Fastenhirtenbrief 1977


[1] Liebe Brüder und Schwestern!

Ein Bekannter von mir ist auf merkwürdige Weise Christ gewor­den. Er machte eine Schiffsreise und kam dabei ins Gespräch über den Glauben, über Gott, über den Sinn des Lebens. Eines Tages seufzte er ratlos auf: „Wie soll ich nur herausbekommen, ob es diesen Gott gibt, ob dieses Evangelium stimmt?" Der Schiffskaplan gab ihm die Antwort: „Probieren Sie's doch einfach einmal! Leben Sie so, als ob es diesen Gott gäbe, als ob dieses Evangelium die Wahrheit wäre!" Gesagt, getan. Mein Bekannter wollte die Probe aufs Exempel ma­chen, und er fing auf der Stelle an, Gott bei seinem Wort zu nehmen. Er versuchte, in den kleinen Schwierigkeiten des Alltags und vor allem in seinem Verhalten dem Nächsten gegenüber haarscharf auf das Evangelium einzugehen.

[2] Das Leben wurde anders, und er erkannte: Dieses andere Leben ist das wahre Leben. Mein Leben ist sozusagen ein Auto, das nur dann richtig fährt, wenn ich zulasse, daß Gott sein Chauffeur wird.

Eine sonderbare Geschichte, werden Sie denken. Aber wieso eigentlich? Im Johannesevangelium sagt Jesus es selbst: „Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob die Lehre von Gott stammt oder ob ich von mir aus spreche" (Joh 7,17). Ein Christen­tum, das wir nur in den Glasschrank unserer Überzeugungen einsperren, ohne es in den Alltag umzusetzen, bleibt kraftlos, bleibt unglaubwürdig - für andere und für uns selbst. Gott ist ein lebendiger Gott, und mit einem Lebendigen muß man leben, um ihn kennenzu­lernen. Jesus ist nicht eine Idee, sondern unser Bruder. Und mit einem Bruder muß man Gemeinschaft haben, alltägliche, unmittel­bare Gemeinschaft, um ihn als Bruder zu erfahren. Sicher, wenn ich mit einem zusammenlebe, dann spreche ich mit ihm, dann stelle ich ihm Fragen. Auch mir selbst ist es nicht anders ergangen. Aber ich muß gestehen: erst als mir jemand den Rippenstoß gab, ich solle aufhören, bloß über den Glauben zu theoretisieren, und statt dessen das tun, worüber ich diskutiere, kam es bei mir zum Durchbruch. Es kam zu einem neuen, lebendigen Anfang des Glaubens. Um noch einmal auf das Bild vom Auto zurückzukommen: Solange ich mir nur im Schaufenster ein Auto anschaue, weiß ich nicht, was es hergibt. Man muß schon einmal damit gefahren sein.

Sie sehen in diesen Wochen überall die Plakate von MISEREOR hängen mit dem Slogan „Anders leben, damit andere überleben". In der Tat, wenn wir nicht anders leben, dann fehlt anderen das Notwendigste zum Leben. Jene, die den Slogan erfanden, meinten nicht nur: sparsamer leben, damit etwas für die anderen in der Not übrigbleibt. Das ist die eine Seite. Aber damit nicht genug. Anders leben, das zielt auf eine Neuorientierung unseres ganzen Lebens: Anders leben, damit wir überleben! Anders leben, damit der Mensch überlebt.

Ja, damit der Mensch überlebt, hat Gott anders zu leben angefan­gen. Gott ist unser Bruder geworden. Gott hat unser Leben mitgelebt bis zum Äußersten, Gott ist für uns gestorben. Ich bin ihm soviel wert, daß er für mich sein Leben hingibt. Und jeder andere, mein Nächster und mein Fernster, ist ihm genau dasselbe wert. Und jetzt geht es eigentlich nicht mehr anders: Wir müssen dieses Leben Gottes mitleben. Wir müssen seine Liebe mitleben. Seine grenzenlose, radikale Liebe. Das, genau das ist Christentum. In den vielen Worten des Evangeliums kommt es immer wieder auf diese beiden Dinge an: An Gottes Liebe glauben - Gottes Liebe weitergeben. An seine Liebe glauben, das heißt: Wenn wir uns ihm überlassen, dann nimmt er das Steuer in die Hand. Seine Liebe weitergeben, das heißt: Wenn er uns so geliebt hat, dann sind wir es schuldig, auch einander so zu lieben (1 Joh 4,11). Sie haben noch von eben das Wort Jesu im Ohr: „Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob die Lehre von Gott stammt oder ob ich von mir aus spreche." Der Wille Gottes ist uns aber ganz eindeutig gesagt: „Das ist mein Gebot: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!" (Joh 15,12).

Liebe Brüder und Schwestern! Als ich im letzten Fastenhirtenbrief die Anregung gab, man möge sein Leben unter die Überschrift Gottes, unter das Wort Gottes stellen, habe ich das ganze Jahr über viele Antworten, viele Erfahrungen mit dem Leben aus dem Wort von Ihnen erhalten, und ich darf sagen: es war mir mit die größte Freude während des vergangenen Jahres. Sollten wir jetzt nicht gemeinsam einen Schritt weitertun? Sollten wir nicht ganz bewußt das Wort Gottes auf seine Mitte hin leben: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!? So könnte das andere, das neue Leben unter uns anfangen, das Leben der vorbehaltlosen gegenseitigen Liebe. In den Familien, am Arbeitsplatz, in den Schulklassen, im Pfarrgemeinderat, in Verein oder Gruppe, unter Freunden. So könnten Mißtrauen, Enttäu­schung, gegenseitiges Nachtragen, Vorurteile überwunden werden. Je mehr ich in das Wort Gottes hineinhörte, um so deutlicher wurde mir: Lieben, wie Gott liebt, lieben, wie Jesus liebt - das ist die Mitte. Mir scheint, gerade in den liturgischen Schriftlesungen der Fasten­zeit kann sich das uns allen erschließen: Er liebt alle, ohne Ausnah­me - er fängt immer an, tut immer den ersten Schritt - er liebt bis zum Letzten, bis zum Blut.

Diese drei Regeln gelten auch für uns. An ihnen kommen wir nicht vorbei: 1. Ich muß bereit sein, jeden zu lieben. 2. Ich muß bereit sein, immer als erster zu lieben. 3. Ich muß bereit sein, es mich jeden Tag einen Tropfen Blut kosten zu lassen.

Das ist ein dreifacher Schock, aber dieser Schock lohnt sich, er ist der Eintrittspreis für das lebendige, wirkliche Leben. Ich bitte Sie herzlich, dabei mitzumachen. Und ich würde mich wiederum freuen wenn ich von Ihnen hören darf, was dieses Experiment „Anders le- [3] ben" auslöst. Aus dem Austausch der Erfahrungen vermehrt sich das Leben - und darum geht es. Der Segen dessen, der dieses Leben mitlebt und vorlebt, begleite Sie dabei, der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Aachen, am Fest der Erscheinung des Herrn 1977.

+ Klaus

Bischof von Aachen

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