Der Gekreuzigte


 

 

Johannes_vom_Kreuz_Kreuzbild

 

[54] Trotz seiner winzigen Maße, trotz des bescheidenen Aufwands – eine  Federzeichnung von wenigen Quadratzentimetern – ein großes Bild.

Ein großes Bild ja, aber nicht von einem, der als großer Maler gilt. Johannes vom Kreuz (1542 bis 1591), der bedeutendste Mystiker der Neuzeit und einer der großen Meister der spanischen Sprache, schuf es in dem für seine dramatische Biographie entscheidenden Jahr 1577. Noch wirkte er als Spiritual und Beichtvater im Karmelitinnenkloster „La Encarnación“ zu Avila, wo Teresa von Jesus, die ihm ebenbürtige Mystikerin, Priorin war. Im Streit um die Reform des Ordens, deren geistliche Antriebskräfte Teresa und Johannes waren, wurde er Ende 1577 von seinen Gegnern entführt, und von da an durchlitt er bis zu seinem Tod eine Epoche der Demütigung, Verfolgung, Verkennung, Anfechtung und Krank­heit. Gerade in diesen Jahren reifte sein literarisches Werk, das nicht nur ein einmaliges Zeugnis persönlicher Liebesvereinigung mit dem lebendigen Gott darstellt, sondern auch bis heute den Weg anzeigt, der zu diesem Ziel führt. Der entscheidende Punkt auf diesem Weg ist – wie könnte es in christlicher Mystik anders sein? – der Gekreuzigte, das Kreuz.

Wen wundert es, daß einer, der nichts anderes „ist“ als lebendige Beziehung zum Gekreu­zigten, ihn nicht nur in sich, sondern auch über sich hinaus zur Gestalt bringt? Es geht bei dieser Zeichnung eines Meditationsbildes nicht darum, ein Kunstwerk zu fertigen, sondern jenen, den die eigene Seele sucht, ins Bild zu holen und sich selbst ins Erbilden dieses Bildes hineinzugeben.

Die Größe dieses Bildes liegt in der überraschenden Unmittelbarkeit, in der seine Gestalt als solche zu sprechen vermag, wenn wir uns, ohne uns auf Kontexte abzustützen, die Augen von ihr gefangennehmen lassen.

Versuchen wir es in vier hinblickenden Annäherungen. Es sind die meinen, sie sind zufällig. Aber vielleicht fällt in ihnen auch anderen die Botschaft zu, die mich darin traf.

 

I.
Vaterlos

Mit dem Bild ist in sich selber Schluß.
Genauer: Mit Dem am Kreuz ist in sich selber Schluß.
Er blickt nicht auf zu einem Antlitz, das ihn anblickte.
Und sein Blick nach unten fällt nicht in einen bergenden Schoß.
[55] Die ans Kreuz genagelten Hände sind nicht nach vorne oder oben ausgestreckt im Gestus der Bitte.

Durchhängend und zusammengezogen,
beides zugleich sein Leib.
Aber wo kommt mein Blick überhaupt an in diesem Bild?
Er findet seinen Weg von rückwärts seitlich oben.
Er trifft den am Kreuz Hängenden im Nacken.
Was für ein Weg: von rückwärts seitlich oben in den Nacken!
Der Blick gleitet den Längsbalken des Kreuzes entlang, bis er auf den Leib des Gekreuzigten stößt.
So aber verwandelt sich das Bild.
Die in sich verharrende Gespanntheit und Gekrümmtheit des Korpus
tritt doch in Beziehung.

In Beziehung wozu?
Ort der Beziehung: der Nacken.
Was liegt auf dem Nacken?
Nichts. Ein lastendes Nichts, das grenzenlos von oben hereinbricht.

Und dann sieht der Blick plötzlich mehr: auch links vor und über dem Gekreuzigten: Nichts.
Auch unter und hinter dem Kreuz: Nichts.
Und wo die nach vorne stoßenden Knie den Bildrand berühren, auf den auch der
geneigte Kopf und die angewinkelten Füße weisen:
wiederum Nichts.

Im Nichts, vom Nichts, ins Nichts.
Vaterlos, Gott-los.

Da bist du.
Und da hälst du meinen Blick fest, da bannst du mich,
daß ich bei dir bleibe.

Und du, der in sich Gekrümmte und Gewinkelte,
Ausgespannte und Eingeschlossene,
rührst mich an, machst mich still,
bist mir Wort.
Du sprichst mir – wovon?

[56] Vom Nichts über dir, unter dir, um dich.
Und wenn ich dich lange genug | zu | mir habe sprechen lassen
in deinem Schweigen,
dann kann ich es nicht mehr sagen: Vaterlos, Gottlos.

