Fastenhirtenbrief 1979


[12] Liebe Schwestern und Brüder!

„Oh, ich kenne Sie gut!“ sagte eine alte Schwester zu mir, als ich ein paar Monate nach meinem Dienstantritt als Bischof von Aachen ihr Kloster besuchte. Ich stutzte – wir waren uns meines Wissens zuvor noch nicht begegnet. Doch die Schwester erklärte es mir: „Wenn man so viel für einen Menschen betet wie ich für Sie, dann kennt man ihn.“ Und ich spürte: sie kannte mich wirklich.

Wäre es nicht gut, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir möglichst alle uns auf solche Weise gegenseitig kennenlernten? Ich habe mir persönlich vorgenommen: Es soll mir womöglich keiner im Bistum begegnen, den ich nicht schon „kenne“, kenne aus dem Gebet.

Ich habe den Eindruck, jene verstehen und kennen am tiefsten die Menschen, jene setzen sich am vorbehaltlosesten und wirksam­sten für sie ein, die am tiefsten Gott kennen, die am eindringlichsten beten. Warum war unser jetziger Papst, der vormalige Kardinal Wojtyla, ein so menschennaher Seelsorger in Krakau? Er schloß sich jeden Morgen zur besten Arbeitszeit, zwischen 9.00 und 11.00 Uhr, in der Kapelle ein. Und Mutter Teresa von Kalkutta erzählte einem Bischof während des Katholikentages, sie habe mit ihren Mit­schwestern vereinbart, jede Woche eine Stunde stiller Anbetung zu halten; die Mitschwestern, bis zum Äußersten eingespannt in den Dienst an den Ärmsten, wandten sich vor einiger Zeit an sie und baten, man solle doch jeden Tag eine Stunde gemeinsam anbeten. „Seither“, bemerkte Mutter Teresa, „geht alles viel besser in unserer Gemeinschaft.“

Ein Netz von Anbetung und Fürbitte über das Bistum Aachen spannen, das soll für 1979, für das Jahr der Heiligtumsfahrt in Aachen, Kornelimünster und Mönchengladbach, unser Programm sein.

Romano Guardini hat beim letzten Berliner Katholikentag 1958 eine unvergeßliche Eröffnungsrede gehalten unter dem Titel: „Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen.“ Gott kennen im Gebet, das scheint mir auch der wichtigste Beitrag zu sein für das Anliegen, das mich besonders bedrängt und das ich in die Mitte des Gebetes bei der Heiligtumsfahrt rücken möchte: Weckung und Wachstum geistlicher Berufe. Sie erinnern sich wohl der Geschichte von der Berufung des jungen Samuel. Er tut Dienst beim Priester Eli. Wie er nachts in seinem Zelt schläft, hört er die Stimme, die ihn beim Namen ruft. Er meint, Eli habe ihn gerufen, geht zu ihm hin – aber der sagt: Du träumst! Beim dritten Mal aber entdeckt Eli: Es ist die Stimme des Herrn! Ich glaube, liebe Schwestern und Brüder, es fehlt nicht an den jungen „Samuelen“, es fehlt nicht an der rufenden Stimme des Herrn, es fehlt eher an den „Elis“, an solchen, die diese Stimme kennen und deuten. Viele junge Menschen sind unruhig, brechen auf, stehen auf. An uns liegt es, den Ruf verständlich zu machen, der diese Unruhe auslöst und stillt. Dazu aber müssen wir die Stimme Gottes betend kennen. Um beides geht es: ums Beten für geistliche Berufe, ums Beten, damit wir geistliche Berufe deuten und geleiten können! Und junge Menschen selbst sollen dann, wenn der Ruf ergeht, sagen können: Ich kenne dich gut, denn ich habe schon oft mit dir gesprochen, Herr!

Aber, liebe Schwestern und Brüder, es gibt noch jemand, der sagt: Oh, ich kenne dich gut! Er sagt es zu uns, er wartet auf uns im Tabernakel. Lassen wir uns doch von ihm anschauen und ins Herz schauen. Lassen wir ihn nicht allein. Im Jahr der Heiligtumsfahrt sollten möglichst viele Kirchen im Bistum Aachen möglichst viele Stunden lang offenstehen können, weil in jeder Gemeinde Menschen verbindlich vereinbaren, wann sie für die eigene [13] Gemeinde und für die geistlichen Berufe eine halbe Stunde oder Stunde vor dem Tabernakel verbringen. Beginnen Sie damit bitte in Ihrer Gemeinde. Wer willens und in der Lage ist, sich zu beteiligen, möge dies seinem Pfarrer mitteilen. So könnte in jeder Gemeinde ein Zeitplan für diese Wache des Gebets entstehen.

In einem anderen Bistum hat es ein Bischof so angefangen: Wer bereit war, für ein Jahr lang jede Woche eine Stunde des Gebets für geistliche Berufe zu übernehmen, der hat dies auf einer Karte dem Bischof mitgeteilt. Da können nicht nur jene mittun, die dies vor dem Tabernakel in der Kirche vermögen, sondern auch die Kranken, Älteren, Gebrechlichen zu Hause, in den Heimen und Krankenhäu­sern. Ich freue mich also auf Ihre Mitteilung! Ich werde mitbeten und für jene besonders beten, die mitbeten.

Sollten wir nicht beides miteinander verknüpfen? In den Gemein­den die Kette des Gebets vor dem Tabernakel – überall die ausdrück­liche Gebetsgemeinschaft mit dem Bischof um geistliche Berufe? So werden viele die Stimme des Herrn hören und ihr antworten, die zu uns sagt: Ich kenne dich gut! Und viele werden einander kennen und ihre Last füreinander tragen in unserem Bistum.

Dann steht über unserer Heiligtumsfahrt 1979 gewiß der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

+ Klaus

Bischof von Aachen

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