An alle, die auf den Fastenhirtenbrief 1979 geantwortet haben, Juli 1979


 

 

[32] Liebe Mitbeter!

In der Tat: das Netz ist geknüpft! Viele haben einander kennengelernt, ich durfte viele kennenlernen aus dem Bistum aufgrund einer übergreifenden Gemeinschaft des Gebetes vor den Tabernakeln und in den stillen Stuben der kranken und älteren Menschen in unserem Bistum. In diesem Verweilen vor dem Herrn, der sich uns als Brot des Lebens hinhält, tragen viele das Anliegen mit, der Herr möge junge Menschen in seine Nachfolge und zu seinem Dienst berufen und ihnen seinen Ruf hörbar machen.

Besonders froh bin ich, daß ich entdecken durfte: zahlreiche einzelne und zahlreiche Gruppen von Betern vor dem Tabernakel, von Betern für geistliche Berufe und kirchliche Dienste gibt es schon lange im Bistum Aachen! Und ich darf des weiteren entdecken, wenn ich durchs Bistum komme: Weit über den Kreis derer, die mir geschrieben haben, hinaus findet das Anliegen dieses Fastenhirtenbriefs Echo.

Ich möchte allen, die dazu mithelfen, aus dem Bistum eine Gemeinschaft lebendigen Gebetes werden zu lassen, ein herzliches Danke sagen und sie ermutigen, im einmal Begonnenen treu fortzufahren.

Es hat auch kritische Anfragen an diesen Hirtenbrief gegeben, und auch für diese bin ich dankbar. Ich möchte die hauptsächlichen Fragerichtungen Ihnen mitteilen, weil sie uns zu einer Besinnung und Vertiefung Anregung geben können. Ich möchte, verkürzt und [33] vereinfacht, vier Fragepunkte herausstellen: 1. Warum fordert der Bischof zum Beten auf und nicht zum Handeln, zum christlichen Zeugnis der Liebe im Alltag? 2. Führt die Aufforderung, vor dem Tabernakel zu beten, nicht in eine vorkonziliare Haltung zurück? 3. Ist es nicht ein engstirniger Egoismus, gerade für geistliche Berufe zu beten, statt sich der brennenden Anliegen des Einzelnen und der Menschheit im Gebet anzunehmen? 4. Dürfen wir überhaupt um geistliche Berufe beten, wenn wir nicht zunächst alles unternommen haben, um mehr Priester und andere Mitarbeiter in unseren Gemeinden zu gewinnen?

Zur ersten Frage: Sicherlich gilt Jesu Wort, daß nicht jener ins Himmelreich eingeht, der „Herr, Herr“ ruft, sondern jener, der den Willen des Vaters tut. Ich glaube, daß ich gerade in den Fastenhirtenbriefen der drei voraufgegangenen Jahre Anregungen fürs praktische Tun, Anregungen für die christliche Gestaltung des Alltags, für den Dienst an den Menschen und der Welt gegeben habe. Aber was ich im Hirtenbrief an Mutter Teresa und dem früheren Kardinal von Krakau und jetzigen Papst anschaulich machte, wird mir immer dringender und allgemeiner deutlich: Zuwendung zur Welt, Zuwendung zum Nächsten gelingt gerade aus der ausdrücklichen Zuwendung zu Gott. Wer auf Gott schaut, der lernt die Not seines Nächsten sehen. Und, so sonderbar es klingen mag, es bestätigt sich an meinem Alltag und am Alltag vieler: Je mehr ich Zeit brauche für den Nächsten, desto mehr brauche ich Zeit für Gott. Und je mehr Zeit ich mir für Gott nehme, desto mehr Zeit gewinne ich auch für meinen Nächsten!

Zur zweiten Frage: Sicherlich ist die lebendige Teilnahme am Opfermahl Christi, an der heiligen Messe, Mitte und Gipfel aller, zumal der eucharistischen Frömmigkeit. Doch der Herr, der sich uns als Brot des Lebens gibt, nimmt sich nicht nach der Feier der Eucharistie zurück, sondern er bleibt unter der Gestalt des Brotes gegenwärtig. Gegenwärtig, um jederzeit zu denen gebracht werden zu [34] können, die seiner bedürfen, ausgeteilt zu werden an jene, die nach ihm verlangen. Es gibt keine einzige konsekrierte Hostie auf der Welt, die nicht dazu bestimmt wäre, kommuniziert zu werden, persönliche Vereinigung des Herrn mit einem Menschen zu wirken und ihn so tiefer hineinzubeziehen in die communio aller, die Gemeinschaft aller, die sein lebendiger Leib sind. Wer vor dem Tabernakel betet, der betet vor solcher Liebe, die sich hinhält und austeilt, der betet vor dem Herrn, der selber sich austeilende und hingebende Liebe ist. Was einmal in der Teilnahme an der Eucharistie geschieht, das will Rhythmus unseres ganzen Lebens, das will Inhalt unserer ungezählten Augenblicke werden: Vereinigung mit dem Herrn, Hingabe an den Herrn und Hingabe mit ihm für die anderen. Dies aber geschieht nicht nur im Hinausgehen aus dem Kirchenraum in die Räume der Welt und des Lebens, es geschieht auch im Eintritt in den Kirchenraum und im Verweilen dort, wo Jesus sich für uns bereithält, im Tabernakel. Die Anbetung vor den eucharistischen Gestalten hat so das unverwechselbare Merkmal christlicher Frömmigkeit: Anbetung im Geist Jesu, Anbetung im Heiligen Geist, in welchem sich Jesus dem Vater darbringt und sich zugleich vereint mit uns und uns vereint miteinander. Ich ganz persönlich, ich in meiner innersten Einmaligkeit bin vor dem Herrn und im Herrn – aber ich bin nicht allein, sondern werde hineingenommen in die Dynamik des Geistes, in die Dynamik, die Jesu Leben selber bestimmt: sich verschenkende, sich hingebende, sich für die Vielen verschenkende und mit den Vielen vereinende Liebe.

