Bericht über den 27. November 1944*


 

 

[120] Am 27. November 1944, dem Tag des großen Fliegerangriffs auf Freiburg, hatten ab 20 Uhr Herr Professor Metzler, Gerd Fleig und ich Brandwache im Berthold-Gymnasium. Während die beiden anderen Wächter schon an Ort und Stelle angekommen waren, erreichte ich erst unter dem Fallen der Bomben den Luftschutzkeller der Schule; bei mir war mein Vater, der einen Besuch in der Altstadt vorgesehen hatte.

Eiligst suchten wir den Schutzraum 1 auf, wo auch Familie Arnegger versammelt war, Leute aus der Nachbarschaft und von der Straße verteilten sich in die andern Räume. Gewaltige Erschütterungen und ein Luftdruck, dem man kaum widerstehen konnte, ließen fühlen, daß die Wucht des Angriffs ganz in der Nähe lag. Der Boden schwankte, von Decke und Wänden regnete Kalkstaub nieder und erschwerte das Atmen. Der Lärm war so stark, daß wir den Vollalarm nicht hörten. Nach dem Verlöschen der elektrischen Beleuchtung gab nur noch ein weißer Leuchtstreifen rings an den Wänden seinen gespenstischen Schimmer. Beten, Schimpfen oder Weinen war der Menschen Teil, während draußen das gewaltige Feuer vom Himmel Menschen und Mauern verzehrte; man mußte sich bereit machen, jeden Augen-[121]blick vor Gott hintreten zu können. Meinen Vater und mich trug der sorgenreiche Gedanke an die Mutter, die allein zuhause war, über die Schwere der Gefahr hinweg.

Bald erschienen aus den Nebenhäusern untersetzte Gestalten, dürftig bekleidet, zum Teil blutüberströmt; händeringend schrien sie nach ihren Lieben oder bejammerten den Verlust von Hab und Gut, ein unvergeßliches Bild. Als das Wogen von Fliegern und Einschlägen verbrandet war, gingen wir von der Wache nach oben. Der glühend rote Himmel, Brand und Zerstörung ringsum kündeten die Katastrophe. Wohl war das Gymnasium von einem Volltreffer verschont geblieben, doch hatten Luftdruck und Erschütterung Entsetzliches angerichtet. Wir machten uns auf den Weg, über die Seitentreppe den dritten Stock zu erklettern, ein gefährliches Unternehmen. Die Treppe lag unter Schuttbergen begraben, das Geländer war weggerissen, Stufen hingen in der Luft, die Zwischenräume waren weggefegt, man sah mühelos durchs Haus hindurch zum Theater; die Wohnung der Familie Arnegger lag offen da. Gardinenstangen, Stühle und Geschirr waren wirr durch einandergewirbelt, ein einziges Schuttgewühle, keine Wohnung mehr.

Nun wieder in den Keller, ehe ein neuer Angriff oder der Einsturz der Treppen uns den Weg abschneiden könnten! Herr Professor Metzler dachte zuerst an Aushalten an Ort und Stelle, pflichtete dann aber meinem Vater bei, man solle zuerst sehen, wie es zuhause stehe; denn was sollten wir die Ruinen bewachen? Für einen etwaigen Brand war ja die Luftschutzpolizei im Haus. Als wir den Heimweg angetreten hatten, geriet in der Tat der Physiksaal in Brand und explodierte, so berichtete später Familie Arnegger. Dem Feuer konnte alsdann nicht mehr gewehrt werden, das Gymnasium brannte ab.

Indessen erwies es sich als richtig, daß wir uns um unsere Wohnung kümmerten. Professor Metzler und wir standen vor brennenden Häusern. Gerd Fleig, der zuhause fast keinen [122] Schaden vorfand, half, einiges wenige zu bergen. Doch als wir unsere liebe Mutter wiedersahen, waren wir trotz Verlust von Hab und Gut dem lieben Gott von Herzen dankbar.

So erlebte ich den Fliegerangriff in unserer Schule. Über ihren Untergang hinaus jedoch lebt sie fort im treuen Gedenken ihrer Schüler.

29.07.46

K. H.

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