode, hatte der Papst die Mitglieder, Berater und Mitarbeiter der Synode zu einem gemeinsamen Mittagessen eingeladen. In einer spontanen Tischrede drückte er sein Verständnis dafür aus, daß es für die Öffentlichkeit nicht leicht war, von außen das „mitzubekommen“, was da an lebendigen Prozessen gelaufen war. Für jene, die in der Synode dabei waren – das wird von vielen bestätigt –, bedeutet dieser Oktober 1987 in Rom eine tiefe geistliche, theologische und kirchliche Erfahrung, die nicht folgenlos bleiben darf. Aber gerade weil das Gespräch in die vielfältigen Felder hineinstieß, die mit dem Thema „Laie in Kirche und Welt“ zusammenhängen, reichten Zeit und Kraft nicht aus, um das, was da aufbrach, auf den Punkt zu bringen. Wir waren nicht fertig am Schluß, konnten es nicht sein – und nun kommt es darauf an, daß dieses „Unfertige“ nicht eine Neubauruine bleibt, sondern ein Fun­dament wird, auf dem wir weiterbauen. Der Papst sagte, er sehe nur einen Weg: daß wir das Erlebte, das uns in Rom verbunden hatte, nun [126] in unsere Bistümer mitnehmen und in einem neuen Miteinander zwischen Amtsträgern und Laien glaubhaft und fruchtbar machen. Einen kleinen Beitrag zu solchem gemeinsamem Weg möchte ich mit diesem Brief versuchen. Ich bitte Sie darum, sich Ihre Gedanken über ihn zu machen und mich an ihnen teilhaben zu lassen.

Zweifellos wäre es interessanter, vom Gang der Synode zu erzählen. Das tat ich in vielen Begegnungen und Zusammenkünften; ich halte es aber für nützlich, dies durch einen etwas wirksameren Weg zu ergänzen: ich möchte herausstellen, worauf sich der Dialog der Synode konzentrierte und wo er Perspektiven eröffnete, die auch für unsere Arbeit im Bistum wichtig sind.

1. Es fiel uns auf der Synode schwer, eine „Definition“ des Laien zu geben – aber diese Schwierigkeit half gerade, den Laien tiefer zu sehen, als dies auch noch im vierten Kapitel der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils und im neuen Codex Iuris Canonici gelang. Wieso? Ein Synodale drückte es wie folgt aus: „Laie“ ist ein „asymmetrischer“ Begriff. Die geweihten Amtsträger lassen sich nur auf das Volk Gottes als Ganzes, insbesondere auf die Laien hin in ihrem Eigenen verstehen. Der Laie aber läßt sich in seinem Eigenen nicht dadurch positiv fassen, daß ich ihn auf die Amtsträger, auf den „Klerus“ beziehe. Was allen, die durch Glaube, Taufe, Firmung und Eucharistie dem Volk Gottes eingegliedert sind, gemeinsam ist, hat seinsmäßig und praktisch Vorrang vor dem, was sie in ihrer je eigenen Berufung und Funktion unterscheidet. Alle haben teil am gemeinsamen Priestertum, das ganze Volk Gottes ist priesterliches Volk; einige aus ihm aber sind für das Priestertum des Dienstes durch das Weihesakrament befähigt, damit sie innerhalb dieser Einheit Jesus Christus in Wort, Sakrament und Leitungsdienst gegenwärtig setzen. Der nicht in einem Mehr oder Weniger zu fassende Unterschied zwischen dem gemeinsamen Priestertum und dem Amtspriestertum (der lateinische Ausdruck sagt mehr: [127] sacerdotium ministeriale) bleibt durchaus bestehen, aber er trennt das Volk Gottes nicht in zwei Teile – so wenig wie es sinnvoll wäre, das Staatsvolk in Minister und Nichtminister einzuteilen.

