Wahrheit und Zeugnis


Beitragsseiten
Wahrheit und Zeugnis
1. Vorüberlegungen
2. Die Elemente des Zeugnisses
3. Die geschehende Zeit als Dimension des Zeugnisses
4. Der Ursprung des Zeugnisses im Zeugen und in der Wahrheit
5. Die Wahrheit und der Zeuge
a) Der Mensch als Zeuge der Wahrheit
b) Das Zeugnis als Zeitigung der Wahrheit
c) Die WAHRHEIT im Zeugnis des Lebens
c) Die WAHRHEIT im Zeugnis des Lebens

Rosenzweig nennt seine „neue Erkenntnistheorie“ eine „messianische Erkenntnistheorie“, d. h. eine, welche die letzte und ganze und äußerste Wahrheit mit dem Letzten, Ganzen, Äußersten bewährt, mit dem Blut.

Dies ist, so läßt sich unmittelbar sehen, alles eher als ein Irrationalismus. Aus dem Ganzen, das ich bin, und welches allein das Organ für die ganze Wahrheit zu sein vermag, ist gewiß die Helle meiner Vernunft nicht ausgeschlossen. Diese Helle aber öffnet sich über den Binnenraum ihrer Verfügbarkeiten hinaus in ihre eigene und ganze [72] und mein Leben und Sterben einbegreifende Totalität. Die letzte Wahrheit, so bezeugt mir mein Dasein in seiner Totalität, in seiner Berufbarkeit bis zum Blut, wird nur aufgehen, wo ich bis zum Letzten gefordert bin. Sie ist nicht feststellbar, sondern vernehmbar, vernehmbar aber nur, indem sie sich ins Ganze meines Daseins hinein übersetzt, indem sie mich zu ihrer Zeugenschaft ruft.

Wahrheit, ganze Wahrheit, geschieht im Anruf an mich, sie ist das DU, das mich ich sein läßt, ich sein als den Zeugen des großen DU vor allem Du.

Es sei gestattet, daß wir an dieser Grenze unserer philosophischen Besinnung auf Wahrheit und Zeugnis jenes Zeugnisses gedenken, das philosophische Besinnung nicht von sich her geben kann, sondern das selbst Sache des Glaubens und des Bezeugens ist. Man könnte unsere ganze Erwägung als eine Vorübung des Denkens verstehen zu dem bezeugenden Satz Jesu im 7. Kapitel des Johannes-Evangeliums: „Meine Lehre ist nicht mein, sondern dessen, der mich gesandt hat. Wer seinen Willen tun will, der wird an der Lehre erkennen, ob sie aus Gott ist oder ob ich aus mir selber rede.“ (Joh 7, 16f.) Von hier her freilich ist es nicht im Sinne praktischer Ermahnung, sondern als strengste theologische Aussage zu verstehen, wenn der johanneische Christus die Liebe, mit der er geliebt hat, die Einheit, in der er mit dem Vater eins ist, uns als das Zeugnis für die Welt aufträgt.



  Oben