Aachen 1986 – eine Botschaft?


 


[38] I. Die Frage nach der Botschaft
1. Mut zum Alltag – Mut zur Botschaft

Große Ereignisse sollen sein, aber sie gehen auch vorbei – und damit soll es gut sein. Ich rede nicht der folgenlosen Kurzlebigkeit das Wort, sondern dem Mut, es auch wieder Alltag werden zu lassen. Erinnerung, das Gegengift gegen Vergeßlichkeit, hat zur Bedin­gung, daß man den Augenblick losläßt in die Zukunft hinein.

Auch die großen Ereignisse des Jahres 1986 in Stadt und Bistum Aachen, Heiligtumsfahrten und Katholikentag, sind vorbei. Was ich vom Mut zum Alltag sagte, gilt auch für sie. Und doch möchte ich nochmals von Heiligtumsfahrten und Katholikentag 1986 sprechen. Ich tue es nicht, um den vielen – zum Teil recht guten – Analysen eine weitere hinzuzufügen. Wohl aber lohnt es sich, hier eine Frage zu stellen. Sie zu unterlassen, wäre ein Versäum-[39]nis: Gab es so etwas wie eine Botschaft dieser Ereignisse? Wenn ja, müßten wir sie wei­tertragen, müßte sie uns Spuren legen für unseren Alltag.

Meine Antwort: Wer eine inhaltlich neue Botschaft, eine formu­lierbare tragende Erkenntnis erwartete, was fortan in Kirche und Gesellschaft anders werden und wie man das anpacken müsse, der hat zuviel erwartet. Im Was ist eine prägnant neue Botschaft von Aachen nicht zu entdecken. Zustimmung zum Leben, Zustimmung auch zum Dienst am Leben, das war ein breit widerhallender Grundton, und das fordert uns heraus. Aber vielleicht war es mehr ein neuer, hoffnungsvollerer Klang in einem schon länger fälligen Thema als eine inhaltlich neue Botschaft.

Weitere Einrede: Die Leitworte, jenes des Katholikentags – „Dein Reich komme!“ –, aber auch das „Auf, werde licht, Jerusalem!“, das die Aachener Heiligtumsfahrt skandierte, haben sich ein­geprägt, sie lösten etwas aus. Doch nicht eine ganz bestimmte Aus­legung oder Anwendung schob sich in den Vordergrund, sondern das Wie des Betens, Sprechens und Umgehens miteinander holten diese Worte von den Plakaten herunter in die Wirklichkeit.

Genau damit aber sind wir dort angekommen, wo von Botschaft die Rede sein kann. Diese Botschaft von Aachen 1986 ist nicht so sehr im Was, sondern eher im Wie der Heiligtumsfahrten und des Katholikentages zu suchen.

[40] 2. Der Ort der Botschaft

In der Rückschau über die bewegenden Tage machte ich mir folgen­de Notiz:

Zwei Städte sah ich
– oder war es dieselbe Stadt?

Die Stadt:
Häuser, die man abschließen kann;
Kirchen, die man besichtigen kann;
Straßen, wo man aneinander vorbeigehen kann.

Die Stadt:
Häuser, die offenstehen für unerwartete Gäste.
Kirchen, in denen das Geheimnis uns anschaut.
Straßen, wo man aufeinander zu und miteinander geht.

In der Tat, das fand ich aufregend: Die Stadt war anders, dieselbe Stadt. Oft predige ich davon, daß es anders sein könnte, wenn wir anders wären. Aber das bleibt dann entweder ein mühsamer morali­scher Appell oder ein leicht als schwärmerisch abzutuender Traum. Hier aber haben viele etwas erfahren, was man sonst nur erzählen hört. Die „Orte der Handlung“: unsere Straßen und Plätze, unsere Häuser, unsere Kirchen, zumal der Dom, aber keineswegs er allein.

Es geht also; unsere Straßen, Häuser und Kirchen sind nicht da­zu verurteilt, unser Herz und Gottes Geheimnis einzusperren [41] und uns voreinander abzuschotten. Das ist eine Botschaft: die Botschaft von der Neuen Stadt, die in die alte Stadt herniedersteigt und in ihr zum Leuchten kommt.

Aber geht hier nicht wiederum die Misere los? Der Alltag ist doch wiedergekommen, und der Alltag ist nicht nur „Neue Stadt“. In der Tat, nun wäre es fatal, folgte doch wieder nur die moralische Ermahnung, die trotz Durchhalteparolen unweigerlich verpuffende Aktion oder das eine andere Zukunft als jene, die stattfindet, orga­nisierende Programm.

Doch was kommt dann? Suchen wir nach einer Quelle, aus wel­cher dieses andere Wie der Tage von Aachen gespeist wurde. Viel­leicht läßt sie sich offenhalten, vielleicht läßt sich Appetit wecken oder gegenseitig Hilfe leisten, daß wir leichter und häufiger und entschiedender an diese Quelle herankommen.