An die Stelle eines auf den unterschiedlichen Funktionen auf­bauenden Kirchenbildes – oben der Papst, dann die Bischöfe, weiter die Priester und Diakone, schließlich die Laien – tritt das Kirchenbild der Communio: Kirche ist das „aus der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes geeinte Volk“ (LG 4, Zitat aus der Vaterunser-Erklärung des Märtyrerbischofs Cyprian). Was in der Heiligsten Dreifaltigkeit die Einheit und die Gleichheit der Personen begründet, das begründet auch ihre Unterscheidung, ihre gegensei­tige Beziehung, die Einheit und Gleichheit gerade nicht aufhebt, sondern ihr Leben ist. Das hat für Verständnis und Leben der Kirche weittragende Folgen; es überholt ein bloßes Ständedenken in der Kirche, ohne daß dadurch die unterschiedlichen Berufungen und Aufgaben nivelliert würden. Auch die Gemeinschaft der Amtsträger unter sich (Kollegialität der Bischöfe, Einbindung der Priester ins Presbyterium, sakramentale Gemeinschaft zwischen Bischöfen, Prie­stern und Diakonen) zerreißt nicht die Einheit des Volkes Gottes, sondern verlebendigt sie, wie ja auch die Beheimatung in einer Familie keineswegs ihre Glieder aus dem größeren Gesamt von Gemeinde und Kirche herauslöst.

Aus der gemeinsamen Berufung der Christen heraus leben und so die je eigene Berufung geistlich ergreifen und vollziehen: das stand im Vordergrund der Überlegungen auf der Synode und ließ die definitorische Abgrenzung von Laien und Klerus, Laien und Ordens­leuten zweitrangig werden.

2. Ähnlich zeigte es sich auf der Synode auch als schwierige Aufgabe, die Konzilsaussage einzuholen, nach welcher dem Laien vornehmlich der Weltcharakter (indoles saecularis) zu eigen ist (vgl. LG 31). Der Sinn und die Bedeutung dieser Aussage standen außer [128] Zweifel. Doch so wenig durch das Priestertum des Amtes das gemeinsame Priestertum verlorengeht, so wenig kann der „Welt­charakter“ dem Laien exklusiv zuerkannt werden. Wir alle, sogar der christliche Einsiedler, stehen in der Welt und für die Welt. Die Grundaufgabe der Kirche ist es, Jesus Christus als das Licht der Völker, als das Licht der Welt in unserer Gemeinschaft und ihrem Zeugnis sichtbar zu machen (vgl. LG 1). Die Kirche als ganze hat „Weltcharakter“ aufgrund der Menschwerdung, also Weltwerdung des Wortes Gottes. Dann aber haben alle auch umgekehrt die Aufgabe, Kirche aufzubauen. Die Welt mit dem Geist Christi zu durchdringen und am Leben und Dienst der Kirche mitzuwirken, sind nicht zwei voneinander zu trennende Berufungen, sondern zwei Seiten der einen Berufung, die der Kirche insgesamt und jedem einzelnen Christen zukommt. Ein Rückzug vor der Welt in das Binnenkirchliche oder ein Rückzug vor der kirchlichen Verantwor­tung in das Geschäft der Welt wären Mißverständnisse der Berufung des Laien, aber auch des Priesters.

Was meint dann: Der „Weltcharakter“ kommt vornehmlich den Laien zu? Ihre unmittelbare Lebensgestalt ist zumeist geprägt durch Familie, Beruf, Gesellschaft. Hier stehen sie äußerlich ununterscheidbar neben anderen, auch neben Nichtglaubenden. Daß diese vom Evangelium erreicht und daß die genannten Bereiche vom Evangelium durchdrungen werden, liegt vordringlich am Zeugnis der Laien. Der Laie ist der Ernstfall des Christen und der Kirche, die in diese Welt gewiesen sind, um sie zu heiligen und zu verwandeln.

3. Ein weiterer zentraler Punkt war die Diskussion um die Dienste der Laien in der Pastoral.

Im Blick standen – der weltweiten Situation gemäß – nicht so sehr die Probleme pastoraler Berufe, sondern generell die Mitwirkung der Laien am „munus pastorale“, am pastoralen Auftrag der Kirche. [129] Man darf sagen: Es ist die durchgängige Überzeugung, daß eine solche Mitwirkung nicht nur Notbehelf angesichts von Priester­mangel ist, sondern innerliche Konsequenz aus dem Kirchenbild des Konzils, aus der „Communio-Ekklesiologie“ (wie man seit der Sonder­bischofssynode 1985 es ausdrückt). Das ist im Grunde bereits im vierten Kapitel von „Lumen Gentium“ mitgesagt.