 

II.
Menschenlos

Ist es wirklich unser Menschenlos,
menschenlos allein zu sein?

Ein anderer Blick-Weg: Versuch,
von einer anderen Seite sich ins Bild zu zwängen.
Doch drinnen ist kein Platz,
um unter dein Mich-Anschauen zu geraten.
Und wenn ich draußenbleibe vor dem Bild,
so trifft auch dort dein Blick den meinen nicht.

Oder
dreht dein umdunkeltes und verschwimmendes Antlitz
sich doch heimlich nach der Seite über das Bild hinaus?
Sucht es meine Einsamkeit, die gleich der deinen ist?
So daß ich dort, draußen vor dem Bild,
entdeckt, erblickt,
gemeint bin?
Ist deine Einsamkeit in mir?
Ist meine Einsamkeit in dir?

Die Mutter und der Jünger sind nicht im Bild.
Sie sind in mir,
wenn mein Blick den Weg sucht
im Draußen
zu deinem Blick.

 

III.
Weltlos

Nichts anderes als der Gekreuzigte und das Kreuz.
Sonst nur Nichts.
[57] Und doch: Wer dieses Bild gesehen hat,
der hat die Welt gesehen.

Der Angenagelte,
ans Kreuz wie Angeschmiedete
ist im Absprung.
Schau doch auf seinen Nacken:
Welche Wucht fällt senkrecht da auf ihn herab.
Er ist gestoßen –
vielleicht:
Er ist gesandt.

Ob es ihm nur ein Muß ist? In allem Schmerz
doch ein Abschwung hin zum Nichts unter ihm und um ihn
von oben her,
vom Über-Ihm.

Wird das Grenzenlose,
in das hinein er auf dem Sprunge ist,
ihn nicht verschlingen?

Es wird ihn essen:
Brot für das Leben der Welt.

 

IV.
Kreuzlos

Verkehrte Welt, verkehrtes Kreuz!
Man drehe das Bild, so daß der Gekreuzigte
auf ihm zu liegen kommt.
Und siehe da: Er liegt nicht.
Er ist wie weggehoben vom Kreuz, an das er doch genagelt ist.
Als ob ein Windstoß ihn trüge.

Zurückgedreht in die rechte Ordnung:
Kaum mehr Reibungsfläche zwischen dem Korpus und dem Kreuz.
In der Tat, der Eingerollte und Gekrümmte,
der Durchhängende ist,
angenagelt und angeschmiedet, der Freie.

Ich ahne ihn schon: den Kreuzlosen,
den, der durch verschlossene Türen geht,
der die Seinen anhaucht
mit dem heiligen Windhauch,
der freimacht,
wo wir angenagelt sind.

Und nochmals: kreuzlos.
Das Kreuz ist kein Kreuz,
das Kreuz sind zwei kreuzende Längsbalken.

Nur noch eines, mitten in der Verlassenheit:
Höhe und Abgrund, der Vater und Er.
Und da sind wir drinnen, du und ich und wir.

Daß wir eins seien,
wie Vater und Sohn,
daß die Welt glaube.
Wunderbare Kreuzgeschichte dieses Bild,
das von der grenzenlosen Einsamkeit
in die Einheit führt.

Der Kreuzlose aber zeigt uns die Wunde.

 

Johannes vom Kreuz schreibt wenige Jahre, nachdem er dieses Bild gezeichnet hat, vom Ge­kreuzigten: „daß er im Augenblick des Todes auch in der Seele vernichtet war, ohne ir­gendeinen Trost und eine Stärkung, weil der Vater ihn so sehr in innerster Trockenheit ließ … Deswegen war er genötigt zu schreien und sagte: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich ohne Stütze gelassen? Das war die größte Verlassenheit, … die er in seinem Leben je empfand. Und dadurch wirkte er in dir das größte Werk, größer als alle, die er in seinem Leben mit Wundern und Werken tat …: In Gnaden das Menschengeschlecht mit Gott ver­söhnen und mit ihm vereinen … so soll man das Geheimnis der Tür und des Weges Christi verstehen und erkennen, daß man sich desto mehr mit Gott vereinigt …, je mehr man sich um Gottes willen vernichtet“.[1]



[1] Johannes vom Kreuz: Aufstieg zum Berge Karmel, Buch II, Kap. 6, zit. n. Mosis, Rudolf: Der Mensch und die Dinge nach Johannes vom Kreuz (Studien zur Theologie des geistlichen Lebens 1), Würzburg 1964, 151 f.; hier von R. Mosis übersetzt nach: San Juan de la Cruz: Obras completas. Texto crítico-popolar, ed. p. Simeón de la Sagrada Familia, Burgos 1959, 2, 7, 9-11.

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