Der Bereich, in dem ich diese Quelle gefunden zu haben glaube, liegt in den „Kirchen, in denen das Geheimnis uns anschaut“. Was dort bei Heiligtumsfahrten und Katholikentag geschah, das hatte seine Konsequenzen auch in der Gastfreundlichkeit der Häuser und der Begegnungsfreundlichkeit der Straßen und Plätze. Man kam in den Häusern und auf den Straßen und Plätzen anders miteinander in Berührung, in Tuchfühlung. Die Tiefe solcher Tuchfühlung aber war zu entdecken in den Kirchen, war aufzuspüren – in der Tat schockierend, befremdend, zumindest überraschend – in jenen Zei­chen, die wir als Heiligtümer verehren.

[42] II. Berührung des Geheimnisses, Geheimnis der Berührung
1. Das Geheimnis der Heiligtümer

Daß alte Tücher, in denen die Überlieferung Erinnerungen an Grundgestalten und Grundereignisse des Neuen Testaments wahr­nimmt, ungezählte Menschen, gerade junge Menschen, bewegen und faszinieren können, muß zu denken geben. Stundenlang stan­den sie an, um an diese Zeichen heranzukommen, und um 23 Uhr war Abend für Abend der Dom überfüllt, als man die Komplet be­tete und die Heiligtümer in den Schrein barg.

Was war da, was zog in diesen Heiligtümern an, was war ihr Ge­heimnis? Die Frage der historischen Echtheit spielte keine entschei­dende Rolle. In der Tat wäre für einen Menschen von heute der Satz, auch wenn er erwiesen wäre, nur bedingt interessant: „Dieses ist das Kleid, das Maria während ihrer Schwangerschaft getragen hat.“ Aber ein anderer Satz, ein Satz mit einem weit geringeren An­spruch, trifft und bewegt mehr: „Ein solches Kleid hat Maria getra­gen, ein solches Stück Stoff war das einzige und letzte, was Jesus am Kreuz noch besaß“.

Die Nähe des Geheimnisses, das Eingelassensein des Geheimnis­ses in unsere Welt, die „Ortung“ des Geheimnisses in der Gewöhn­lichkeit unseres Alltags, das kann aufgehen in diesem Zeichen – und somit wächst der Mut zu einer neuen Kommunika-[43]tion mit diesem Geheimnis. Das sind Grundelemente in jenem meist nicht reflek­tierten, aber darum keineswegs weniger dichten Erfahren, das sich bei der Heiligtumsfahrt für viele erschlossen hat.

Was zunächst merkwürdig und fast widersinnig erscheint, erhält hier eine tiefere Bedeutung: die Alltäglichkeit, schier Banalität, der Gegenstände, die da als Heiligtümer verehrt werden. Und nichts könnte uns tiefer in diesen Zusammenklang des Alltäglichen mit dem Entzogenen, der Nähe mit der Verborgenheit, der Berührbarkeit mit der Unberührbarkeit des Geheimnisses hineinziehen als ge­rade das Gewand. Wer das Gewand berüht, der greift nicht das Ge­heimnis, das sich hinter diesem Gewand birgt – und kommt doch in Kontakt mit ihm. Er selber ist angerüht von diesem Geheimnis – und gibt es doch frei, ahnt und achtet, daß es größer ist als das, was er in Händen haben kann.

2. Das Unterscheidende

Das ist heute von Belang, da wir eine neue und gefährliche Welle der Zudringlichkeit zum Verborgenen und Entzogenen zu bestehen haben. Es ist hier nicht der Ort, um über die Erscheinungsformen und die Hintergründe von Spiritismus, Okkultismus und Satanis­mus zu sprechen, die, oft mit scheinbar harmlosen Spielereien anhe­bend, doch tiefe und schwere Einbrüche in unsere junge Generation hinein erzielen. Soviel steht freilich fest: Tod und Schuld, Größe und Abgründigkeit des menschlichen Herzens bedrängen den Men­schen auch und sogar besonders in einer aufge-[44]klärten und fort­schrittlichen Gesellschaft. Diese kann die Frage nach dem Geheim­nis nicht ausmerzen, aber aus Eigenem auch nicht beantworten. Und nun tut sich die Gefahr auf, daß der Mensch, der Grenzen sei­ner Rationalität überdrüssig, mit einem magischen, im Grunde also doch „technischen“ Zugriff sich des Geheimnisses bemächtigen, es verfügbar und nutzbar machen will.

