An junge Leute, Ostern 1981





Freundschaft mit Jesus
Der Bischof von Aachen an junge Leute

 

 

Liebe Freunde!

 

Kürzlich war eine Gruppe junger Leute bei mir. Das Gespräch war er­frischend. Ich verabschiedete mich scherzhaft: „Bleibt noch recht lange siebzehn!“

Doch im Ernst: Jung sein, das Leben vor sich haben – ist das wirklich eine prima Sache? Ich meine schon. Aber ich weiß auch, daß es da ganz andere Erfahrungen gibt.

Fertig sein (oder auch nicht) mit der Schule – und dann keine Arbeit finden.

Arbeit finden – aber was für eine!

Schule machen – und nicht wissen wofür.

Hin- und hergeschoben werden zwischen tausend Ansprüchen und Angeboten – aber was bringt's?

Da und dort sich engagieren – und dann doch allein sein.

Heimkommen – und keiner versteht einen.

Eine Freundschaft haben – und dann ist alles weg.

Sollen, müssen, wollen – und nicht können.

In den Spiegel schauen – und sich nicht mögen.

 

Warum meine ich dann, daß es doch eine gute Sache ist, jung zu sein und das Leben vor sich zu haben?

Soundsoviele Gesichter, Briefe, Begegnungen mit jungen Menschen gehen mit mir,

soundsoviel Einsatz von jungen Arbeitern und Schülern,

[2] soundsoviel Zeugnisse von „Frühschichten“, Religiösen Wochen,

soundsoviel, was in der Stille gewachsen ist, in einem Jugendverband, in einer Meßdienergruppe, in einer Schulklasse, einfach so nach der Firmung, um diesen oder jenen Priester oder Laien herum:

das alles in unserem Bistum, ich könnte weiß wie lange davon erzäh­len. Und da sind schon dieselben jungen Leute dabei mit denselben Erfahrungen, die einen zum Aussteigen verleiten könnten. Aber sie versuchen es doch, hängen doch nicht ab, sind da für andere, gehen einer heißen Spur nach.

 

Und diese heiße Spur führt zu einem Freund, der ganz ist wie wir – und doch ganz anders. Zu einem, der uns annimmt, wie wir sind, und uns nie fortschickt. Aber er läßt uns auch nicht in unserem müden Trott. Er hat eine Leidenschaft für die Menschen, für alle Menschen, und er kann uns brauchen, damit wir diese Leidenschaft zu den ande­ren hintragen.

Was ist das?

Das Stichwort hat mir der Papst zugespielt, als er in Fulda zu den Priestern sprach. Es heißt: Freundschaft mit Jesus.

Etwas, viel davon ist an vielen Stellen schon gewachsen. Hier im Bistum, unter jungen Leuten. Danke, macht weiter! Das ist ein Zeichen der Hoffnung. Auch für die anderen.

Und ich bin überzeugt: Noch viele können, sollen, wollen da mit­machen. Es fängt bei jedem persönlich an. Aber es geht nicht gut nur allein. Sucht Euch andere, die auf derselben Spur sind. Bildet ein Netz, ein großes, dichtes Netz der Freundschaft.

Aber wie geht das? Wie fängt man an?

[3] Ich habe Erfahrungen von jungen Leuten gesammelt, und dann habe ich festgestellt: das hat etwas mit einem Gebet zu tun, das Ihr alle kennt, mit dem Vater unser.

Probiert mal, das Vater unser der Freundschaft mit Jesus zu beten. Und so sieht das aus:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Jesus hat uns gesagt, wie Gott ist und wer Gott ist. Gott ist Liebe, Gott ist Vater. Vielleicht fangen wir wenig damit an, vielleicht sind wir sprachlos und stumm vor Gott. Aber wir dürfen zu Jesus gehen, zu­sehen, wie er lebt, liebt und betet. Dann entdecken wir: Er ist der Weg. Wer ihn sieht, sieht den Vater. Wir lernen beten. Dazu brauchen wir Treffpunkte und Treffzeiten. Wir vereinbaren sie mit ihm und halten uns an die Vereinbarung. Der Freund Jesu betet.

Dein Reich komme.

