Andere Ikonen?


Gedanken zur Aachener Heiligtumsfahrt


 

 

[197] Weil die alle sieben Jahre stattfindende Heiligtumsfahrt nach Aachen im September 1986 verbunden sein wird mit dem Deutschen Katholikentag, werden sich noch mehr Menschen als sonst mit die­ser Form der Frömmigkeit und dem, was hinter ihr steht, auseinan­dersetzen.

Eine der Fragen, die da zuallernächst liegen, betrifft die Echtheit der Heiligtümer. Sind sie historisch ausgewiesen, und wenn sie es nicht sind, was soll dann ihre Zeigung?

Als ich, aus einer anderen Region unseres Landes stammend, Bi­schof von Aachen wurde und 1979 zum ersten und bisher einzigen Mal die Aachener Heiligtumsfahrt erlebte, wurde diese Frage zu meinem eigenen Erstaunen für mich und für ungezählte, durchaus in der Zeit und mit der Zeit lebende Pilger überstrahlt von der Er­fahrung: Die Botschaft dieser Heiligtümer und der Bezug zu dieser Botschaft, der hier handgreiflich gelebt wurde, sind echt. Ich möch­te aber bei dieser Aussage nicht stehenbleiben, sondern die genannte Frage – die sich von der Botschaft allerdings nicht abheben läßt – ins Auge fassen.

I. Zum Tatbestand

Woher kommen die Aachener Heiligtümer? Um 799 bringt ein Mönch Karl dem Großen „Reliquien vom Ort der Auferstehung“, die fortan mit der Pfalzkapelle in Aachen verbunden sind; ein kost­barer Teil geht hernach an die nahegelegene Abtei Kornelimünster. 1237 wird in Aachen die alte karolingische Reliquienlade geöffnet und der Inhalt geordnet. Vier Textilien werden als die „großen Hei­ligtümer“ 1238 in dem dafür gefertigten herrlichen Marienschrein geborgen. Vom hohen Mittelalter an findet alle sieben Jahre die Hei­ligtumsfahrt statt, bei der sodann die vier großen Heiligtümer öf­fentlich gezeigt werden. Die Pilgerreisen nach Rom, nach Santiago und nach Aachen gelten als die drei bedeutendsten abendländischen Wallfahrten.

Über die aufregende Geschichte der Aachener Heiligtumsfahr­ten, über den Rang der Aachenfahrt von 1937 als eindringliche De­monstration gegen den damals herrschenden Nationalsozialismus möchte ich hier nicht weiter berichten.

Im Zentrum jedenfalls stehen immer die vier Heiligtümer, die als Kleid Mariens, Windeln Jesu, Enthauptungstuch Johannes des Täu­fers und Lendentuch des Gekreuzigten verehrt werden.

Eine historische Ortung der Textilien weist in die Ursprungszeit und den Ursprungsraum des Christentums, in den Umkreis des Pa­lästina der beiden ersten christlichen Jahrhunderte. Mehr, Genaue­res läßt sich aller Voraussicht nach nicht mehr erschließen.

II. Zur Botschaft der Heiligtümer

Die beiden Adventsgestalten Johannes und Maria, die beiden Heils­ereignisse Geburt und Tod Christi, das ist es, worauf sich die Aa­chenfahrt konzentriert. Es ist also nicht der Ort des Lebens, Wir­kens und Sterbens einer großen Zeugengestalt, eines Heiligen oder ein besonderes Ereignis, etwa eine Erscheinung, was da die Pilger­scharen anzieht, sondern die Grundbotschaft des Evangeliums selbst. Allerdings eben die „materialisierte“ Grundbotschaft. Das Wort, das Fleisch wird, nimmt Tuchfühlung mit den Menschen, und es gibt die Sehnsucht, in Tuchfühlung mit dem „Einmal-für-alle-mal“ des Kommens Jesu zu treten. Diese Tuchfühlung, dieses Angerührtwerden von der Nähe Gottes zu unserem Leben und in unserem Leben, wie es ist, drängt danach, daß wir Tuchfühlung nehmen mit dem Herrn im Nächsten, im Geringsten, im Miteinan­der; dies trat recht elementar bei der Heiligtumsfahrt 1979 in den Vordergrund.

Die an den Heiligtümern orientierten Tagesthemen des Katholi­kentags 1986 führen eine solche Auslegung weiter: Der Zukunft Zeugnis geben (Johannes der Täufer) – Der Zukunft Leben geben (Maria) – Die Zukunft ist schon geboren (Geburt Jesu) – Die Zu­kunft siegt am Kreuz (Tod Jesu).

Die Rückfrage drängt sich auf: Ist solche Grundkatechese nicht ablösbar von den „Materialien“? Natürlich ist sie dies. Aber der Sprung vom Möglichen zum Wirklichen, vom immer Gültigen zum jetzt Betreffenden ist nie notwendig und ableitbar, sondern Ereig­nis. Und die lange und große Pilgertradition, aber auch die Schlicht­heit und Armut der Zeichen, an denen sie sich entzündet, haben die­sen Rang des auslösenden Ereignisses, des Faktischen, das nicht durch den Disput auf- und abgelöst werden kann.