Verantworteter Zugang zum Geheimnis und Umgang mit dem Geheimnis des Lebens und Sterbens, der Welt und der Geschichte und letztlich Gottes selbst sind Lebens- und Zukunftsfragen schlechthin. Nach Jahrzehnten einer wenigstens scheinbaren Abwe­senheit des Sinnes für das Geheimnis bricht dieser gewaltig wieder auf. Die bloß wissenschaftlich aufbereitete oder moralisch aufgerü­stete Lehre genügt nicht, um den Glauben an Jesus Christus einer kommenden Generation zu vermitteln. Wir brauchen Zugänge, in denen der Mensch als ganzer angegangen und berührt wird und als ganzer hingenommen wird in die Berührung und Begegnung mit dem Geheimnis, das für uns einen Namen und ein Antlitz trägt: Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes.

Dieser Hinweis bedeutet natürlich nicht: Veranstaltet Heilig­tumsfahrten, führt junge Menschen hin zu Reliquien! Münzten wir das, was sich in Aachen geschenkt hat, um in einen reproduzierba­ren Zugriff, zimmerten wir aus der anrührenden Erfahrung eine handhabbare Methode, dann wäre es gerade um das geschehen, worum es geht: um eine lebendige Beziehung zum Geheimnis, die inspirierend überging in eine Beziehung zueinander, um das Licht jener neuen Stadt, das, in den Kirchen entzündet, sich ausbreitete auf die Straßen und Häuser.

[45] Versuchen wir einmal, das Unterschei­dende jener Erfahrung ins Wort zu heben, die sich uns in den Aachener Tagen erschlossen hat.

Zunächst scheint mir wichtig, daß wohl bei den meisten und zu­mal bei den meisten jungen Menschen, die in die Kirchen und zu den Heiligtümern kamen, nicht ein ganz bestimmtes privates Anliegen im Vordergrund stand. Diese Anliegen wurden von einzelnen gewiß mitgebracht, aber das Erwartete war weniger eine unmittel­bare „Erhörung“ als eine Berührung der Person mit dem Geheimnis des Glaubens. Wenn ich ein Schriftwort zur Deutung heranziehen soll, dann denke ich an die Frage der Johannesjünger, die zu Jesus kamen: „Meister, wo wohnst du?“ (Joh 1,38). Es ging ihnen um das Kennenlernen, um den Eintritt in die Atmosphäre, in den Umkreis dieses Menschen.

Ein zweites: Wer sich einließ auf die Heiligtümer, der ließ sich ein auf Erinnerung, auf Gedenken. Es ging nicht um einen gegen­wärtigen Zugriff, um ein spektakuläres Erlebnis im Jetzt, sondern um den Kontakt mit einem geschichtlich entzogenen und doch wei­terwirkenden, zu uns herreichenden Ursprung. Vergangenheit ging auf als Lebensquell für Gegenwart; die christlich so wichtige Größe der Memoria, des Gedächtnisses, und die menschliche Grunderfah­rung von Geschichte traten in den Blick.

Zum dritten: Mehr als eine erlebnisstarke Feier waren das stille, schlichte Warten, Verweilen, Aushalten prägende Grundvollzüge. In ihnen kommt mehr von mir ins Spiel als dort, wo nur ein oft un­gehobener Bodensatz von Emotionen momentan aufgewirbelt [46] wird. Wo nicht die Zeit und das Dasein selbst die Organe meines Erkennens werden, bleibt Erkenntnis oberflächlich und punktuell.

Als viertes möchte ich nochmals ausdrücklich machen: Die Heilsgeheimnisse bleiben in jener Distanz, die sie davor schützt, profaniert und in die Schau gezogen zu werden. Die Geburt und der Tod des Herrn, das Zeugnis der Mutter und des Täufers betrafen, rührten an, aber sie bewahrten ihren verborgenen Überschuß über das, was von ihnen ins Zeichen und somit in die Gegenwart trat. Die Diskretion blieb gewahrt. Aber das ist nur die eine Seite: Die Hand­greiflichkeit des Zeichens, die elementare Einfachheit, die alltägliche und banale „Vorderseite“, das war aussagekräftig: So, auf solche Weise ist Gott mir nahegekommen, hat er sich in meine, in unsere Welt eingelassen. Die Grundspannung von Entzug und Nähe, von Unberührbarem, das sich berühren läßt und berührt, kam ins Spiel.

Damit ist unmittelbar ein fünftes verbunden: Tuchfühlung, die hier geschah, war nicht nur je meine Tuchfühlung mit dem Geheim­nis, sondern auch seine mit mir. Das Geheimnis ragt in die Welt meines Alltags, meines Umgehens mit den Dingen, meines Verhaltens zur Welt und zu den anderen hinein. Darin aber geschehen Ver­wandlung und Sendung. Meine eigene Welt erhält einen „sakramen­talen“ Charakter, sie ist nicht nur die geschlossene Welt gebrauchter und verbrauchbarer Objekte, sondern Welt der Begegnung mit dem Heiligen, aber auch der Verantwortung, die es mir auferlegt.

