Nichts


 

[800] I. Fragestellung

Das N. zu bedenken ist theologisch aus verschiedenen Anlässen von Belang:

1. Christlicher Glaube versteht den Ursprung der Welt als →Schöpfung aus Nichts. Dieser nie überholbare Anfang durchstimmt auch sein Verständnis von Fall, Erlösung und Vollendung der Welt. Was heißt hier Nichts?

2. Alle Aussagen über →Gott sagen mehr, wie Gott nicht ist, als wie er ist. Das gilt auch von Gottes offenbarender Selbstaussage, die sich ja ins menschliche Wort verfaßt. Die Rede vom unsäglichen Geheimnis weist nur vor, was sie sagt, wenn sie zugleich wegweist von dem, was sie sagt. Höchste Annäherung an Gott mündet ins Schweigen, ins Sagen des Nicht und Nichts. Warum ist das so, und was ist darin gesagt?

3. Dem gefüllten Sagen des N. vor der Übermacht des glaubend gewahrten Geheimnisses steht das N. der Verzweiflung gegenüber, daß es nichts mit allem, nichts mit dem Dasein sei. Der Gegensatz →Glaube–→Verzweiflung erschöpft jedoch nicht die Vielfalt der Bedeutungen des N. in den Erfahrungen und Gedanken der Geschichte und Gegenwart. Wie versteht christlicher Glaube diese Erfah- [801] rungen und Gedanken und wie in ihrer Mitte sich selbst? Diese Fragen lassen sich nicht mit knappen Auskünften beantworten. Statt dessen soll ein Zugang zu dem Einen gesucht werden, um das es in den vielerlei Deutungen und Bedeutungen des N. geht.

II. Zugang des Denkens

1. Solange der Mensch sich unmittelbar dem zuwendet, was ihm begegnet, kommt der Gedanke „nichts“ ihm nicht auf. Bemerkt er nachträglich, nichts gedacht zu haben, so bemerkte er es während seines Nichtdenkens gerade nicht. Erst wenn ein Anstoß ihn zur Erinnerung treibt, geht ihm „nichts“ als Inhalt seines Vollzuges auf. Die andere Grundstellung, den Gedanken „nichts“ zu fassen, ist die Erwartung; suchendes Hinschauen oder -hören, dem kein Etwas zustößt, bemerkt: nichts. N. zeigt sich so zunächst als ausgebliebenes, durchgestrichenes Etwas. Es muß am Etwas gemessen werden, um aufzufallen, fällt unmittelbar also nicht auf in der in sich beruhenden Gegenwart, sondern in der zum Gewesenen gewandten Erinnerung und zum Künftigen gespannten Erwartung.

2. N. läßt sich nicht in sich, nicht ohne Bezug zum Etwas verstehen. Umgekehrt aber ist auch das begegnende Etwas stets durchgestrichenes, aufgehobenes Nichts. In der Aussage „Dies ist es und nichts anderes“ setzt es sich ab gegen die grenzenlosen anderen Möglichkeiten, die es nicht ist, und gegen die Möglichkeit, daß es selbst und daß überhaupt nichts sei, kommt das Etwas erst aus der bloßen Selbstverständlichkeit hervor in die Entschiedenheit und Dichte seiner eigentlichen Gegenwart. Gegenwart als solche ist ausgeschlossenes und so gerade gegenwärtigendes Nichts. Ist N. abwesend, so ist auch Gegenwart sich nicht gegenwärtig.

3. N. ist im gegenwärtigen Etwas nur mittelbar gegenwärtig. An sich selbst gewinnt es Gegenwart in der Sammlung und in der Angst. Beide haben es nicht mehr mit dem Etwas zu tun, sondern mit dem anderen Gegenteil des N., dem Alles. Sich-Sammeln heißt: alles lassen, „nichts“ denken, einfältig offen und leer dasein. „Alles“ hat der menschliche Vollzug als positiv erfüllten und gesicherten Gehalt nie in der Hand, die erreichte Stufe läßt stets die Frage offen, ob das wirklich alles sei. Nur in der alles lassenden Sammlung kommt „Alles“ ausweislich vor, ausweislich am umfassenden Maß des Nichts. Hat der Mensch, [802] nichts mehr festhaltend, alles gelassen, so ist in diesem N. alles und ist auch er sich allererst gegenwärtig. - Was in der Sammlung durch den Menschen, das geschieht von sich her in der Angst: Alles ist fortgerissen von seiner es und den Menschen haltenden Stelle, und das Fortreißende ist nicht dies oder jenes, sondern eigentlich-nichts. Dem fortreißenden N. ist nichts gewachsen, das Etwas nicht und nicht Gedanke oder Wille des Ich. Diesem N. sind aber nicht nur vorschnelle Auskünfte und Ausflüchte ungemäß, sondern auch das ebenso vorschnelle Sichmitreißenlas-sen der Verzweiflung. Jedes „Etwas“ verschlingend, geht das N. den Menschen an, und im umfassenden Angehen kommt dem Menschen die Weisung der Stille, der Geduld entgegen. Folgt der Mensch ihr, so vermag sein Seinmüssen angesichts des ängstigenden N. sich als grundloses Seindürfen zu entbergen.

