Die leise Stimme der Hoffnung


 

 

[114] Auch wo es Unterschiede in den Hoffnungen gibt, kann es Solidarität in der Hoffnung geben. Und Hoffnung ist dort nicht am schwächsten, wo ihre Stimme leise ist, wo sie wenig von sich selber spricht, sondern sich meist in Fragen, kritischen und besorgten Fragen, verbirgt. Wie Martin Heidegger einmal das Fragen als die Frömmigkeit des Denkens bezeichnete, so könnte man - mehr auf die Gänge der Zeit, der Kultur, der Gesellschaft, der religiösen und kirchlichen Entwicklung gewendet – das Fragen auch die Frömmigkeit der Hoffnung nennen. Vor etlichen Jahren hörte man nicht selten die Redensart, Walter Dirks habe auf jede Antwort eine Frage. Seine Beständigkeit im Fragen, seine Widerständigkeit gegen Anpassung und Resignation zugleich können auch den die leise, aber mächtige Stimme der Hoffnung in ihm vernehmen lassen, der manche Frage anders stellt und den die eine und selbe Hoffnung zu manchen anderen Hoffnungen führt. Und gerade das ist nicht Grund zu weniger Verehrung und Freundschaft, sondern es gehört in jenes anti-systematische Konzept von Hoffnung hinein, das Paulus zum Anfang seines fünften Römerbriefkapitels unüberholbar formuliert. Die gängige Logik heißt: schlechte Erfahrungen führen zur Enttäuschung, Enttäuschung führt zur Resignation, Resignation führt zum Aufgeben. Paulus dagegen: Bedrängnis führt zur Geduld (zum „Drunterbleiben“), Geduld zur Bewährung, Bewährung zur Hoffnung, Hoffnung aber macht nicht zuschanden.

Darf ein Bischof Walter Dirks ganz einfach sagen, was ihm trotz aller Bedrückungen und Bedrängnisse zwanzig Jahre vor dem Jahr 2000 in dieser Menschheit und in dieser Kirche Grund zur Zuversicht gibt? Daß es letztlich das Kreuz und die Auferstehung Jesu ist und der Geist, der an Pfingsten kommt und immer neu kommt, ist die Grundlage und das Wichtigste. Aber davon soll nicht immer gleich die Rede sein.

[115] Mir gibt Zuversicht, unausrottbare Zuversicht, wenn ich einmal von unten anfangen darf, die unausrottbare Verrücktheit des menschlichen Herzens. Wir können vieles von dem vorausberechnen und voraussehen, wie es weitergeht, können es immer besser planen und manipulieren. Die Faktoren für die Zukunft sehen und auf sie Einfluß nehmen, das ist notwendig. Aber selbst wenn wir alles übersehen und ordnen könnten, gäbe es noch einen doppelten Überschuß eben unseres Herzens. Einmal die Verwunderung, wenn es doch so kommt, wie es kommen muß, oder besser: die Verwunderung darüber, daß überhaupt etwas kommt. Daß Zukunft stattfindet, ist das Wunder der Wunder. Und zum andern: Wenn alles festliegt, wenn es keinen Ausweg mehr gibt, wenn alle Zusammenhänge durchschaut sind, welche die Zukunft tragen, dann bekommen wir doch den Gedanken nicht los: Es könnte trotzdem anders kommen, es könnte trotzdem noch jenes wirklich Neue passieren, das alles in die andere Bahn lenkt. Daß es überhaupt weitergeht, daß es überhaupt Zukunft gibt, erstaunt uns; daß es so kommt, wie es kommen muß, wie wir glauben, daß es kommen müsse, demgegenüber haben wir Mißtrauen. Dieses Staunen und dieses Mißtrauen haben die Kraft, immer wieder die Sicherheit und die Resignation zu sprengen, uns aus dem Getto unseres Bescheidwissens und Planens zu befreien. Sitzt nicht in diesem tiefsten Erahnen, daß alle Zeit je Geschenk ist, nicht auch die Wurzel für die Unsterblichkeit von etwas wie Religion und Glaube?