Es wäre dennoch zu wenig, womöglich mit entschuldigender Gebärde die Aachener Heiligtümer als bloße „Anlässe“ für das „Ei­gentliche“ in den Hintergrund zu schieben.

Vielleicht kommen wir dem, was solche Heiligtümer sind, durch das menschliche, religiöse, christliche Grundphänomen der Ikone ein wenig näher auf die Spur. Es ist hier nicht der Raum, eine Philo­sophie oder Theologie der Ikone zu entwerfen. Wohl aber darf, ver­kürzt und verschärft, darauf hingewiesen werden: Im Bild, in der Gestalt strahlt das Urbild auf, setzt es sich gegenwärtig. Es ist nicht nur eine Nachahmung, sondern ein Ergriffen- und Gestaltetsein vom Ursprung, was da im Bild aufleuchtet und sich mitteilt. Wer das Bild entehrt, der entehrt den, dessen Bild es ist. Die bildlose Größe des sich allem Zugriff entziehenden göttlichen Ursprungs und jenes Geheimnis der Liebe, die sich entäußert, erniedrigt, ins Medium der Mißdeutbarkeit und Entehrbarkeit hineingibt (bis zum Haupt voll Blut und Wunden als der Ikone des Vaters schlechthin) – beides gehört unlöslich zusammen. Bilderstreit ist nicht umsonst ein erregendes Grundthema in den verschiedenen Epochen christli­cher Geschichte, jeweils mit anderem, der jeweiligen Epoche eige­nem Akzent.

Ikone freilich ist nur dort, wo im Entstehen des Bildes (histo­risch, aber auch im Sinne der inneren Konstitution des Bildes ver­standen) oder im Verhältnis zum Bild (in seiner Geschichte, in sei­ner Verehrung) das Übergewicht des Sich-Zeigens, des Sich-Schenkens, der Zueignung vor dem Machen, Herstellen und Verfügen durchschlägt.

Wir müssen heute wohl damit rechnen, daß es über die alten, aus ehrwürdiger und unerstorbener Tradition her gegenwartsmächtigen Ikonen hinaus andere gibt: Gestalten, in denen sich Begegnung mit dem Kreuz Christi, mit seiner Liebe, mit seiner Erniedrigung ereig­net, Spuren und Bilder menschlicher Geschichte, die uns versiegeln unter dem Geheimnis der Anbetung und der Sühne.

Dürfen wir von hier aus nicht auch Heiligtümer wie diese armen Stücke Stoff, die in Aachen seit 1200 Jahren gehütet und geliebt wer­den, als Erinnerungszeichen an Gottes Menschwerdung, im Sinne von Ikonen verstehen? Die Botschaft ist in ihnen da und strahlt in ihnen. Aber welches ist der begründende Bezug solcher Gegenwart der Botschaft, solcher Gegenwart des Ursprungs in den Aachener Zeichen?

III. Der Bildgehalt

Mir scheint, daß sich hier drei Elemente miteinander verbinden.

Das erste möchte ich versuchsweise benennen mit dem Wort „re­gionale Echtheit“. Ich stelle solche regionale Echtheit in Spannung zur „punktuellen Echtheit“. Wenn ich das Heilige Land oder auch Rom besuche, dann bin ich mir nicht sicher, ob dieses oder jenes wichtige Ereignis genau an dieser oder jener Stelle oder im Umkreis stattgefunden hat. Aber ich halte mich auf in der Region, in welcher konstitutive Ereignisse des Glaubens, der Lebensmitteilung Gottes in Jesus und Jesu in seinen Zeugen eingriffen in unsere Raumzeitlichkeit. Die vom unbekannten Mönch vor 1200 Jahren nach Aa­chen gebrachten „Reliquien vom Ort der Auferstehung“, die in der Tat in jene Raum-Zeit-Region verweisen, haben einer langen Kette von Generationen den Hauch des Ursprungs nahegebracht.

Damit habe ich aber bereits ein zweites Moment genannt: den Weg der vielen Generationen, die sich durch ihren Weg, ihr Gebet, ihre Gemeinschaft auf die Botschaft vom Heil und seinem Ursprung beziehen. Nicht die bloße Subjektivität des Glaubens kreiert die Ikone, sondern der Bezug des Glaubens zum wirklichen Heilsereig­nis, welcher Bezug hier sein Medium, seine Kristallisation findet.

Dann aber muß ich doch noch ein Drittes zur Sprache bringen. Auch dieses ist bereits angeklungen. Man kann sich kaum ein bewe­genderes Bild der Kargheit, der Schlichtheit, der alltäglichen Banali­tät des Kommens und Gehens Jesu denken als diese derben Stoffe. So klein, so arm, so nah zu uns war sein Leben. Dies ist der imma­nente Bildgehalt, dies ist die leuchtende Gestalt der Niedrigkeit, die sozusagen die innere „forma“ dieser Ikone prägt.

Es bleibt eine Herausforderung, sich auf die Genossenschaft mit den immer wieder Hunderttausenden einzulassen, die im Lauf der Jahrhunderte nach Aachen gepilgert sind. Ich glaube – und ich darf sagen: ich habe es 1979 erfahren –, es ist eine Herausforderung, die uns nach vorne ruft in die immer neue Tuchfühlung mit dem immer anders und immer fremd und so gerade immer neu auf uns zukom­menden Christus.

  Oben