Eine Martins- und eine Marienkirche



[75] Wie stelle ich mir das Glauben, die Kirche morgen vor? Ich bin ver­sucht, darauf mit zwei unscheinbaren Begebenheiten zu antworten, die mir zu denken und zu hoffen gaben. Die eine hat mit dem heili­gen Martin, die andere mit Maria, der Mutter Jesu, zu tun. Ich könnte also sagen: Ich hoffe, daß unsere Kirche immer mehr eine Martins-Kirche, daß sie immer mehr eine Marien-Kirche werde.

Die Geschichte mit dem heiligen Martin spielte sich kurz vor Pfing­sten 1987 in einer Dorfkirche des Bistums Aachen ab. Die Kleinst­- und Kleinkinder der Gemeinde hatten sich beim Bischofsbesuch in der Kirche versammelt, und ich erzählte ihnen vom heiligen Martin, der vor vielen hundert Jahren als Soldat in Frankreich in eine fremde Stadt ritt und dort – es war Winter – vor den Stadttoren einen frie­renden Bettler fand und ihm die Hälfte seines roten wärmenden Mantels schenkte.

Das Erzählte war von den alljährlichen Martinszügen her, die den Kindern immer großen Eindruck machten, den kleinen Zuhö­rern nicht unbekannt. Einer von ihnen rief mitten in meine Worte hinein: „Der Bettler, das war der Gott!“ Es wird nämlich berichtet, daß in der Nacht darauf dem noch nicht getauften Martin der Bettler mit dem roten Mantel im Traum erschien – und es war Jesus Chri­stus selbst.

In der Dorfkirche bei Aachen blieb es aber nicht bei dem einen Zwischenruf. Sofort folgte ein weiterer: „Das ist aber gut, daß der Martin dem Gott den Mantel gab!“ – „Wieso?“ fragte ich zurück und erhielt die Antwort: „Sonst wäre ja Gott erfroren!“

Wie gesagt, es war kurz vor Pfingsten, und mir ging auf: Das ist das Feuer des Heiligen Geistes, der an Pfingsten kam, jene [76] Liebe, die Gott nicht erfrieren läßt, weil wir einander lieben, weil wir mit­einander teilen. Das alte Pfingstgebet sagt mir seither noch viel mehr: „Komm, Heiliger Geist, und entzünde in den Herzen der Gläubigen das Feuer deiner Liebe!“ Und wenn mich einer fragt, was denn die Aufgabe eines Bischofs sei, dann antworte ich – überzeugt, aber nicht selten beschämt –, er habe dafür zu sorgen, daß Gott in unserer Welt nicht erfriert.

Natürlich hat diese Aufgabe nicht nur der Bischof, sondern wir alle haben sie. Und ich stelle mir die Kirche der Zukunft ganz ein­fach als eine Kirche vor, die Gott vor dem Erfrieren in dieser Welt bewahrt. Es ist eine Kirche, in der die Kleinsten und die Ärmsten hier und überall, in der eigenen Gemeinde und in der großen Welt, die Wichtigsten sind. Es ist eine Kirche, in der man miteinander tei­len lernt – und zwar leibhaftig, so daß man sich nicht davor geniert, nur mit dem „halben Mantel“ einherzugehen.

Im Ernstfall kann Teilen also wirklich heißen: halbieren. Aber Teilen, jenes Teilen, das Gott in dieser Welt nicht erfrieren läßt, ist zugleich mehr als nur halbieren. Der Christus, der Sohn Gottes, der in der Gestalt des Bettlers dem Martin erschien, er ist wirklich und wahrhaftig Mensch geworden durch den Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau. Er wollte unser Schicksal teilen – und für ihn hieß das: Er wollte sich ganz uns schenken und wollte uns ganz sich zu eigen machen, ganz uns annehmen. Verschenkter Gott, angenommener Mensch: Das ist der Christus, an den ich glaube, an den die Kirche glaubt. Das kann bis zu jenem Ernstfall gehen, den wir in der Erlö­sung durch Christus sehen, bis zur Lebenshingabe am Kreuz. Aber es muß klein und alltäglich anfangen.

Seine Habe gilt es zu teilen, sich selbst gilt es mitzuteilen. Eine Kirche, in welcher wir uns nicht selber dem anderen aussetzen, in welcher wir uns nur voreinander schützen, uns nur hinter einer Rol­le oder Formel zurückziehen, bannt die Kälte nicht, die Gott, den lebendigen, den vollmächtigen, [77] den liebenden Gott unter uns erfrie­ren läßt. Nichts gegen die gültigen Formeln und die ordnenden Rol­len, gewiß. Aber sie sagen nicht und geben nicht, was sie enthalten, wenn in ihnen nicht wir selbst uns geben, über alle Unterscheidun­gen hinweg und durch sie hindurch.