Diskussionspunkt war die Gestaltung solcher Mitwirkung: Eini­ge oder gar viele eigens eingerichtete und definierte „ministeria“ (Dienstämter) oder Beschränkung auf das sacrum ministerium, also auf das durch die Weihe verliehene geistliche Dienstamt (Diakon, Priester, Bischof) und außerdem eine Fülle von nicht zu Dienst­ämtern formalisierten Diensten und Aufgaben, für die Laien auf der sakramentalen Grundlage von Taufe und Firmung herangezogen und beauftragt werden können? Die höchst unterschiedliche Situa­tion in verschiedenen kulturellen und kirchlichen Kontexten macht es nicht leicht, hier eine gemeinsame Grundlage zu formulieren, auf der Einheit und Unterschied in der Weltkirche zu wahren sind. Sicher ist es richtig und wichtig, das Motu proprio Pauls VI. „Ministeria quaedam“ angesichts der Synodendiskussion neu zu sichten.

Die gestaltbare Vielfalt der Dienste von Laien nicht durch eine zu breite Zone von spezialisierten und fixierten Dienstämtern zu verstel­len, erscheint generell und zumal für unsere Verhältnisse geraten, in denen es ja auch Sinn und Aufgabe der pastoralen Laienberufe ist, vielfältige Dienstbereitschaft in den Gemeinden zu wecken und fruchtbar werden zu lassen.

Es war sicher sinnvoll, daß die Synode zur Gestaltung der Dienste über die Grundlinien hinaus keine weltweiten Festlegungen zu treffen versuchte.

4. Immer wieder kam das Gespräch auf das Thema „Pfarrei“. Dieser theologisch und rechtlich eindeutige Begriff faßt – in verschie­denen Weltreligionen und sozial-strukturellen Verhältnissen – real [130] sehr unterschiedliche Gebilde in sich. Zwei Beobachtungen wurden tragend in der Diskussion. Die eine: In der weit ausgedehnten Flächenpfarrei oder der Pfarrei eines übervölkerten Quartiers in den Millionenstädten der Dritten Welt kann der Glaube nur leben, sofern er menschennahe Ansatzpunkte in einer Gemeinschaft gegenseiti­gen Zeugnisses und gegenseitiger Hilfe findet: Stichwort „kirchliche Basisgemeinschaften“. Sie sind freilich auf den Integrationsraum von Pfarrei verwiesen, der seinerseits für das hier wachsende Leben offen und ihm subsidiär zugeordnet sein muß. Die andere Beobach­tung: In jenen Gegenden, in welchen sich unsere technische Zivilisa­tion immer differenzierter entwickelt, entstehen auch Erfahrungs­räume, die vom Dienst und Leben einer Pfarrgemeinde allein nicht erreicht werden.

Die Pfarrei bedarf also einer Ergänzung durch andere Formen von Gemeinschaft. Wird sie dadurch vielleicht in absehbarer Zeit gar überflüssig? Dies wurde verneint. Wohl aber zeichnete sich die Forderung ab, Pfarrei müsse in sich und über sich hinaus offen sein für andere Weisen des Lebens und Zeugnisses, die der Verlebendi­gung des Pfarreilebens dienen, sich aber in dieser Aufgabe allein oftmals nicht erschöpfen. Ein Ausschließlichkeitsanspruch von Pfar­rei, aber auch von anderen pastoralen und geistlichen Lebens- und Gemeinschaftsformen griffe zu kurz. Die Pfarrei hat Vorrang, sie ist jedoch nicht ausschließliches Prinzip der Seelsorge. Sie braucht den Sinn für überpfarrliche Zusammenarbeit, für kategoriale Dienste, aber auch für Verbände und geistliche Gruppierungen, die nicht allein danach zu bemessen sind: Was bringen sie unmittelbar für die Pfarrei?