Jesus sagt uns, wie die Zukunft ist. Sie ist nicht das Schlaraffenland; sie ist nicht ein Konzentrationslager; sie ist nicht eine Fabrik, in der wir „funktionieren“ müssen. Sie ist Hochzeitsmahl, Neue Stadt, Fest. Sie ist das Reich Gottes, er selbst ist in der Mitte, und alle sind in ihm Freunde. Dieses Reich wächst schon jetzt, wo wir miteinander die Freundschaft mit Jesus leben, wo er in unserer Mitte ist. Wir suchen Freunde und finden Freunde, die mit uns leben. Der Freund Jesu pflegt Gemeinschaft.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Jesus sagt uns, wie das Leben geht: nicht nach Zufall und nicht nach Laune, sondern nach dem persönlichen Willen des Gottes, der uns liebt. Wir können diesen Willen erkennen und tun. Denn Jesus sagt uns sein Wort. Sein Wort will Fleisch werden, will Leben werden in uns. Wer nach seinem Wort lebt, lebt anders, lebt freier. Es gibt da [4] verschiedene Wege. Einer davon geht so: Man nimmt mit anderen ein Wort, lebt es einen Tag, eine Woche oder einen Monat lang und tauscht seine Erfahrungen darüber aus. Viele Hunderte machen das so in unserem Bistum. Wer es genauso machen will, kann von mir das jeweilige Monatswort erfahren. Ob man es so versucht oder auf eine andere Art und Weise, eines ist notwendig: Der Freund Jesu lebt sein Wort.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Jesus befreit uns von der Tyrannei des Habens und Genießens. Brot für heute – nur darum sollen wir bitten. Er gibt uns so eine neue Frei­heit von den Dingen und für die Dinge. Er preist die Armen selig, er will, daß wir geben und teilen. Gerade heute brauchen wir einen neuen Lebensstil, damit unsere Gesellschaft nicht innerlich kaputtgeht und damit die Menschheitsfamilie menschenwürdige Lebensbedingungen findet. Der Freund Jesu teilt Jesu Lebensstil.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Jesus ist Realist, er weiß um unsere Schwäche. Er verurteilt uns nicht, er sagt aber auch nicht: Es ist egal, wie du lebst. Er ruft uns zur Buße, zur Umkehr, zum immer neuen Anfang. Er vergibt uns und lehrt uns, den anderen zu vergeben. Freundschaft mit ihm versandet, wenn wir nicht immer neu umkehren. Das müssen wir persönlich jeden Tag tun. Wir sollten nie zu Bett gehen, ohne uns mit ihm und mit unseren Nächsten versöhnt zu haben. Aber wir brauchen Hilfe und Begleitung. Ganz konkret: Wir sollten uns einen Priester suchen, mit dem wir von Zeit zu Zeit über unser Leben sprechen und den wir auch immer wie­der um die sakramentale Vergebung unserer Sünden bitten. Der Freund Jesu sucht Vergebung und schenkt Vergebung.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Das neue Leben geht nicht glatt, nicht ohne Krise. Der Freund Jesu kommt in Bedrängnis, er spürt Gegenwind. Er paßt sich nicht dem Trend an, nicht den Mächten außer ihm, die ihn wegziehen wollen von [5] der Freundschaft mit Jesus, aber auch nicht den Mächten in ihm, die ihn lähmen, schwächen, unklar und unrein werden lassen. Freund­schaff mit Jesus hat auch etwas mit unserem Leib zu tun. Wir können ihn nicht verbrauchen und wegwerfen, wie wir mögen. Ringen um die Reinheit ist nicht Krampf, sondern größere Liebe. Der Freund Jesu kennt das Kreuz, er schwimmt gegen den Strom.

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Erst wenn Jesus wiederkommt und das Reich Gottes vollendet, werden Sünde, Elend und Tod überwunden sein. Aber schon jetzt wirkt in uns seine befreiende, erlösende Macht. Jesus ist deswegen zu den Men­schen hingegangen, die unter der Macht des Bösen gefangen waren. Er war der Freund der Sünder, der Kranken, der Schwachen, der Men­schen am Rand. Sein Beispiel verpflichtet. Wer uns begegnet, soll etwas von der erlösenden, helfenden Nähe Jesu erfahren. Was wir dem Geringsten unserer Brüder getan haben, haben wir ihm getan. Wir fragen uns: Wo ruft uns heute Jesus in unserem Nächsten an? Der Freund Jesu ist Diener und Helfer aller, vor allem der Menschen am Rand.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Jesus zeigt uns, wie wir leben sollen und leben können. So, daß Gott, seine Kraft, seine Herrlichkeit, in unserem Leben aufgehen, so, daß Gott etwas mit uns anfangen kann für seine Welt. Darum ist es nicht egal, was aus unserem Leben wird. Wir schlittern nicht durch Zufall in diese oder jene Laufbahn, in diesen oder jenen Beruf, in diesen oder jenen Lebensstand hinein. Wir sprechen darüber mit Jesus, hören auf ihn und haben dann den Mut, Konsequenzen zu ziehen. Wir fragen uns: Wohin ruft Jesus mich? In eine christliche Ehe oder in die Ehelosigkeit um Jesu willen? In einen Beruf, der seinen Schwerpunkt im Aufbau der Gesellschaft oder im Aufbau der Kirche hat? Soll ich als Priester oder als Laie, als Weltchrist oder als Ordenschrist ihm dienen? Wir fragen nicht in erster Linie nach dem, was „attraktiv“ ist, sondern danach, wo Jesus uns haben will. Der Freund Jesu fragt nach seiner Berufung und lebt aus seiner Berufung.

 

[6] Also mein Vorschlag heißt: sich mit dem Vater unser täglich auf die Spur Jesu machen, konkret die Freundschaft mit ihm und mit anderen leben. Ich schreibe die Vater-unser-Bitten und die Merksätze auf die folgende Seite. Das könnt Ihr Euch bereitlegen für eine tägliche kurze Besinnung, etwa am Abend oder Morgen.

Sicher, für die Freundschaft mit Jesus kann man sich nicht bei einer Adresse anmelden. Aber man kann ein Netz bilden. Mit anderen – auch mit dem Bischof. Schreibt mir doch, was Ihr denkt. Wenn Ihr wollt, schicke ich Euch von Zeit zu Zeit einen Impuls, eine Information. Und einmal im Jahr möchte ich bistumsweit zu einem Treffen ein­laden, bei dem wir Erfahrungen austauschen und ein bißchen Fest der Freundschaft feiern können.

Ich habe schon angefangen, täglich auf diese neue Weise das Vater unser zu beten. Für Euch, hoffentlich bald auch mit Euch

Auf derselben Spur

Euer Bischof

+ Klaus

 

 

 

Ostern 1981

 

 

[7] Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Der Freund Jesu betet.

Dein Reich komme.

Der Freund Jesu pflegt Gemeinschaft.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Der Freund Jesu lebt sein Wort.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Der Freund Jesu teilt Jesu Lebensstil.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Der Freund Jesu sucht Vergebung und schenkt Vergebung.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Der Freund Jesu kennt das Kreuz, er schwimmt gegen den Strom.

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Der Freund Jesu ist Diener und Helfer aller, vor allem der Menschen am Rand.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Der Freund Jesu fragt nach seiner Berufung und lebt aus seiner Berufung.

 

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