4. In Sammlung und Angst nimmt nicht nur der Mensch sich aus dem unmittelbaren Umgang mit etwas an sich, „nichts“ nimmt ihn an sich, es wird ihm thematisch, aus nichts wird das Nichts. Wo bloßes Ausdenken, losgelöst vom Ernst des Vollzuges, das N. vergegenständlicht, wird dieses verfehlt. Es „ist“ gerade das Ungegenständliche, das Andere des Etwas und Alles.

III. Erscheinung des Nichts

Der Zugang zum N. legt drei negative und drei positive Züge an ihm frei. Die negativen: Es ist das Andere des Etwas, das Andere des Alles, das Andere des „Ist“ selbst, nicht seiend, sondern eben: nichts, ist-sagender Aussage entzogen.

Von hier aus eröffnen sich die positiven Züge:

1. Das N. ist umfassend: Gewahrt der Mensch etwas, so zieht sich sein Gedanke auf ein Begrenztes zusammen. Gewahrt er nichts, so heißt dies: überhaupt im ganzen nichts. Das N. ist grenzenlos weit, weiter als alles mögliche Etwas.

2. Das Nichts ist anfänglich: Wenn der Mensch vom Seienden alles denkend wegnimmt oder sich sammelnd weggibt, bleibt nichts übrig. Das N. kann nicht mehr weggenommen oder -gegeben werden. Wenn Seiendes ist, so ist es und ist es, was es ist, von der Grenze des ausgeschlossenen N. her: im gesetzten Sein des Seienden ist das N. als Voraussetzung mitgesetzt.

3. Versucht der Mensch, nichts Seiendes, nicht etwas, sondern →Sein zu denken, so geschieht dasselbe wie beim Versuch, N. zu denken. Sein [803] erweist sich als das umfassende und tragende Gegenteil des Etwas, Alles und Ist. Denkt der Mensch Sein im Hinblick auf Seiendes, als dessen gesetztes Sein, so ist es freilich Gegensatz zum dadurch ausgeschlossenen Nichts. Denken wir Sein hingegen rein in sich, so denken wir, gemessen am Etwasdenken, nichts. Sammlung und in Geduld durchstandene Angst vernehmen hinwiederum in der Reinheit des N. die stille Mächtigkeit des Seins. Dem Denken, das sich übers Seiende hinauswendet, entsinkt der Gegensatz zwischen N. und Sein ins lautere Vernehmen der Anfänglichkeit.

IV. Unterscheidung des Nichts

1. Nichtiges Nichts. Fragendes Bedenken des Seins des Seienden findet das N. zunächst nicht als dasselbe wie Sein, sondern als das Andere, als nichtiges Nichts. Vor, nach und außer seinem Sein ist das Seiende an sich selbst einfachhin nichts, und dieses N. darf weder ins Seiende noch in den unbedingten Ursprung hinein aufgelöst werden. Nur so ist es die Grenze, die das Seiende in seiner Endlichkeit und Selbständigkeit wahrt. Die Herkunft aus dem N. seiner selbst macht das Sein des Seienden einerseits fraglich: es trägt und erklärt sich nicht in sich selbst – anderseits wunderbar: Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?

2. Sein als Nichts. Verfällt das Denken angesichts der Herkunft des Seienden aus nichts weder in den →Nihilismus (Es hat mit allem nichts auf sich) noch in den Umtrieb der Endlichkeit (Es hat mit allem nichts weiter auf sich), so wird es bereit, dieses N. in sich selbst zu wiederholen, zu werden, „wie es war, da es nicht war“. Solche Armut, die das N. des eigenen Seins und des Seins des Seienden aus sich selbst vollzieht, gelangt hinter den Gegensatz zwischen dem N. des Seienden aus sich und dem Sein des Seienden nicht aus sich zurück: Es ist zwar „nichts“ im Denken, dieses N. aber ist stille Anwesenheit anfänglichen Seins.

3. Heiliger Ursprung als Nichts. Das Denken bleibt beim N., als welches Sein ihm aufgeht, nicht stehen. Was ist der Grund dafür, daß Seiendes sei, was der Grund, daß Sein selbst ihm gegenwärtig sei? Nichts: Freitragende, aus sich gewährende Huld also. Das →Geheimnis dieser Huld entgeht dem, was Gedanke, Frage und Antwort zu nennen vermögen, ins heilige N. des unvordenklichen Ursprungs. Nur von sich her, nicht aus der Näherung unseres Denkens, erhebt er sich in dieses als der göttliche Gott (Das →Heilige).

[804] LITERATUR: G. Kahl-Furthmann, Das Problem des N. (B 1934); M. O'Brien, The Antecedents of Being. An Analysis of the Concept (Wa 1939); J.-T. Sartre, L'etre et Ie neant (P 1943), dt.: Das Sein und das N. (H 1952); H. Kuhn, Begegnung mit dem N. (T 1950); E. Paci, II nulla e il problema dell'uomo (Tn 1950); R. Berlinger, Das N. und der Tod (F 1954); G. Siewerth, Das Schicksal der Metaphysik von Thomas zu Heidegger (Ei 1959); E. Fink, Alles und N. (Den Haag 1959); M. Heidegger, Was ist Metaphysik? (F 81960); ders., Was heißt Denken? (T 21961); ders., Holzwege (F 41963); ders., Wegmarken (F 1967).

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