Zur dritten Frage: Aus solcher Dynamik hat gewiß auch das Gebet vor dem Tabernakel die Blickrichtung, in die uns Jesu Hingabe in den Wandlungsworten hineinnimmt, die Blickrichtung „für euch und für alle“. Wo könnte ich besser und tiefer denen nahe sein, die ich sonst nicht erreiche, als durch den eucharistischen Herrn? Doch wie von selbst geht hier unser Blick noch in eine weitere Richtung: Wer bringt den Herrn, wer bringt seine Liebe hinaus zu den Vielen, hinaus an die [35] Ränder, hinaus in die ganze Welt? Wer nimmt den Dienst des Gebetes, den ich hier diese kurze Zeit vollbringen kann, auf als seinen Lebensberuf? Wer läßt sein ganzes Leben, in Aktion oder Kontemplation, im priesterlichen Dienst oder in anderen Diensten der Kirche, eucharistisch austeilen an die anderen? Ja, ich möchte, daß wir dabei alle Berufe und Dienste in der Kirche im Blick haben. Doch es scheint mir kein falscher Klerikalismus zu sein, wenn auch und besonders der priesterliche Dienst hier eine Rolle spielt: der Dienst, der in der Mitte der Gemeinden Eucharistie bewirkt und dem gewidmet ist, daß aus dem gesamten Leben der Gemeinde „Eucharistie“ wird.

Schließlich zur vierten Frage: Beten und die Hände in den Schoß legen, nicht das Unsere tun und, weil es bequemer ist, probieren, ob nicht der Herr das Seine trotzdem tut – das wäre bestimmt die falsche Haltung. Sie steht sicher nicht hinter dem Hirtenbrief, sie steht sicher nicht hinter dem Gebet derer, die um geistliche Berufe den Herrn anflehen. Sie steht aber auch nicht hinter der Haltung der Kirche, die an den Zugangsbedingungen zum priesterlichen Dienst wie etwa der Ehelosigkeit festhält. Wer nicht nur im verkürzenden Spiegel mancher Auszüge und Kommentare, sondern wirklich im Text den Brief unseres Papstes vom Gründonnerstag dieses Jahres an alle Priester in der Welt liest, der wird dies tiefer verstehen. Der sich gehorsam dem Willen des Vaters an alle bis zum Tod verschenkende Herr, der alles bis zum Letzten für uns hingebende, am Kreuz für uns arm gewordene Herr, der in seiner Liebe allein dem Vater und von ihm aus allen Menschen zugleich zugewandte Herr: das ist der eucharistische Herr. Wer betend vor ihm verweilt, der wird auch das Interesse und das Anliegen des Herrn verstehen, daß in der Kirche sich immer und immer neu Menschen finden, die bereit sind, seine Lebensform in den evangelischen Räten des Gehorsams, der Armut und der Ehelosigkeit zu übernehmen. Die Ordensleute, die Menschen, die sich mitten in der Welt in geistlichen Gemeinschaften [36] zusammenfinden, die Priester, die in Ehelosigkeit, Verfügbarkeit und Schlichtheit den eucharistischen Dienst für alle tun sollen, sie gehören nicht zu einem „traditionalistischen“ Bild von Kirche, sondern zu einem dynamischen, zum Dienst einer Kirche, die für Gott und für alle Menschen in immer neuer Weise da ist. Jeder von uns soll an seiner Stelle das Seine dazutun, daß Kirche das glaubwürdige Zeugnis der eucharistisch sich verschenkenden Liebe wird – wir tun aber das Unsere gerade nicht, wenn wir versäumen, vom Herrn jene Gaben zu erbitten, die sich nicht machen und herstellen lassen, sondern die nur sein Geist uns schenken kann.

Nun ist der Brief länger geworden, als ich es mir dachte – aber ein solches Gespräch mit denen, die mit mir in der so dichten und tiefen Gemeinschaft des Gebetes stehen, ist mir eben ein Herzensanliegen. Bleiben wir in der Offenheit füreinander und in der Gemeinschaft miteinander und bilden wir immer dichter und vielmaschiger ein lebendiges Netz, das unsere Kirche von Aachen überspannt.

In herzlicher Dankbarkeit und Verbundenheit grüße und segne ich Sie und nehme Sie, Ihre Nächsten und Ihre Anliegen nachdrücklich in mein Gebet.

 

| + Klaus Hemmerle |

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