5. Im Zusammenhang mit der Pfarrei und anderen Pastoral­strukturen kamen auffallend häufig die Organe der Mitverantwortung des Gottesvolkes, die Räte zur Sprache. Zum einen kann in einer sich als Communio verstehenden Kirche das geistliche Amt seine [131] Einungsaufgabe nur wahrnehmen, wenn es sich des Rates des ganzen Gottesvolkes bedient; wenn der den Laien eigene „Welt­charakter“ und ihr davon untrennbarer Auftrag für den Aufbau von Kirche sich auswirken sollen, dann braucht es eben auf den verschie­denen Ebenen geordnete Weisen des Austauschs zwischen Amtsträ­gern und Laien. Zum anderen macht aber die Vielfalt von Gemein­schaften und Formen des Laienapostolats und des geistlichen Zeug­nisses es notwendig, daß es Organe des Kontakts und der Zusam­menarbeit zwischen diesen unterschiedlichen Kräften gibt. Gerade in unserem Land wurden die entsprechenden Anregungen aus dem Konzilsdekret über das Laienapostolat (AA 26) ja ernstgenommen; sie wirken sich in unserer Struktur der Räte aus, bis hin zum Zentral­komitee der deutschen Katholiken. Ohne sich auf einzelne Organisa­tionsformen einzulassen, hob die Synode die Bedeutung solcher unterschiedlicher Gremien hervor und betonte den Rang und die Unersetzlichkeit des Hörens der Amtsträger auf die Stimmen des Volkes Gottes, wie dies wohl noch nie geschah.

6. Indirekt haben wir so bereits ein weiteres Hauptthema der Synode angesprochen, das auch in die Publikationen drang: Katho­lische Aktion, katholische Verbände, neuere geistliche Bewegungen. Die hörbar verschiedenen Akzente, die hier in der Diskussion gesetzt wurden, bezogen sich weniger auf die Situation in unserem Land, in welchem das katholische Verbandswesen nie jenen Ansatz teilte, der in romanischen Ländern führend wurde: Katholische Aktion als verlängerter Arm der Hierarchie, Laienapostolat nur als unterstüt­zende Erweiterung des hierarchischen Apostolats. Schon in dem Konzilsdekret über das Laienapostolat wurde dieser Ansatz in Rich­tung auf jene freien Zusammenschlüsse und jene Eigenständigkeit des Laienapostolats hin erweitert, die für die deutsche Tradition kennzeichnend sind. Die Bischofssynode bestätigte diese Linie.

[132] Lebhafte Diskussionen entsponnen sich um neuere geistliche Bewegungen, die ihrerseits recht unterschiedlich in Ansatz und Wirkweise sind. Aber sie sind in der Tat eines der auffallendsten Phänomene weltweit im Leben der Kirche heute. Es ist legitim, Kriterien zu benennen, nach welchen ihre Wirksamkeit beurteilt werden muß, etwa: Bereitschaft, sich selbst nicht absolut zu setzen, sondern für andere Formen des Apostolats und geistlichen Lebens offen zu sein; Leben aus der ganzen Breite und Fülle des Glaubens der Kirche; Mittragen der Bistumspastoral und Bereitschaft, sich in sie einzufügen. Andererseits wäre es fatal, neues und mitunter noch nicht bis zum letzten abgeklärtes Leben aus Ängstlichkeit zu unter­binden und zu vergessen, daß der Geist nicht nur in Amtsträgern wirkt, sondern auch durch andere ihnen etwas sagen will, unbescha­det ihrer Aufgabe, die Charismen zu unterscheiden. Sicher wäre es verkehrt, die neuen geistlichen Bewegungen als Wunderwaffe zur Überwindung der Glaubens- und Kirchenkrise zu betrachten. Wir sollten eher uns selber in Frage stellen lassen: Was will der Geist von uns? Wie können wir seiner Stimme tiefer entsprechen? Wie können wir Evangelium ursprünglicher und glaubwürdiger persönlich und miteinander leben?

Wir sind heute oft zu rasch dabei, ungeprüft den Begriff des „Charisma“ anzuwenden. Charismen als Geistgaben für den Dienst an den anderen, an der Kirche gehören zum Grundbestand des neutestamentlichen Kirchenverständnisses. Und es ist sicherlich auch berechtigt, den Begriff des Charisma im Blick auf große Gründungen (etwa von Ordensfamilien) in der Kirchengeschichte zu gebrauchen, in welchen der Geist Einzelnen und Gemeinschaften eine neue Sicht und Weise des Lebens aus dem Evangelium erschloß, durch die er Kirche im ganzen erneuerte. Alles spricht dafür, daß auch heute solche Charismen der Kirche nicht fehlen. Sie gehören zum Kostbarsten, was uns geschenkt ist. Offenheit und Nüchtern- [133] heit, Leidenschaft und Demut, Unterscheidungskraft und Hör­bereitschaft tun hier not, damit wir den Zeichen Gottes entsprechen. Kirche braucht institutionelle Bahnen ihrer Kommunion und Kommunikation – wer sich ihnen entzieht, der entzieht sich dem Ernst der Erniedrigung des menschgewordenen Gottes. Kirche braucht aber auch jene unabsehbaren je neuen Injektionen des Geistes, der die erste Stunde, den Ursprung in jeder Zeit aufs neue lebendig macht. Es ist Sache des geistlichen Amtes, nicht nur die Institution, sondern auch das charismatische Moment der Kirche zu schützen und zu stützen. Nur in der gegenseitigen Offenheit beider Dimensio­nen füreinander erreicht die Kirche ihre volle und glaubwürdige Gestalt.

