Fastenhirtenbrief 1981


[27] Schwestern und Brüder!

Warum verwandelte Jesus nicht Steine in Brot, um seinen Hunger zu stillen? Warum sprang Jesus nicht von der Höhe des Tempels, um seine Macht zu offenbaren? Er wirkte Zeichen und Wunder, aber er tat es nicht für sich. Er kam, um den Willen des Vaters zu tun, und dies war der Wille des Vaters: daß er einer von uns wird, daß er sich einläßt auf unser Leben, bis hin zum Scheitern am Kreuz. Mit einem Bild gesagt: Jesus hat nicht eine elegante Auto­bahnbrücke über den Abgrund unseres Lebens hinweg gespannt, sondern er ist heruntergestiegen.

Das ist eine Herausforderung für uns, für mich und für Sie, für unser Bistum, für jede Gemeinde. Der Weg Jesu, der untere Weg, soll unser Weg werden. Das heißt: sich einlassen auf die Erfahrungen und Fragen der Menschen.

Damit hat es etwas zu tun, wenn ich im vergangenen November „Kirche und Arbeiterschaft“ als pastoralen Schwerpunkt für unser Bistum verkündet habe. Was heißt das für den einzelnen, für die Gemeinde, für Gruppen und Verbände?

Ein Arbeiter hat zu mir gesagt: „Wenn ich in die Kirche komme, dann finde ich mein Leben nicht wieder in dem, was da gesprochen wird.“ Das ist eine Anfrage an uns alle. Trennen wir nicht zwischen Kirche und Leben, beschränken wir uns nicht auf unsere engen eigenen Interessen und Sorgen? Kirche und Arbeiterschaft – das heißt sicher, daß wir uns für die soziale Frage und für neue Wege der Arbeiterpastoral aufschließen müssen. Aber es heißt noch mehr, daß wir selber anders werden müssen.

Sicher, auch die Jugendlichen, die Frauen, die Intellektuellen, die Unternehmer und der Mittelstand finden weithin ihr Leben und ihre Fragen nicht in unseren Gemein­den wieder. Ich bin überzeugt: Wenn die Arbeiterschaft ihr eigenes Leben in der Kirche wiederfände, dann ergäbe sich auch für die anderen Spannungsfelder zwischen Kirche und Gesellschaft leichter ein Ansatz.

Lassen Sie mich einfach einmal sieben Fragen an uns stellen. Sie sollten – das wünsche ich mir – in die Arbeit eines jeden Pfarrgemeinderates, einer jeden Gruppe, eines jeden Verbandes aufgenommen werden.

1. Sind wir brüderliche Gemeinde? Oder geht durch unsere Gemeinde ein Riß zwischen denen, die viel haben, und denen, die wenig haben? Ist beinahe nur eine Schicht und Gruppe unserer Gemeinde in der Kirche und im kirchlichen Leben anzutreffen? Sind uns Besitz und Karriere ein Vorrecht, das uns gegen die anderen verschließt? Und wenn wir „sozial“ sind, wenn wir hergeben und teilen, geschieht das dann in der Gebärde dessen, der sich herablässt, der ein Almosen gibt, oder sind wir wirklich Brüder und Schwestern füreinander? Brüderliche Gemeinde: Wie haben wir und wie geben wir?

2. Sind wir missionarische Gemeinde? Ich denke da nicht nur an den Einsatz für die Kirchen in der Dritten Welt, ich denke da an die Leidenschaft für jene, die am Rande stehen, die nicht mitmachen. Kennen wir ihre Lebensverhältnisse? Wissen wir, warum sie sich zurückziehen? Sind wir eine Einladung für die anderen? Gehen wir auf unseren Nächsten zu, auch wenn er anders ist? Missionarische Gemeinde: Wie geben wir uns, wie „sind“ wir zu unseren Nächsten?