Mir scheint, es wäre gut, dieser Spur genauer nachzugehen. Wir setzen unseren Gott so oft an einen Anfang, der hinter uns liegt. Er hat alles schon gesehen, alles schon gemacht, alles schon beschlossen, alles schon vorfabriziert, und mit diesem Gott leben bedeutet für viele von uns, einfach vorgefertigte Pläne zu vollstrecken, die nicht die unseren sind. Also: Sich anpassen, sich einfügen, sich abfinden, wenn auch mit der Zuversicht, daß man am Ende ganz gut dabei fährt und alles besser wird, als wenn man die Sache nur in die eigene Hand nehmen könnte. Nein, der Gott des Anfangs steht am Ende. Der Anfang steht vor uns. Gott, die Quelle der Zeit, wirft uns je neu Zukunft zu, daß wir sie auffangen, daß wir sie als Zukunft leben. Und einmal, ein für allemal hat er uns alle Zukunft zugeworfen, die sein ist, sein Wort, seinen Sohn. Er, dem der Vater alle Zukunft ist, er lebt mit uns, er lebt unser andauerndes Zuende- [116] gehen mit bis zum letzten, er verbraucht in sich selber alle unsere Endlichkeit, leidet sie mit bis zum Ende und eröffnet darin eine grenzenlose Zukunft. Eine Zukunft, die nicht schon „gelaufen“ ist, sondern die als Zukunft zugesagt ist, die so immer neu wird, indem wir mit ihm leben. Jesus ist Wahrheit und Leben, aber er ist auch Weg, und ich meine, er ist Weg in alle Ewigkeit, jener endlose, nie abgeschlossene Weg in den Vater hinein. Sicher, nur er ist der Weg, er allein – das ist die „Festigkeit“, die „Unüberholbarkeit“, die „Endgültigkeit“ Christi und des Christentums. Aber es ist eben Endgültigkeit, Unüberholbarkeit, Festigkeit eines Weges, der immer neu ist, weil er den unüberholbar Neuen und Zukünftigen erschließt: Gott. Da gibt es durchaus Dogmen und Normen, aber die Dogmen und Normen sagen nicht, daß alles schon gewesen und gelaufen ist, sondern sie selber sind die Bahnen in diese Neuigkeit Gottes. Ich glaube, wir könnten eine Dogmatik und eine Moral schreiben, in denen alles „drinnen“ wäre, was auch heute drinnen ist, und wir müßten nicht mit einem hermeneutischen Trick die Identität des Alten und des Neuen retten. Aber in dieser Dogmatik und Moral wären alle Endgültigkeiten jene des endgültigen Weges, die ihn unterschieden von dem, was kein Weg ist. Und wir würden auf diesem Wege so neue Entdeckungen machen, wie die großen Zeugen sie in allen Jahrhunderten machten, ein Franziskus wie ein Charles de Foucauld.

Auf diesen Weg uns begebend, wären wir gleichermaßen vorsichtig, nichts zu Boden fallen zu lassen von dem, was uns diesen Weg weist, aber auch mutig, um nichts von dem zu versäumen, was dieser Weg an neuer Erfahrung, an neuen Perspektiven, an neuer Begegnung uns erschließt. Wo das, was bleibt, die Liebe ist, da ist das, was bleibt, das je neue Abenteuer.

Ich habe die Fragen nicht verdrängt, die an einen solchen Gedanken zu stellen sind, an seinen Inhalt wie an seinen Stellenwert angesichts der realen Erfahrungen, die man macht und die man selber produziert. Spekulation, die als Alibi für fällige Schritte dienen und so zur tragischen Selbsttäuschung werden kann? Ich möchte an Zeichen erinnern, die den Ernst dieser Frage nicht durchstreichen, die sie gleichwohl auf Hoffnung hin überholen.

Ich denke da an Erfahrungen mit der Kirche in der Dritten Welt. An ein unbefangenes Leben aus dem Evangelium, an Gemein- [117] schaft die daraus wächst, an Dienst, zu dem diese Gemeinschaft beflügelt, an Schritte, die zeigen, wie es anders geht und anders werden kann, aus noch so unscheinbaren Anfängen heraus. Hingehen, es sehen, ein Stück mitleben, den Kontakt aufrecht erhalten, jeden Tag daran denken, es gegenwärtig halten auch bei dem, was in der Kirche des eigenen Landes, in so ganz anderen Verhältnissen zu tun ist: mir scheint, daß man da doch einen neuen Anfang betasten kann. Sich sehen lernen mit den Augen des anderen, in diese Gegenseitigkeit hineinwachsen, deine Kirche als meine Kirche wissen – das hat es so früher noch nicht gegeben.

Etwas anderes – aber ist es etwas anderes? – möchte ich anfügen: Menschen, die hier aus einer neuen Unbefangenheit heraus die alten evangelischen Räte zu leben anfangen, aus ihrem Geist Modelle entwickeln, wie gegen die Angst und gegen den Konsum Hoffnung zur Daseinsgestalt, zur Weltgestalt gerinnt. Menschen, die ihre Daseinsentwürfe und Daseinserwartungen verkaufen, weil sie auf eine größere Zukunft hoffen, die keine Entwicklung ihnen geben kann – und gerade so werden sie fähig, Stück um Stück ein Leben zu buchstabieren, das etwas anderes ist als bloß der Vollzug der übermächtigen Zwänge von Leistung, Produktion und Angebot.

Schließlich ganz nahe dabei eine Fülle von geistlichen Aufbrüchen, die in großer Unbefangenheit sich hineingeben in das, was in der Kirche wuchs und wurde, und die doch, oft mit erstaunlicher Instinktsicherheit, die Übersetzung vermögen, die in der Mühelosigkeit bloßen Forschens und Nachdenkens nicht überzeugend gelingt.

Was ist das für so viele? So mag man denken, wenn man dies liest. So fragten die Jünger vor dem Wunder der Brotvermehrung. Aber der kleine Junge kam. Er brachte einfach das lächerliche Bißchen an Brot und Fisch und gab es, töricht genug, aus der Hand, so daß weder er noch alle etwas hatten. Aber die Dinge sind nicht, was sie in unseren Händen sind, sondern was sie in den Händen dieses anderen sind, dem er das Seine gab. Die Hoffnung ist so klein – aber vielleicht doch auch so mächtig – wie dieser kleine Junge. Ihm trage ich meinen herzlichen Geburtstagswunsch an Walter Dirks auf.

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