„Das ist mir heilig“ – „Du bist uns heilig“


Zu einer Ausstellung Heiligtümer Jugendlicher*[1]

 

[3] Meine Damen und Herren!

Das erste Wort muß ein Wort des Dankes an den Hausherrn, aber auch an die Initiatoren, Inspiratoren und Durchführenden des Zusammenführens und Zusammenfügens der ausgestellten „Heiligtü­mer Jugendlicher“ sein. Ich nehme auch gerne den Anlaß wahr, mei­ner Freude und Anerkennung Ausdruck zu verleihen, daß hier in Aachen auf Katholikentag und Heiligtumsfahrten hin die Museen es gewagt haben, sich in einer sehr beachtlichen Weise der Thematik dieser Tage zu stellen. Sie haben damit einen sehr wichtigen Dienst geleistet für das, was eine solche Zeit des Nachdenkens und der Be­sinnung bedeuten will.

Ich muß Ihnen gestehen, daß für mich diese Ausstellung von ih­rem Ansatz her ein Ereignis ist. Heiligtümer und Jugendliche: das klingt zunächst fast wie ein Gegensatz. Jugendliche, so das Vorur­teil, haben keine Heiligtümer mehr. Wir sehen aber, daß dieses Vor­urteil nicht stimmt. Wenn wir freilich feste Vorstellungen gewohn­ter Art mitbringen, dann kann es schon sein, daß wir schockiert sind. Bleiben wir mit diesen „Heiligtümern“ nicht in der bekannten Welt der Jugendlichen und des Alltags? Ist es nicht gefährlich, hier mit dem Wort „Heiligtümer“ zu jonglieren? Ich bitte jene, die so denken, sich zunächst zurückzuhalten und einen Augenblick tiefer über Heiligtümer nachzudenken.[2]

Fragen wir uns zuerst nach denen, die keine Heiligtümer haben. Vielleicht gibt es da nur zwei Gruppen; ich bin mir aber nicht einmal mal sicher, ob es diese Art von Menschen überhaupt gibt. Zum ei­nen sind es die, welche sagen: Uns ist alles egal. Wem alles egal ist, der hat keine Heiligtümer. Zum anderen sind es jene, die allein aus der Frage leben: Was bringt es? Sie verstehen sich allein vom Nut­zen, von der Brauchbarkeit und Berechnung her. Wenn jemand Heiligtümer hat, wenn jemand, angesprochen auf das Wort „Heilig­tümer“, überhaupt zugeben kann: Ja, ich habe so etwas – dann ist er ein Mensch, der bestimmte Erfahrungen mit den Dingen seiner Welt gesammelt hat. Er zeigt, daß er in seiner Lebensgeschichte aus einer Beziehung zu den Dingen seiner Welt Maßstäbe, ja einen Ursinn für das Heilige entdeckt hat. Wo wir aber auf diesen Ursinn für das Heilige treffen, deutet sich vielleicht auch ein Weg zu einer neu­en Erfahrung des Heiligen in unserer modernen säkularisierten Welt an.

Ich möchte zunächst fragen, welche Grunderfahrungen es über­haupt möglich machen, daß es solche Heiligtümer gibt. Dann möchte ich diese Erfahrung mit denen vergleichen, die sich traditio­nell in der Verehrung von Heiligtümern bekunden. Daß es hier nicht um eine von diesen konkreten Exponaten losgelöste, bloß grundsätzliche Überlegung geht, soll ein abschließender Blick auf die Ausstellungsstücke zeigen.

Heiligtümer hat nur der, der eine Geschichte, der den Mut zur Erinnerung hat. Wo es keinerlei Erinnerung gibt, da gibt es kein Heiligtum, da ist mir nichts heilig. Heilig ist mir das, an welches ich mich erinnern will auf dem Weg in die Zukunft. Ich ahne, daß mein Leben weitergeht, und dabei soll etwas, was mir einmal begegnet ist, kostbar bleiben. Ich lebe nicht in der bloßen Verlorenheit und Zufälligkeit des Augenblicks, wenn ich Heiligtümer habe. Wo aber Erinnerung als eine Grundkraft des Menschlichen da ist, bahnt sich ganz von ferne und ganz leise so etwas wie Treue an. Ohne Treue gibt es keine Heiligtümer.

In dieser Treue verändern sich aber die Dinge meiner Welt, die nicht länger nur ein Sammelsurium von [4] Brauchbarkeit ist. In ihr gibt es dann nicht nur das Einerlei des Wegwerfbaren, sondern es finden sich Dinge in ihr, die sich von anderen qualitativ unterscheiden – nicht in einer äußeren Hierarchie, sondern durch eine Qualität, die aus der Beziehung zu ihnen und zu anderen herkommt: ohne meine Beziehung zu etwas, zu jemanden kann mir nichts zum Heiligtum werden. Immer wenn ich sage „heilig“, sage ich insgeheim: mir ist dies heilig. Voraussetzung für Heiligtümer: ich stehe in einer Bezie­hung, Heiligtümer sind Knotenpunkte gelebter Beziehung.

