Fastenhirtenbrief 1978


[1] Liebe Schwestern und Brüder!

Vergangenen Herbst in einer Stadt unseres Bistums. Abends ein Saal voll junger Leute, über 250. Sie wollen für eine Woche ein Experiment beginnen. Jeden Morgen vor der Arbeit oder der Schule treffen sie sich in kleinen Gruppen. Ein Wort des Evangeliums, ein Bild, ein Gedanke unseres Glaubens soll ihnen die Richtung weisen für den Tag. Und am Abend wollen sie sich wieder treffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig weiterzuhelfen.

Wie die einzelnen Gruppen ihr Vorhaben darlegen, horche ich auf. Das geht auch mich, das geht uns alle an. Ist hier nicht ein Weg, der das weiterführt, was ich in den beiden letzten Fastenhirtenbriefen anstoßen wollte: Leben mit dem Wort Gottes - einander so lieben, wie er uns geliebt hat? Ich greife zwei Sätze [2] heraus, die sich mir besonders tief eingeprägt haben. „Wir wollen den ganzen Tag mit Jesus zusammenleben." „Wir wollen überall den verschütteten Je­sus ausgraben."

Ja, das ist Christentum. Nicht leben bloß mit ein paar Idealen und Grundsätzen, sondern leben mit einem, der lebt. Christsein, das heißt die Begegnung mit ihm, dem Lebendigen suchen - anders gesagt, seine leisen Klopfzeichen hören und die Tür aufmachen, vor der er steht, ganz nah und unmittelbar.

Sie denken vielleicht: „Nichts für mich. So fromm bin ich nicht. Ich halte mich an das, was er vor 2000 Jahren gesagt hat, und ich hoffe auch, daß an meinem Ende mich seine Barmherzigkeit erwartet. Aber unmittelbar mit Jesus selbst zu tun haben, jetzt, hier, mitten im Leben? Damit kann ich nichts anfangen." Doch genau das ist es. Er kommt hinein in unsere Welt, in unsere Verhältnisse, teilt unser Leben und Sterben. Aber er verläßt uns nicht, stiehlt sich nicht davon. Nein, wie er an Ostern in den Kreis der verängstigten Jünger tritt, so auch jetzt. Er hat es uns verheißen: „Ich bleibe bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt" (Mt 28,20). Er steht vor der Tür und klopft an (Offb 3,20). Er will, daß wir ihn in unser Leben einlassen. Wer das tut, der erfährt, daß sein Leben verwandelt wird. Und auch um ihn herum verwandelt sich allmählich etwas, wenn er mit diesem lebendigen Jesus lebt.

Allerdings, Jesus überfährt nicht unsere Freiheit. Wenn wir nicht wollen, sprengt er die Tür nicht auf mit Gewalt. Er steht draußen und klopft an. Wir müssen ihn einlassen.

Dann kommt es also darauf an, daß wir die Klopfzeichen hören.

Es gibt deren viele: Worte, Ereignisse, Begegnungen. Ich kann an ihnen vorbeileben, ohne daß sich etwas ändert. Ich kann aber auch aufmerken: Da ist einer, der mich ruft! Ich kann, ohne viel frommen Aufwand, umschalten auf ihn, und plötzlich steht er in meinem Leben. Mit dem Losungswort von MISEREOR für dieses Jahr: Anders leben - Antwort geben.

Ich möchte Sie heute vor allem auf eine Art von Klopfzeichen aufmerksam machen. Es scheinen mir die wichtigsten und deutlich­sten zu sein. Jeder Schmerz, jede Enttäuschung, jede Dunkelheit ist Zeichen, daß er vor der Tür steht. Gerade hier heißt es: umschalten von sich auf ihn, ihm öffnen. Wir sind versucht, auszuweichen, zu verdrängen, davonzulaufen. Und so laufen wir ihm, laufen wir dem Leben davon.

Aber wieso soll ausgerechnet das Negative sein Klopfzeichen sein? Nun, er hat nicht mit einer lässigen Handbewegung die Schuld der Welt hinweggefegt und hat nicht den Druckknopf seiner Allmacht bedient, um das Leid der Welt auszuschalten. Nein, er hat alle Sünde auf sich geladen, hat allen Schmerz ausgelitten bis zum Letzten. Und das war sein Weg, um in das neue Leben, das Leben ohne Grenze einzutreten. Unmißverständlich sagt es die Schrift: „Wenn wir mit ihm gestorben sind, dann werden wir auch mit ihm leben" (2 Tim 2,11).

Ich habe schon einmal davon gesprochen: Christliche Liebe kostet den täglichen Tropfen Blut. Anders leben heißt die lähmende Angst vor dem Schmerz durchstoßen. Heißt: ihn selbst erkennen in jeder schlechten Nachricht, in jeder Ratlosigkeit, in allen Sorgen und Schmerzen, auch im Leiden an uns und unserer Schuld und zumal in den Hungernden, Verfolgten, Alleingelassenen dieser Erde. Er klopft an. Es gilt, ohne Angst an die Tür zu gehen und ihm aufzuma­chen, das zu wiederholen, was die Märtyrer der Urkirche ihren Henkern sagten: „Ich fürchte dich nicht, weil ich dich liebe!" So konnten sie nur sprechen, weil sie dasselbe zuvor dem Herrn sagten: „Ich fürchte dich nicht, weil ich dich liebe." Ja, sagen Sie das Ihm, der bei Ihnen anklopft im schwierigen Vorgesetzten, im mißliebigen Mitbewohner Ihres Hauses, in Ihrem aggressiven Kind, in Ihrer Krankheit, in der Unsicherheit Ihres Arbeitsplatzes, in Ihrer Enttäu­schung über die Kirche.

Klopfzeichen, manche von uns kennen das nicht nur vom Besu­cher an der Tür, sondern auch von den Verschütteten der Bomben­angriffe, der Kriegsschauplätze, vielleicht auch der Bergwerke. Der Jugendliche sagte: Den verschütteten Jesus ausgraben. Aber nicht er ist am Ersticken, sondern wir selbst. Nur wenn wir die Klopfzei­chen hören und die Tür aufreißen, werden wir das Leben erfahren. Ich lade Sie herzlich ein, miteinander auf die Klopfzeichen zu hören und immer wieder Ihm die Tür zu öffnen. Dann werden wir es erfahren und es andere erfahren lassen: Christsein heißt leben mit einem, der lebt.

Ich wünsche Ihnen allen die Freude und den Segen des lebendigen Herrn

Aachen, den 9. Januar 1978

Ihr Bischof

+ Klaus

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