7. Wer die Beiträge der Synodenväter in der Aula hörte, der weiß: Die Frage nach der Frau in Kirche und Gesellschaft ist mehr als eine Modefrage. Eine längst fällige Thematik drängt mit Ungestüm ans Licht und muß bestanden werden.

Dabei ist es wichtig, das Thema Frau nicht zu isolieren. Wir müßten im Grunde immer sprechen von Frau und Mann. Denn solange die Frau nicht in ihrem Eigenen geachtet und realisiert ist, solange ist es auch der Mann in seinem Eigenen nicht. Das Entschei­dende ist die Beziehung. Daß der Mensch nur Mensch in Beziehung ist und daß die für das Menschsein grundlegende Beziehung die von Frau und Mann zueinander ist, dies ist in einem individualistischen Menschenbild und nicht zuletzt im Menschenbild der vom Subjekt ausgehenden Neuzeit verkannt. Das Leitbild des „homo faber“, des die Welt aus sich selbst produzierenden Menschen, muß durch das Bild des dem anderen, dem Partner zugewandten Menschen ersetzt werden. Die Frage nach der Frau kann so nicht abgelöst werden von der Frage nach dem Mann, aber auch nicht von der Frage nach der Familie. Es geht keineswegs darum, die Frau auf die Familie zu beschränken. Sicher müssen frauliche Lebensgestalten wie Mütterlichkeit [134] und Jungfräulichkeit neue Achtung erobern, aber es ist ebensowenig zu übersehen, wie sehr wir der Gegenwart der Frau als Frau auch in den Bereichen der Kultur, des öffentlichen Lebens und nicht zuletzt der Kirche bedürfen, damit unser Stil, unser Denken und unser Handeln von der ganz menschlichen Erfahrung, der Erfahrung des Menschen als Mann und Frau, geprägt werden.

8. Nicht in derselben Breite, aber doch mit beachtlichem Nach­druck wurde die Rede vom Laien auf der Synode zur Rede von der Jugend. Für uns Europäer ist Jugend eine Minderheit, der wir sorgenvoll das Attribut zuschieben: Zukunft der Kirche, Zukunft der Gesellschaft. In den Jungen Kirchen ist Jugend die Hälfte der Laienschaft, und man drängte darauf, das Wort von der Zukunft der Kirche und Gesellschaft zu ersetzen oder doch zu ergänzen durch das andere: Jugend, Gegenwart der Kirche und der Gesellschaft. Für mich ist es wichtig genug, diese Verschiebung des praktischen Maßstabs zu nennen, um uns dem Problem zu öffnen: Haben wir als Kirche, haben wir als Gemeinden unsere Jugend als einen Teil von uns selbst, als unsere Partner im Blick?

9. Zunächst könnte es erscheinen, als ginge es uns hierzulande persönlich kaum an, und doch glaube ich, daß es auch unser Problem ist, was da die Bischöfe aus der Dritten Welt immer wieder zur Sprache brachten: Inkulturation. Das Evangelium kann nicht aufgelöst werden in einen Teil unserer abendländischen Kultur, unserer technischen Zivilisation, es muß als Anfrage und Herausfor­derung in ihnen anwesend sein und zugleich ihnen gegenüberste­hen. So ist es auch bei den Kulturen, welche die Völker der Dritten Welt in ihre Begegnung mit dem Evangelium einbringen. Wenn das Evangelium nichts anderes wäre als ein Bestandteil dieser Kultur, wenn es sich auflöste in sie, dann wäre es nicht mehr das Evangeli­um. Aber zugleich muß doch dieses Evangelium als Botschaft vom [135] Heil einer jeden Kultur als Heil für sie, als Antwort auf ihre Frage, als Erfüllung ihrer Sehnsüchte und Möglichkeiten erfahrbar werden.