Auf diese Weise aber entdecken wir – wie „banal“ und alltäglich Heiligtümer auch sein mögen und können –, daß eine Beziehung zur Zeit und eine Beziehung zur Welt da ist, die über das bloße Zu­packen in der Brauchbarkeit, die Brutalität im Erreichen-Wollen oder das bloß Situative in der Gleichgültigkeit hinausragt. In der Tat, wir können in den Spurenelementen der Heiligtümer, die ganz alltägliche Gegenstände sind, einen Ursinn, einen nicht ersterben­den Ursinn für das Heilige entdecken.

Nun gut aber, mag jemand einwenden, vergleichen Sie doch diese Heiligtümer einmal mit den Heiligtümern, die gemeinhin als solche gelten. Ja, ich vergleiche gern, und ich entdecke, die Heiligtümer, die in Heiligtumsfahrten und in Wallfahrten verehrt werden, sind eben gerade nicht die besonders kostbaren und herausragenden Ge­genstände, sondern ganz alltägliche, „banale“ Dinge: z.B. Stoff­stücke, Knochen, etwas, was vom Allermenschlichsten des Men­schen übrig bleibt. Es sind Dinge, die nicht durch ihre eigene, ob­jektivierbare Qualität etwas Besonderes sind, sondern sich nur aus einer lebendigen geschichtlichen Beziehung her von anderem unter­scheiden.

Dennoch stoße ich auf einen Unterschied dieser Heiligtümer hier von den Heiligtümern der klassischen Überlieferung. Der Unter­schied liegt in erster Linie darin, daß frühere Zeiten, die bis ins Heu­te währen, einen gemeinsamen Zugang zum Geheimnis des Heilig­tums kannten: Es gab eine gemeinsame Verehrung des Geheimnis­ses, eine öffentliche Anerkennung. Heiligtümer waren ziemlich problemlos Heiligtümer für alle. Heute aber findet sich nicht mehr so schnell und so leicht das, was allen heilig ist. Was „allgemein“ heilig ist, der Begriff des Heiligen und die Erfahrung des Heiligen ist zurückgeworfen auf das Intime, auf das ganz Persönliche.

Aber gerade unter dieser Perspektive ist die Ausstellung, die wir soeben eröffnen, von großem Belang. Wie können wir überhaupt wieder dazu kommen, daß uns gemeinsam etwas heilig sei, etwas als Heiligtum erfahrbar wird? Dies geschieht nur so, daß einer den Mut hat, das, was ihm unmittelbar eigen, heilig ist, auszuliefern. Dieses Zeigen, Darbieten, Ausliefern im „Komm und sieh!“ ist nicht die kleinste Leistung und nicht der kleinste Beitrag zu diesen Heilig­tumsfahrten in Aachen und zu diesem Katholikentag. Mancher jun­ge Mensch hat gewagt – vielleicht nach inneren Kämpfen –, etwas von sich preiszugeben. Vielleicht deutet das einen Weg an, wie wir wieder zur Gemeinsamkeit kommen können, wie Heiliges auch wieder öffentlich werden kann. Papst Paul VI., ein legitimer Zeuge, hat einmal gesagt: „Wir brauchen heute mehr als die Lehrer die Zeu­gen – oder genauer: jene Lehrer, die Zeugen sind.“ [3] Zeuge sein heißt: persönlich einstehen. In dieser Ausstellung treffen wir auf persönliches Einstehen.

Aber gegen die Weise, wie ich zu dieser Einschätzung gelange, kann eine Einrede kommen. Ich möchte mich nicht auf eine allge­meine Betrachtung zurückziehen, mit der man trefflich von den hier ausgestellten Dingen absehen kann.

Ich habe mir die Gegenstände angesehen, die [5] hier ausgestellt sind. An diesen konkreten Dingen will ich das gegenlesen, was ich über Heiligtümer und Jugend scheinbar allgemein ausgeführt habe. Im Grunde entdecke ich drei Arten von Heiligtümern in dieser Aus­stellung.[4]

Die einen sind Heiligtümer der Erinnerung, der Geschichte, der eigenen Lebensgeschichte: Meine Geschichte ist mir unverfügbar, ist mir heilig. Meine Jugend, meine Eltern, mein Zuhause, meine Leistung, das ist mir heilig. Ich möchte nicht auf meine Geschichte verzichten; ich möchte nicht die Maske des bloß Augenblicklichen sein, hinter der sich Beliebiges verbirgt; ich will diese Maske nicht immer wieder auswechseln, sondern ich möchte treu sein, ja, treu und heilig einem, der mich gerufen hat. In dieser Treue komme ich zu mir und zu meiner Geschichte, bis in die Nähe jenes Rufes, der mich heiligt.

Andere Heiligtümer hier sind solche der Beziehung. Ich liebe je­manden; mir sagt einer etwas; ich bin jemandem begegnet; ich habe eine Freundschaft; und das hier, was mich daran erinnert, ist mir heilig. Der andere ist mir heilig. Ich möchte diesen anderen bei mir haben. Ich möchte, daß das, was diese innere, nicht leicht aussagba­re Beziehung mir bedeutet, faßbar werde, Gestalt gewinne, und ich möchte es so in meinen ständigen Lebensraum hineintragen.

Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe von Heiligtümern: Ideale, Ziele, Werte verfassen sich in ihnen, sie lassen Dinge heilig werden. Ich trete ein für den Frieden; ich trete ein für die Men­schenrechte; mir ist das etwas wert: meine eigene Leistung, der Sport; ich habe mir hier einen Maßstab gesetzt; ich möchte, daß die­ser Maßstab gilt und bleibt.

Geschichte, Beziehung, Maßstab: diese drei Größen machen et­was zu einem persönlichen Heiligtum. Wir entdecken, wie in einer völlig säkularisierten Welt Einstiege zum Heiligen sich andeuten. Es bedarf hier jetzt keiner frommen Anwendung. Wir wissen: das Wort ist Fleisch geworden; das Wort ist eingestiegen in die Alltäg­lichkeit. Es macht sich berührbar gerade im Alltäglichen; das Alltäg­liche wird christlich und so gerade heilig. Spiegelt sich dies nicht – wenn auch mitunter gebrochen – in den scheinbar soweit vom Christlichen entfernten, ihm fremden Bildern und Zeugnissen hier wider?

Allerdings sind drei Exponate mir besonders aufgefallen, und in der Erinnerung an sie möchte ich eigentlich schließen. Einmal das Zeugnis dessen, der sagt: Ich stelle nichts aus. Es ist mir zu heilig, und es geht niemand anderen etwas an; ist mir überhaupt etwas hei­lig? Ich finde es großartig, daß jener, der dieses Blatt geschrieben hat, es als sein Heiligtum gegeben hat und den Mut zeigte, zu sich zu stehen. Damit tritt er nicht einfach weg in die Haltung: Es ist mir egal!, sondern er gibt sich und seine Erfahrungen ins Gespräch, und er ruft uns an, mit ihm ein Gespräch anzufangen und ihn zu fragen, ob ihm nicht doch etwas heilig sei.

Und da ist ein anderer, der ein Kreuz selber gezimmert und dazu geschrieben hat: Wenn mir die Argumente dafür einmal fehlen, dann weiß ich doch, daß dieses Kreuz mir heilig sein wird. Man könnte das mißverstehen als ein Sich-Immunisieren gegen den An­griff, gegen die Fragwürdigkeit des Ganzen. Aber ich meine, dahin­ter steckt etwas anderes. Es gibt Erfahrungen, die tiefer sind als Ar­gumente. Der Mut, Argumente auszuhalten, aber dabei Erfahrungen, fundamentalen Erfahrungen treuzubleiben, drückt sich hier aus.

Und dann gibt es schließlich ein Heiligtum, ein Seil, das mich an einen erinnert, den ich selber gekannt habe, einen Bergsteiger, der nicht mehr unter uns weilt.[5] Er war mir Freund. Warum war ihm der Berg [6] heilig? Er rang in diesem sichtbaren Zeichen des Berges mit dem, was zu groß ist für uns.

Ist das nicht im Grunde die Deutung aller Heiligtümer? Sind wir nicht jene, die im Ringen mit dem sind, was uns zu groß ist? Aber wenn wir dieses Ringen nicht aufgeben, dann werden wir dabei sel­ber geheiligt, wie der, der am Kreuz gerungen hat mit dem, der ihm zu groß erschien in jener Stunde. Der gerungen hat, offenbart sich uns als der Heilige Gottes. Der Freund, von dem ich sprach, hat als sein letztes Wort gesagt, als der Tod über ihn kam: „Gib mich mei­nem Gott!“ Er hat erkannt, daß er selbst heilig ist, heilig ist einem anderen.

Mögen uns in den Heiligtumsfahrten, mögen uns in der Perspek­tive auf das kommende Reich, das wir erbitten, jene heilig sein, die uns hier das geschenkt haben, was ihnen heilig ist.



[1] (Anm. d. Bearb.) Geleitwort zur Eröffnung der Ausstellung „,Das ist mir heilig' – Ausstellung Heiligtümer Jugendlicher“ in er Neuen Galerie/Sammlung Ludwig, Aachen anlässlich der Aachener Heiligtumsfahrt 1986 und des 89. Deutschen Katholikentages 1986 in Aachen.

[2] (Anm. d. Bearb.) Das Projekt dieser Ausstellung stieß anfangs nicht auf ungeteilte Zustimmung.

[3] (Anm. d. Bearb.) Vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben „Evangelii nuntiandi“, (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 2) (Bonn 1975) 29.

[4] (Anm. d. Bearb.) Die Exponate waren u. a. ein Teddybär, Briefe, ein Kinderbild, ein Kleiderständer, ein Kreuz, ein Poesiealbum, ein Stein, eine Uhr, Turnschuhe, Musikinstrumente, eine leere Bierflasche, ein Bett, ein Reisetagebuch, eine Halskette, Bilder und Notizen zum Thema „Was ist mir heilig?“. Siehe im Einzelnen die Ausstellungsdokumentation.

[5] (Anm. d. Bearb.) Das Seil des verstorbenen Bergsteigers war von dessen Mutter der Ausstellung beigesteuert worden.

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