[47] Natürlich sind nicht allen, die in Aachen dabei waren, diese fünf Erfahrungen ausdrücklich geworden, und sie haben keineswegs bei jedem, der sie machte, dieselbe Dichte und Vollständigkeit erreicht. Dennoch scheint es nützlich, einmal jenen Typus von Zugang ans Licht zu heben, der sich in Aachen auftat und der sich abhebt von den Zugängen über die Wissensvermittlung, die organisierte Feier, den moralischen Appell oder gar über den Versuch einer magischen Bemächtigung.

3. Ein Kontext: Ausstellung „Heiligtümer Jugendlicher“

Es gab einen diese Erfahrung von einer anderen Seite her erleuchten­den Kontext, den ich zumindest streifen will: die Ausstellung „Hei­ligtümer Jugendlicher“ in der Neuen Galerie. Junge Menschen ha­ben hier selber zusammengetragen, was ihnen persönlich als heilig gilt. Die meisten der hier zu sehenden Gegenstände hatten nichts unmittelbar mit der Welt christlicher Symbole und Glaubenssätze zu tun. Alltagsgegenstände, Familiäres, Typisches aus der Jugend­welt von heute, aber auch einige religiöse Zeichen. Oft bewegend die Begleittexte, die erklärten, warum gerade dieses dem jeweiligen jungen Menschen heilig ist. Mich hat das sehr beschäftigt. Es ist nicht wahr, daß der Jugend von heute alles egal ist oder daß sie nur danach fragt: Was bringt es? Wenn auch ihre Lebenswelt und ihre Ideale ganz weit weg erscheinen von unserer christlichen Überliefe­rung, so bricht doch eine bewegende Offenheit auf: Fast in allen Heiligtümern spielten Begegnungen, Beziehungen oder Wertmaß­stäbe eine Rolle, die von diesen jungen Menschen aus dem gleichför­migen und gleichgültigen [48] Gang der tausend Impressionen ihres All­tags herausgehoben und zu Wegzeichen gemacht wurden. Das, was war und sie in die Pflicht nimmt, das, was sein soll in ihrem Leben und woraufhin sie sich verantwortlich orientieren, das, was einmal geschehen ist und dem sie nicht untreu werden wollen: dies verlangt nach Gestalt, um berührbar, um gegenwärtig, um helfend und beunruhigend, eingreifend mächtig zu sein in ihrem Leben. Auch hier: mehr als nur Zwecke; Macht der Erinnerung; Geduld und Sich-Ausstrecken; Sehnsucht nach der Nähe des Entzogenen, Je-Größeren; Verantwortung für die Welt. Also dieselben Momente, wenn auch leiser getönt, die wir soeben beobachteten, als wir den Gang zu den Heiligtümern nochmals überdachten.

Auch von dieser Seite bestätigt sich: Wir brauchen etwas wie eine „Theologie der Berührung“.

4. Berührung mit dem Ursprung – Berührung miteinander

Es gibt eine Stunde, die für mich selber die Botschaft der Heilig­tumsfahrten und des Katholikentags zusammenfaßt und sie mir un­vergeßlich einprägt. Es war der Behindertengottesdienst bei der Heiligtumsfahrt in Kornelimünster. Viele Blinde waren dabei. Wie ihnen eine Erfahrung der Heiligtümer vermitteln? Wir trugen sie zu ihnen hin, und sie haben sie – ich kann es nicht anders sagen – mit den Fingern „gesehen“. Es ging wiederum nicht um die historische Echtheit, sondern um dieses „so etwas“, „ein solches“. Ein solches Linnen hatte Jesus bei der Fußwaschung sich umgebunden, ein sol­ches Tuch deckte sein totes Antlitz! Sel-[49]ten oder nie habe ich in die­ser Dichte erfahren, was das heißt: das je größere Geheimnis – und es läßt sich doch anrühren, und es rührt mich an.

Aber dann war noch ein Augenblick, der alles in sich faßte und Neues aufschloß. Einer von den Blinden verfehlte mit seiner Hand das biblische Heiligtum und befühlte, ohne es zu wissen, den An­zugstoff seines Nachbarn. Es drängte mich, ihm zu sagen: „Sie ha­ben sich nicht geirrt, Sie haben das wahre Heiligtum berührt.“ Ja, das Kleid des Bruders, jenes Geringsten, in dem wir dem Herrn selbst begegnen, ist das ganz gewiß echte Heiligtum. Berührung mit dem Ursprung und Berührung miteinander, sie gehören unlösbar zusammen. Ist nicht dieser Zusammenhang die Botschaft von Aachen?


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