An junge Arbeiterinnen und Arbeiter, 1982


 





Gegen die Angst – für die Hoffnung
Der Bischof von Aachen an junge Arbeiterinnen und junge Arbeiter

 

[226] Liebe junge Arbeiterin, lieber junger Arbeiter!

Eine Kirche, in der Arbeiter sich fremd fühlen, ist nicht so, wie Jesus sie will. Das macht mir als Bischof zu schaffen. Ich kann nicht an der Situation der Arbeiter und Arbeitslosen vorbeige­hen. Besonders nicht an der Situation der jungen Arbeiter und Arbeitslosen. Deswegen habe ich das Thema „Kirche und Arbei­terschaft" zum Schwerpunkt für unser Bistum gemacht. Und des­wegen schreibe ich Dir auch diesen Brief.

Was erwartest Du von Deinem Leben?

Vielleicht zuckst Du die Achseln und sagst: Was soll ich schon er­warten? Verheißungsvoll hat es nicht gerade angefangen, als ich eine Lehrstelle suchte und keine fand. Und als ich dann nach 30 Be­werbungen doch irgendwo unterkam, wurde es nicht viel besser. Die Arbeit ist schwer, das Klima im Betrieb ist mies, und was so da­heim und in meiner Freizeit geschieht, ist auch nicht berauschend.

Sicher, andere machen da andere Erfahrungen, bessere, aber auch noch schlimmere. Mißtrauen gegen die Zukunft, Unsicher­heit, wie es weitergeht, das ist ziemlich verbreitet. Es braucht schon etwas, um sich nicht einfach hängenzulassen. Und nichts mehr erwarten, sich nur eine dicke Haut zulegen, das hilft auch nicht weiter. Auf die Dauer wird es einem in einer dicken Haut doch einigermaßen eng und ungemütlich.

Natürlich muß man Realist sein. Sich nur Luftschlösser bauen, die dann Kartenhäuser sind, das hat keinen Wert. Sich nur in den Kopf setzen, mein Leben muß so oder so ausschauen, das ist auf die Dauer programmiertes Unglück. Flexibel sein, ja. Aber nicht ohne Ziel, nicht ohne Pläne, nicht ohne ein Ideal.

Nun eine Frage, die ganz komisch klingt und mit dem Bishe­rigen scheinbar nichts zu tun hat. Hast Du schon mal was vom Heiligen Geist gehört? Jesus, ja. Aber Heiliger Geist?

[227] Du weißt, Jesus hat sich ganz für die Menschen eingesetzt, be­sonders für die Armen und Schwachen. Er hat ihnen gesagt, wer Gott ist: Vater, der uns liebt, der uns alles gibt, sogar seinen eige­nen Sohn. Dieser Sohn ist Jesus, und er ist aus Liebe zu uns Men­schen am Kreuz gestorben. Die Kraft und der Schwung, die Jesus dazu angetrieben haben, daß er so leben und sterben konnte, das ist der Heilige Geist.

Als Jesus dann von den Toten auferstanden war, hat er diesen Geist weitergegeben an seine Freunde, damit die auch so leben können wie er. Das ist an Pfingsten passiert. Da haben die Jünger, einfache Leute, Arbeiter, ihre Hemmungen und ihre Angst verlo­ren, sind auf die Straße hinausgegangen und haben allen Leuten die Botschaft von Jesus erzählt. Statt der Angst, die sie vorher hat­ten, waren sie nun mit Hoffnung erfüllt. Sie haben eine Gemein­schaft gebildet, in der alle miteinander teilten, alle füreinander leb­ten. Es ist die erste christliche Gemeinde entstanden, das Modell einer Gemeinschaft, wo einer den andern annimmt, ihn versteht, mit dem andern teilt und für den andern lebt.

Vielleicht sagst Du: Das ist heute leider ganz anders mit der Kirche. Aber es muß nicht so sein, und jeder, der den Geist von Jesus empfangen hat, kann neu anfangen.

Jawohl, Du kannst etwas neu anfangen in der Kirche. Die Kir­che braucht Dich mit Deiner Erfahrung, Deinen Fähigkeiten, Deinem Denken, damit sie neu wird, damit sie so wird, daß Du in ihr Deinen Platz finden kannst. Wo Menschen sich haben packen lassen vom Geist, da sind immer wieder tolle Dinge passiert, da ist das Leben anders und besser geworden. Meistens waren das keine reichen und gebildeten Persönlichkeiten, sondern einfache Leute. Arbeiter wie die Apostel oder auch Arbeiterkinder wie Josef Cardijn, der vor 100 Jahren gar nicht so weit weg vom Bi­stum Aachen in Belgien geboren wurde. Seine Schulkameraden, die arbeiten gehen mußten, haben schon früh die Freude am Le­ben, aber auch den Kontakt zur Kirche verloren. Das hat ihm zu schaffen gemacht. Und so hat er dann seinem Vater am Sterbebett versprochen, Priester sein zu wollen ganz und gar für die Arbei­terjugend. Er hat mit jungen Arbeitern gelebt und gerungen für eine Kirche, in der Arbeiter ein Zuhause haben, und für mehr Gerechtigkeit in der Arbeitswelt.

[228] Ich kenne viele junge Arbeiter, die nach seinen Idealen leben. Oder, man kann es noch viel einfacher sagen: die aus dem Heiligen Geist leben. Aus dem Geist, der die miese Stimmung, die Hoff­nungslosigkeit, die Gleichgültigkeit vertreibt. Aus dem Geist, der hilft, nicht nur an sich selber zu denken, sondern auch an die ande­ren. Aus dem Geist, der Gemeinschaft wachsen läßt, in der man auch mitten in der Arbeitswelt glaubwürdig Christ sein, Kirche sein kann.

Ich weiß schon, allein geht ein solches Leben nur sehr schwer. Aber es gibt an vielen Orten im Bistum Aachen junge Arbeiter, die aus dem Geist Christi leben wollen. Ich denke da vor allem an die CAJ, an die Christliche Arbeiterjugend, die Josef Cardijn gegründet hat. Wo einer dem anderen hilft, wo einer dem anderen Freund wird, da kann etwas neu werden.

Wenn Du Lust hast, in Kontakt mit anderen jungen Arbeitern zu kommen, die sich auch für ein Leben nach dem Evangelium interessieren, dann schreib mir ganz einfach Deine Adresse. Ich freue mich natürlich auch, wenn Du mir sonst noch etwas schreibst, Zustimmung oder Kritik, Erfahrungen oder Vorschlä­ge. Oder schreibe an das Büro der CAJ (unten findest Du seine und meine Adresse), dann wird bestimmt jemand auf Dich zu­kommen.

Ich habe jedenfalls in meinem Gebetbuch einen Zettel mit dem Bild von Josef Cardijn liegen und denke jeden Tag so an die jun­gen Arbeiter und vor allem an die jungen Arbeitslosen im Bistum Aachen.

Mit einem herzlichen Gruß

Dein Bischof

+ Klaus

  Oben