Geleitwort zur Festschrift für Josef Thomé*


 

 

[2] Es ist kennzeichnend für das geistige und geistliche Gesicht unseres Jahrhunderts, zumal im deutschen Sprachraum, daß immer wieder wichtige Impulse der Theologie und des kirchlichen Lebens ausgingen von Theologen, die nicht in erster Linie „Fachwissenschaftler“ waren und an Theologischen Fakultäten lehrten, sondern die als ersten Ort ihres Lebens, ihres Wirkens und auch ihrer Theologie die unmittelbare Seelsorge, den unmittelbaren Kontakt mit den Menschen, oft: den Dienst in der Gemeinde hatten. Dieser ihr Ort bedeutet gegenüber der – keineswegs dadurch weniger wichtigen oder gar ersetzbaren – Universitätstheologie einen „Platzvorteil“.

Theologische Gedanken und Entwürfe, aber auch kirchenamtliches Sprechen auf der weiter gespannten Ebene eines Bistums, einer Bischofskonferenz, gar der Weltkirche kann aus sich selbst nicht leicht jene Sprachnähe zu und Tuchfühlung mit der Alltagswelt des Lebens der Menschen, ihren aus dem Glauben geborenen und für den Glauben wichtigen Erfahrungen, Fragen und Nöten haben. Es geht da nicht nur um äußere „Anwendung“ der Wahrheit in sich, um einen zusätzlich verständlich machenden Kommentar, sondern um jene innere Wechselwirkung zwischen Mitteilen und Verstehen, Sprache und Denken, die gerade für das Wort Gottes und seine Erkenntnis von höchster Bedeutung sind, ist dieses Wort Gottes doch Wort für den Menschen, Wort an den Menschen, Wort, das Gott selbst im menschlichen Horizont spricht.

So standen die Seelsorger-Theologen auch großenteils im Umfeld jener Bewegungen, die dieses Jahrhundert mitprägen.

Um einige Namen zu nennen: Liturgische Bewegung, Bibelbewegung, Jugend-bewegung, ökumenische Bewegung. Es versteht sich von selbst, daß in solchen Bewegungen und auch im Denken, das in ihrem Umkreis geschieht, eine Fülle von Impulsen aufgeht, die für die Zukunft höchst bedeutsam sind, die aber der oft mühsamen, schrittweisen, schmerzlichen Durchklärung und Reifung bedürfen, bis sie in den Schoß der Kirche hinein geerntet werden können. Den hohen Rang dessen, was in diesen Bewegungen, oftmals angestoßen durch die genannten Seelsorger-Theologen, wuchs, zeigen die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Viele von ihnen stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Gedankengut und der Erfahrung solcher Bewegungen. Was wäre das Ökumenismus-Dekret ohne die ökumenische Bewegung, jenes über die göttli- [3] che Offenbarung ohne die Bibelbewegung, jenes über die Liturgie ohne die liturgische Bewegung, jenes über das Laienapostolat ohne die entsprechenden Initiativen?

Das mit diesen wenigen Strichen Skizzierte bezeichnet Rahmen und Raum, in denen Gestalt und Werk von Josef Thomé zu lesen sind. In der Tat, er ist eine der einprägsamen und unübersehbaren Gestalten in der Reihe dieser Seelsorger-Theologen. Sein 100. Geburtstag ist Anlaß des Gedenkens, der Dankbarkeit und des Dialogs, die wir nicht nur ihm, sondern auch uns und unserer Aufgabe schulden, heute Glauben glaubwürdig und verstehbar zu bezeugen.

Als ich vor 15 Jahren von Freiburg nach Aachen kam, brachte ich die Begegnung mit Gestalten wie Eugen Walter und Karl Pfleger mit, um nur zwei aus einer längeren Reihe von Namen zu nennen, die in den von mir umrissenen Kontext gehören. Nun durfte ich Josef Thomé kennenlernen. Er begleitete mit wachsamer Beobachtung und brüderlicher Sympathie den Anfang meines Wirkens hier, und ich bin dankbar, daß ich ihm persönlich habe begegnen dürfen. Vier Züge an Josef Thomé haben sich mir besonders eingeprägt, sie empfinde ich auch persönlich als Geschenk und Auftrag.

Zuerst und zutiefst ist da die Verankerung seines Glaubens in der Mitte, in jener trinitarischen Mitte, die alles andere durchtränkt und durchstimmt: Gott ist die Liebe, und diese Liebe überwindet Sorge und Angst.

Wie von selbst entspricht daraus ein Zweites: die liebende Zuwendung und Nähe zu den Menschen, wie sie sind. Nicht der abgehobene, in die eigenen Gedanken hineingesponnene, auf eigenen Verdiensten ausruhende, in eigene Verletzungen zurückgezogene „bedeutende Mann“, sondern der für die Menschen bestellte und mit den Menschen lebende Zeuge der Liebe Gottes ist das Priesterbild, das Josef Thomé in sich inkarnierte.

Dies bewährt sich in einem Dritten: Josef Thomé konnte die schwierigen Dinge einfach sagen, sie so aufschließen, daß die kritisch Distanzierten aufhorchen und die sogenannten „schlichten Gläubigen“ aufatmen.

Doch da ist noch ein Viertes zu nennen, das auch und gerade zur Biographie von Josef Thomé gehört. Sein Verhältnis zum kirchlichen Amt verlief nicht ohne gegenseitige Anfragen und Spannungen. Dies war eine ernste Prüfung für Josef Thomé. Wie er sie bestanden hat, wie er Mut und Demut, Gehorsam und Freimut verband und nur um so mehr zum Zeugen [4] für die Liebe zur Kirche, zu dieser Kirche wurde, habe ich an ihm erfahren dürfen, und das ist nicht nur für mich – ich wiederhole mich – Geschenk und Auftrag.

 

Aachen, im Juli 1990

 

+ Klaus Hemmerle

Bischof von Aachen

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