Spiritualität und Gemeinschaft


Beitragsseiten
Spiritualität und Gemeinschaft
I. Spiritualität braucht Gemeinschaft
II. Gemeinschaft braucht Spiritualität
III. Der Kern der Botschaft
IV. Das Geheimnis der verschlossenen Tür
V. Die Endlichkeitsgestalt von Spiritualität und Gemeinschaft
VI. Grundzüge einer gemeinsamen Spiritualität heute

 

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[73] Unvermeidlich zwar, aber nichtsdestoweniger bedauerlich: Immer mehr Kirchen sind untertags geschlossen, gerade solche, die wert­volle Kunstschätze bergen. Man hütet diese Schätze, man muß sie hüten. Aber jene, die sich ihrer freuen wollen, die in der Stille des heiligen Raumes den Zutritt zu den verborgenen Schätzen Gottes suchen, stehen enttäuscht vor verschlossenen Türen.

Manche haben den Eindruck, ähnlich gehe es mit der Kirche im ganzen. Sie hüte die Schätze der Wahrheit, die geistlichen Schätze der Tradition, habe acht darauf, daß nichts verlorengeht ­– was durchaus ihr Recht, ja ihre Pflicht ist. Aber es gelinge nicht mehr, die Türen zu öffnen, so daß der Mensch von heute mit diesen Schät­zen und aus ihnen leben könne. In Stein gemeißelt über dem Türsturz: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!“ (Mt 11, 28) – an der Tür aber ein Schild „Zutritt verboten!“ oder zumin­dest „Heute geschlossen!“

Ich glaube nicht, daß dieses Bild stimmt. Aber ich sehe mancher­lei Anlässe dafür, daß es einem in den Sinn kommt. Bloße Objekti­vität, auch wenn sie noch so triftige Gründe für sich hat, läßt den Menschen ratlos und hilflos. Es genügt nicht, daß der Glaube „stimmt“. Der [74] Glaube muß auch „gehen“, das Leben aus dem Glau­ben muß gelebt werden. Deshalb erhalten Worte wie Dogma und Institution einen fremden und fernen Klang, während Spiritualität geradezu ein Reizwort, ein Modewort geworden ist. Es kann nicht die Aufgabe sein, das eine gegen das andere auszuspielen. Allein die lebendige Verbindung zwischen beiden vermag den Hunger nach Spiritualität zu stillen. Hat doch dieser Hunger, der keineswegs mit einer neuen Zukehr zu Kirche und Dogma verbunden ist, seinen Grund gerade darin: Menschen suchen einen Weg – einen Weg zu sich selbst, einen Weg zum anderen, einen Weg zum ganz Anderen. Glaube kann anscheinend nur den tragen, der ihn gehend als einen Weg erprobt. Was ist dann Spiritualität? Vielleicht dürfen wir sagen: Spiritualität ist, wie Glaube geht.

 

 



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