3. Sind wir geistliche Gemeinde? Ist unser Glaube die Quelle unseres Lebens? Sprechen wir auch zueinander von unserem Glau­ben? Sprechen wir von unserem Glauben so, daß das Leben drinnen ist, von unserem Leben so, daß der Glaube drinnen ist? Gerade das ist entscheidend auch für die Frage „Kirche und Arbeiterschaft“. Ich muß gestehen: Erfahrungen von Arbeitern mit dem Glauben, Zeug­nisse aus ihrem Leben haben mich mehr lernen lassen als manches gelehrte Wort. Geistliche Gemeinde: Wie leben und bezeugen wir den Glauben?

4. Sind wir alle wahrhaft ein Leib? Ein Leib mit vielen Gliedern, und wenn die anderen leiden, leiden wir dann mit? Sind wir betroffen, wenn in unserer Region Hunderte von Arbeitern ihren Arbeitsplatz verlieren und auf der Straße stehen? Der Papst sagte in Mainz, daß die Arbeiter nicht die allein Leidtragenden sein dürfen, wenn wirt­schaftliche Umschichtungen notwendig sind. Wir alle sind danach gefragt, was wir tun, um Krisen und Nöte aufzufangen. Aber nicht nur die Krisen und Nöte, die ins Auge springen, sondern auch jene unscheinbaren, die oft verschämt verschwiegen werden, die aber das Mittun in der Gemeinde schwermachen. Denken wir auch daran, daß gerade Aus- [28] länder unter den anderen Lebensbedingungen hier leiden und oft isoliert sind? Ein Leib: Wie leiden wir, leiden wir mit, helfen wir?

5. Ist unsere Gemeinde Haus Gottes? Eine vielleicht sonderbare Frage. Ja, es genügt nicht, daß wir ein Gotteshaus haben. Noch wichtiger ist, daß wir eines sind. Und wir sind nur dann Haus Gottes, wenn wir Haus für die Menschen sind. Also Heimat, die bergend und einladend ist. Haus, in dem die Türen offenstehen und doch kein Durchzug ist. Doch wie soll das geschehen? Indem wir offene Häuser haben füreinander. Der andere muß sich bei uns wohlfühlen können. Haus Gottes: Wie wohnen wir? Ist der andere uns so willkommen wie Christus selbst?

6. Sind wir eine - im Sinn des Apostels Paulus – prophetische Gemeinde? Denken und reden wir so, daß etwas vom Geist Gottes, von der Weisheit Gottes drinnen ist? Kennen wir die Gaben, die der andere im Herzen und im Leben trägt? Sind wir beispielsweise bereit, von den Arbeitern jene Werte zu lernen, die gerade sie uns vorleben: Solidarität, Kameradschaft, Blick für die Wirklichkeit, Tapferkeit in schweren Situationen? Weisheit des Lebens ist etwas anderes als äußere Bildung. Wenn wir damit ernst machen, dann kann es eigentlich nicht mehr geschehen, daß Arbeiter und Ausländer sagen: In diesem Pfarrgemeinderat, in dieser Gemeinde habe ich nichts einzubringen, nichts zu vermelden. Prophetische Gemeinde: Wie sehen wir die Dinge und reden wir über die Dinge?

7. Ist unsere Gemeinde ein lebendiges Netz? Jenes Netz Gottes, von dem der Papst so eindrucksvoll in Köln gesprochen hat, in dem wir alle miteinander verknüpft sind durch die Freundschaft mit Christus? Sind wir Freunde zueinander, geht die Beziehung zueinan­der über den Kirchgang und das Pfarrfest hinaus? Freunde nicht im Sinn eines Klüngels, nicht nur in einer eng begrenzten Schicht, sondern eben so, daß die ganze Gemeinde mehr und mehr zum Netz wird? Netz Gottes: Wem sind wir Freund, wie sind wir Freund?

Liebe Schwestern und Brüder, ich weiß, der Anspruch ist groß. Aber mit kleinen Schritten fängt es an, mit Schritten, die wir alle setzen können. Diese kleinen Schritte sind wesentlich, damit Kirche nicht jene Brücke hoch und fern über dem Tal ist, sondern der Weg Jesu, der mitten durch das Leben führt hin zu den Menschen. Wenn wir miteinander und zueinander diesen seinen Weg gehen, dann ist Er in unserer Mitte und sein Segen wird uns geleiten. Amen.

Aachen, im Februar 1981

+ Klaus

Bischof von Aachen

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