Die Bedeutung von Erfahrung für die Religionspädagogik*


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Die Bedeutung von Erfahrung für die Religionspädagogik*
I. Auszuschließende Verhältnisbestimmungen von Erfahrung und Offenbarungsglauben*
II. Prinzipien für eine religionspädagogisch relevante Verhältnisbestimmung*
III. Beispiele strukturaler Verhältnisbestimmung als Hinweise für eine religionspädagogische Modellbildung*


III. Beispiele strukturaler Verhältnisbestimmung als Hinweise
für eine religionspädagogische Modellbildung*

Im folgenden geht es nur darum, an einigen Beispielen anschaulich zu machen, wie sich vielleicht die genannten Prinzipien in der konkreten religionspädagogischen Arbeit auswirken könnten. Ich bin mir dessen durchaus bewußt, daß diese „Konkretionen“ immer noch sehr abstrakt, daß sie und nicht mehr als vorläufige, „dilettantische“ Hinweise sind.

1. Erstes Modell: Welt*

Für das erste Modell knüpfe ich, variierend und erweiternd, beim „Zielfelderplan“ an. Wenn hier die Stichworte ich andere, Glaube Kirche auftauchen, so würde ich gern zwei weitere Stichworte hinzufügen: meine Welt große Welt.

[347] Was sich vom Zueinander und Ineinander von Offenbarung und Erfahrung uns zeigte, das scheint mir sich auch hier strukturell wiederholen zu müssen: Es geht nicht abstrakt um mich und nebendran um die anderen, sondern darum, daß ich ich bin auf andere zu und von anderen her, daß andere sie selber sind in meinem Horizont, von mir her und auf mich zu. – Auch Glaube und Kirche stehen in einer ähnlichen Spannung: In der Erfahrung von Kirche finde ich das Feld meines Glaubens, durch meinen Glauben baue ich Kirche. Kirche als Vorgabe und Kirche als Aufgabe, Glaube als Geschenk und Tat, die sich in die Gemeinschaft einbringen und ihr mitverdanken: nur in dieser Verflechtung sind beide zu sehen. – Und da gehört eben auch nochmals das hinzu, was die Stichworte „meine Welt – große Welt“ andeuten wollen. Gerade heute ist die Bedrohung der eigenen Welt durch die große Welt und die große Welt als der unabdingbare, aufgegebene, mitbestimmende und mitzubestimmende Horizont meiner Welt aus der Erfahrung und auch aus dem Glauben nicht auszuklammern.

Es ginge also darum, in diesen drei Feldern, die durch die genannten Stichworte gekennzeichnet sind, von den verschiedenen Polen aus aufeinanderzu zu denken, einzuführen in die Beziehung und in dieser Beziehung aufzuzeigen: beides gehört jeweils unauflöslich zusammen, aber zwischen beidem liegt doch so etwas wie ein Sprung, wie eine Entscheidung, wie ein unselbstverständliches Geschenk. Und gerade an diesen „kritischen Punkten“ ist auch der kritische Punkt schlechthin: jener, wo Erfahrung und Offenbarung ineinanderschlagen, sich geben, sich unableitbar und unerzwingbar durchdringen. Freilich müßte Religionspädagogik dasselbe Spiel nochmals spielen zwischen den drei Feldern, die ja nicht nebeneinander, sondern ineinander liegen. Ich und die anderen, meine Welt und die große Welt, Glaube und Kirche: das bestimmt sich gegenseitig, das kommt in seine Krise, in sein Glücken nur in der Beziehung und Öffnung in die jeweils andere Dimension hinein.

[348] 2. Zweites Modell: Freiheit*

Die Spielfelder unseres Lebens sind die Spielfelder unserer Freiheit. Menschliche Erfahrung ist Erfahrung, die wir mit unserer Freiheit oder in unserer Freiheit machen. Menschliche Erfahrung ist Erfahrung, die Freiheit herausfordert und erfüllt, Erfahrung, die sie begrenzt und bedrängt. Unsere Freiheit ist aber zugleich das Organ, mit dem wir glauben; sie ist das Organ, an das Anspruch und Angebot der Offenbarung sich richten. Freiheit ist sozusagen der Berührungspunkt zwischen Offenbarung und Erfahrung in uns selbst. Die Bewährungsfelder der Freiheit sind die Stellen, an welchen die Konkretion, der Ineinanderschlag, der Sprung aufeinanderzu zwischen Offenbarung und Erfahrung geschieht.

Ich möchte vier solcher Bewährungsfelder der Freiheit nennen. Es sind Felder, die zur menschlichen Grunderfahrung hinzugehören und die in besonderer Weise von der Sinndeutung durch die Offenbarung, durch den Glauben beanspruchbar und angehbar sind. Die vier Felder sind: Funktion – hierher gehört die Arbeit, hierher gehören die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen wir innestehen; Kommunikation – hierher gehört der Dialog, gehören die vielfältigen Weisen des Umgehens miteinander, einschließlich des Eros; Spiel – das Spielerische, Entspannende, der Sport, aber auch die Feier und das Fest; Grenze – Tod, Leid, Schuld, Schicksal, Einsamkeit, Frage und Fragwürdigkeit.