Das Kostbare an der Martinsgeschichte ist, daß Christus im Grunde zweimal darin vorkommt. Einmal ist Christus in jenem Ärmsten, dem Martin seine Liebe schenkt. Zum anderen ist Chri­stus in Martin, der liebt, wie Christus selber liebt. Kirche, das heißt, daß in jeder Bewegung Christus zweimal da ist: einmal in jenem, dem unsere Liebe gilt; zum anderen in uns, die Christi Liebe schenken. Und wenn er überall zweimal da ist, dann ist er dreimal da: Christus im anderen – Christus in uns – Christus in unserer Mit­te. Wir selber werden der Schoß, in dem Christus Gestalt annimmt, in dem er geboren wird. Wir bilden miteinander den Raum, in wel­chem der Geist Gottes uns verbindet, jenen wärmenden Raum, in welchem Gott nicht erfriert, sondern erstrahlt, in Christus, der in unserer Mitte wohnt.

Immer mehr die Beziehungen in unseren Familien, in unseren Gemeinden, aber auch in der Gesellschaft und zwischen den Men­schen in unterschiedlichen Regionen und Systemen dieser Welt zu verwandeln in jenen Innenraum der Liebe, das ist die Chance Got­tes, des Glaubens, der Kirche. Kirche, in der Gott nicht erfriert: Martins-Kirche.

Das Zweite ist nicht weniger wichtig: Marien-Kirche. Es war im November 1984 in Istanbul. Mit befreundeten Bischöfen aus ver­schiedenen Kirchen und Ländern betrat ich die Hagia Sophia. Das Staunen vor der einzigartigen Architektur gerann uns dort zum Au­genblick der Begegnung mit Geschichte und Gegenwart. Hier war einst strahlende Mitte christlichen Glaubens und Lebens. Hier ha­ben sich – schier tausend Jahre dauert schon die Spaltung – die Chri­sten des Ostens und Westens voneinander getrennt. Hier haben her­nach die Gläubigen einer anderen Religion, des Islam, in greller Deutlichkeit ihre Zeichen gesetzt. Und nun ist dies alles besichtig- [78] ­bare Antiquität in einem säkularen Museum, das von Abertausen­den durchstreift wird beim gebildeten bis gelangweilten Ausflug in die Vergangenheit. Gegenwart des Heiligen, die in sich selbst um­schlägt in die Gottesfremde und Gottesferne. Wo ist da Zukunft des Glaubens?

Plötzlich traf unser Blick hoch in der Kuppel oben das ebenso verhaltene wie eindringliche Bild Mariens, der Mutter, die ihren Sohn der Welt hinhält. Sie drängt sich nicht auf, sie ist einfach da, und Er ist da, angeboten, dargereicht von ihr. Auf einmal ist alles anders.

Ist nicht dies das Bild der Zukunft des Glaubens, der Zukunft von Kirche?

„Theotokos“, „Gottesgebärerin“ – dieser uns zunächst fremd klingende Ausdruck wurde beim Konzil von Ephesos, also nicht weit von der Hagia Sophia entfernt, im Jahr 432 zum Schlüsselwort für das Verständnis der Menschwerdung Gottes. In Jesus will Gott „von oben“ in die Welt kommen – aber zugleich „von unten“, er will von einem Menschen geboren werden, will aus der Geschichte der Menschheit in die Geschichte der Menschheit eintreten. Er will sich abhängig machen vom Ja eines Menschen, um sein unabhängi­ges und unbedingtes Ja zu uns zu sprechen. Gott ist da in dieser Welt – vom Menschen aus.

In dieser Erfahrung der Abwesenheit Gottes, des Vergessens und Verdrängens Gottes, des Absinkens Gottes in das bloß Museale und Historische sah ich Kirche ganz neu. Gott gebären, wo er nicht ist, mit ihm leben, wo er sich entzieht – und so ihn bringen, in jener Einfachheit und Armut der Jungfrau Maria, in der Einfachheit und Armut glaubenden Daseins, das von zögerlichen Kompromissen ebensoweit entfernt ist wie von triumphalistischer Selbstgerechtig­keit: Das ist Bild der Kirche. So kann sie leben, so kann sie Zeuge sein, so Einladung für die Menschen. Der einzelne und mehr noch die Gemeinschaft können in dem Bild Mariens, die einfach da ist und aus sich Christus hervor-bringt, Gott hält und anbietet und verschenkt im Kind, ihren Auftrag und ihre Gestalt [79] finden. Ohne Aufdringlichkeit und ohne Rückzug wird im Kind, das die Mutter gebiert und darreicht, das fleischgewordene Wort sich selber einmi­schen können in den Dialog, ja ihn eröffnen können, der so drin­gend fällig ist: Dialog zwischen den getrennten Jüngern Jesu, Dialog der Religionen, Dialog mit der gottfremden und heimlich doch Gott suchenden Welt. Maria wird der Thron der Weisheit sein. Denn sie wird die Spuren des Wortes, das sie gebar, auch in den fremden Stimmen zu finden und in eins zu fügen wissen. Und von ihr, die einfach da ist und die ist, daß Er da ist, werden auch die Hirten und die Gelehrten es lernen können, nicht Repräsentanten einer wichti­gen Großinstitution, sondern Sitz der Weisheit, „Anbieter“ und „Aussteller“ des verborgenen Gottes zu sein, die ihn unter die Men­schen bringen, wie Maria ihr Kind unter uns Menschen gebracht hat.

 

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