Dann aber ergibt sich heute der Doppelprozeß von Annahme und Widerspruch, Erfüllung und Verwandlung nicht nur in der Begeg­nung zwischen der je einzelnen Kultur und dem Christentum; vielmehr muß auch zwischen den Kulturen, die in der einen Welt leben, aus der verbindenden Kraft des Evangeliums ein Prozeß der Kommunikation und der Verwandlung stattfinden. Wir müssen als die „Bringer“ der weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten techni­scher Zivilisation darauf bedacht sein, nicht diese und die in ihr gewachsene Form des Christentums den anderen überzustülpen, sondern müssen lernbereit und hörbereit werden, auch selbst das Evangelium aus neuen Sprachen und Kulturen heraus zu uns hin zurückzuübersetzen. Das Gespräch der Kulturen im einen Evange­lium, die Anerkennung des einen Evangeliums mit seiner unvertauschbaren und einmaligen Geschichte vom konkreten Ur­sprung in Betlehem und Jerusalem, in der Mitprägung durch Athen und Rom, und zugleich der Mut zu einer Übersetzung, die diese Geschichte neu sehen und in ihrem einen Gang eine neue Strophe schreiben läßt: das ist mir bei der Synode neu und wohl tiefer denn je als Aufgabe bewußt geworden.

10. Wenn man mich fragte, welches der verborgene Grundtext der Synode war, müßte ich mir die Antwort nicht lange überlegen. Es war das fünfte Kapitel von „Lumen Gentium“, das Kapitel über die Berufung aller zur Heiligkeit. In eindringlichen Beiträgen wurde dies auch namhaft gemacht. Die vielen theoretischen und praktischen Probleme durchzog die Grundfrage nach einem neuen Sehen und nach einem neuen Leben. Wir können sagen: die Frage nach einer Spiritualität des Laien oder besser des Volkes Gottes, des Christen mitten in der Welt. Im genannten Kapitel wird uns vor Augen gehalten: Es gibt für die Christen unterschiedlicher Berufungen und [136] Stände, Lebensbedingungen und Aufgaben keine unterschiedlichen Lebensziele, sondern nur das eine und selbe: vollkommene Liebe, ganzes Leben mit dem lebendigen Gott, und das heißt: Heilig sein, wie er heilig ist. Dann aber ist auch und gerade das Berufensein zum Zeugnis mitten in den Bereichen dieser Welt Weg zur Heiligkeit. Das dreht gängige Maßstäbe um: nicht Weltflucht, sondern Weltzu­wendung, freilich nicht am Kreuz vorbei, sondern durch das Kreuz hindurch; der andere nicht als Hindernis der Begegnung mit Gott, sondern als ihr zentraler Ort; Gemeinschaft nicht als Ablenkung von der Sammlung in Gott allein, sondern als Leben mit dem lebendigen Herrn in unserer Mitte.

Wo es aber um solche Spiritualität, um solches Leben der Heiligung mitten in der Welt geht, da wird vollends unausweichlich, was Papst und Synodenväter beschworen: Wir hatten die bei der Synode beachtlich und ernstlich mitarbeitenden Laien „Auditores“, Zuhörer genannt. Wir entdeckten: Papst und Bischöfe – wir sind ihre Zuhörer geworden. Eindruck machte mir der im Plenum stets anwesende und immer schweigend, aber wach und zugewandt hörende Papst. Wo Kirche Weg mitten durch die Welt zum heiligen Gott, Weg mit dem heiligen Gott hinein in die Welt ist, da werden gerade Amtsträger Hörende auf die Erfahrung aller, auf die Erfahrung der Laien sein.

Die Mutter des in unserer Welt geborenen Christus ist eine Hörende, ist jene, die alles, was ihr gesagt wurde und ihr geschah, in ihrem Herzen bewahrte. Möge uns als aufeinander und miteinander auf den Herrn Hörende in unserer Mitte der Herr geboren werden! Das ist mein herzlicher Weihnachtswunsch für Sie und alle, die Ihnen nahe sind.


| Ihr + Klaus Hemmerle |

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