Offenbarung begegnet gerade in diesen Feldern als die befähigende Instanz, die der bloßen Erfahrung gegenüber zugleich kritisch macht. Indem sie dieser gegenüber kritisch macht, zerbricht sie den Fatalismus, die bloße Auslieferung und Anpassung. Offenbarung ist befähigende Instanz aber auch insofern, als sie Erfüllung, Vollendung, jenes Darüberhinaus verheißt, das der Mensch aus sich nicht vermag und das als die geheime Triebfeder doch in allem dem wirksam wird. Gerade das kritische und verheißende Lehren, Tun, Leben und Leiden Jesu in diese Bewährungsfelder der Freiheit hinein entfalten: dies wäre ein Weg von der Offenbarung her auf die Erfahrung zu.

[349] 3. Drittes Modell: Verstehen*

Dieses Modell setzt bei einem entlegenen Gedanken an, bei dem des Bonaventura über die artes, die Künste und Wissenschaften, die er in Beziehung, in Proportion setzt zum Grundgeschehen des Glaubens. In seiner kleinen Schrift De reductione artium in theologiam wagt er eine Synthese zwischen der Erfahrung in der Gestalt von Wissenschaft, Kunst, Tätigkeit einerseits und Offenbarung bzw. Glaube andererseits. In beidem sieht er dieselbe Struktur, und der Weg, sie aufzudecken, ist ihm der dreifache Schriftsinn.

Ich darf den Gedanken Bonaventuras verkürzend und weitertreibend referieren: Der dreifache Schriftsinn umfaßt den sensus allegoricus – in jeder Begebenheit und an jeder Stelle der Schrift soll das Grundgeschehen, der Hervorgang des Sohnes aus dem Vater, das Kommen Jesu in die Welt, die Inkarnation abgelesen werden –, zum zweiten den sensus moralis – jede Aussage der Schrift zielt daraufhin, daß wir mit unserem Willen dem Willen Gottes, seinem Anspruch und Angebot entsprechen –, schließlich den sensus anagogicus – jede Stelle der Schrift, jede Aussage ist sozusagen Vorwegnahme der und Hinführung auf die Vollendung, auf die Einung mit Gott, in welcher wir und alles verwandelt werden. Bonaventura deckt nun auf, daß auch Erkenntnis und Tun und entsprechend der Sinn der verschiedenen Künste und Wissenschaften in diesen drei Grundvollzügen bestehen: Einmal geht es darum die Wirklichkeit zu verstehen und in ihr die sich schenkende Liebe Gottes zu verstehen; zum anderen geht es darum, der sich zeigenden oder sich uns zu gestalten gebenden Wirklichkeit zu entsprechen und darin gerade dem Willen Gottes zu entsprechen; schließlich geht es darum, die bloßen Begebenheiten und Fakten zu verwandeln und sie so gerade einzubringen in ihren bleibenden Kontext, in den Kontext des Lebens mit Gott.

Stellen sich nicht in der Tat angesichts aller Erfahrung schon rein menschlich und innerweltlich die drei Aufgaben: erkennend und deutend verstehen – entsprechend und aufarbeitend bestehen – ge- [350] staltend, assimilierend und verändernd verwandeln? Alles von der in Jesus offenbaren Liebe Gottes her verstehen, bestehen und verwandeln ist aber auch der Vollzug eines ganzen, inkarnierten Glaubens. Einweisung in diesen Glauben ist Einweisung in das Verstehen, Bestehen und Verwandeln der erfahrenen Wirklichkeit. – Auch hieraus ließe sich ein religionspädagogisches Programm doch wohl entwickeln.

 

So unverbunden diese drei Modelle nebeneinander stehen, mir scheint, daß sie auch von sich her ineinander stehen, einander ergänzen. Denn die mehr „objektiven“ Felder „ich – andere“, „Glaube – Kirche“, „meine Welt – große Welt“ werden brisante, spannungsgeladene Felder gerade dadurch, daß sich hier Freiheit erfährt und aufgegeben ist in den scheinbar anderen, im Grunde aber eingelagerten Feldern von Funktion, Kommunikation, Spiel und Grenze. Was sich aber hier der Erfahrung gibt und aufgibt, ist eben dies: verstehen, bestehen, verwandeln.

Es ist die zugleich naive und komplizierte Frage des Religionsphilosophen an den Religionspädagogen, ob sich aus einem solchen spannungsreichen Ineinander nicht doch auch ganz konkrete Modelle religionspädagogischer Bemühung entwickeln ließen. Ich kann freilich aus meiner religionsphilosophischen Käferperspektive nicht entscheiden, ob solches praktikabel ist, ob solches direkt möglich ist oder ob es bestenfalls ein Hintergrund sein kann, der als solcher in den religionspädagogischen Modellen nicht unmittelbar sichtbar wird.



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