Fastenhirtenbrief 1988


[1] Liebe Schwestern und Brüder!

Es war vor einigen Monaten während einem Gemeindebesuch. Ich erzählte bei der Kindersegnung vom heiligen Martin, wie er im Soldatenmantel auf die Tore einer Stadt zuritt, einen nackten Bettler sah, mit seinem Schwert den Mantel teilte und die Hälfte dem Fremden zuwarf.

An dieser Stelle unterbrach mich der Zuruf eines Kindes: „Der Bettler, das war Gott!“ Und sofort meldete sich eine zweite Stimme: „Das hat Martin aber gut gemacht!“ Ich fragte zurück: „Warum?“ Und erhielt die Antwort: „Sonst wäre Gott erfroren.“

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht lächeln wir jetzt. Aber ist das im Grunde nicht unheimlich ernst: Wenn wir nicht teilen, erfriert Gott?

Sicher, man kann einwenden, Gott könne nicht frieren und erfrieren, sein menschgewordener Sohn sei aufgrund der Auferste­hung nicht mehr leidensfähig. Aber er wird uns einmal daran erinnern, daß wir das, was wir seinen geringsten Schwestern und Brüdern nicht getan oder getan haben, ihm selbst nicht getan oder getan haben (vgl. Mt 25,40 und 46). Gott selbst bittet in unseren Schwestern und Brüdern für sich selbst um Erbarmen.

[2] Deswegen ist ja der Sohn Gottes Mensch geworden, weil er unser Leben, unsere Not teilen wollte, um so sein Leben, seine Liebe mit uns zu teilen. Nur wenn wir bereit sind zu teilen, sind wir fähig, Gottes Leben und Gottes Liebe zu empfangen.

Miteinander teilen, das ist kein moralischer Zusatz zum harten Kern des Glaubens, sondern der Ernstfall des Glaubens. Und Teilen betrifft nicht nur die Notsituationen, wo es nicht anders geht, sondern Teilen will immer und überall der Lebensstil von uns Christen sein. Denn Teilen ist der Lebensstil und die Lebensart Gottes. Im feierlichsten Augenblick seines Lebens, bei seinem Gebet vor dem Leiden, spricht Jesus zum Vater: „Alles, was dein ist, ist mein, und was mein ist, ist dein“ (Joh 17,10). Gott ist kein einsamer Gott, sondern dreifaltige Liebe, Gemeinschaft, Geben und Nehmen. Darum „erfriert“ unter uns dieser Gott, darum verlieren wir das Licht und die Wärme seiner Gegenwart, wenn wir nicht teilen.

Liebe Schwestern und Brüder, als ich diesen Fastenhirtenbrief vorbereitete, zogen an mir viele Bilder vorbei. Ich dachte an auslän­dische Asylbewerber, die ich während der Regionaltage 1987 an verschiedenen Orten unseres Bistums getroffen habe. Ich dachte an Arbeitslose, an ältere, die fürchten, ganz aus dem Arbeitsprozeß draußen zu sein, an jüngere, die fürchten, gar nicht in ihn hineinzu­kommen. Ich dachte an Menschen, die – etwa im Umkreis bedrohter Standorte von Kohle und Stahl – in Sorge sind, wie es mit den Arbeits­- und Lebensbedingungen in ein paar Jahren aussehen wird, an andere aus den Braunkohleabbaubezirken, die in Ungewißheit sind über ihre persönliche und gemeinschaftliche Zukunft. Ich dachte auch an Pfarrgemeinden, die wissen: Bald werden wir von lieben Gewohnheiten abrücken und priesterlichen Dienst noch weit mehr als bislang mit anderen Gemeinden teilen müssen. Ich dachte an Bischöfe aus anderen Regionen der Weltkirche, die auf unsere geistige und materielle Solidarität in einem Ausmaß angewiesen sind, wie wir es uns kaum vorstellen können. Bei all diesen Menschen und Situationen aber kam mir immer wieder die Kinderantwort in den Sinn: Hätte Martin den Mantel nicht geteilt, so wäre Gott erfroren.

Ich weiß, allein mit dem guten Willen und der großzügigen Bereitschaft einzelner zum Teilen sind die Probleme der Welt nicht zu lösen. Aber wir werden Licht und Mut zu den fälligen Lösungen finden, wenn jeder einzelne bei sich selbst anfängt und umkehrt zu Gottes Lebensstil. Eine neue Mentalität des Teilens, eine neue Solidarität auf allen Feldern sind gefragt.

Deswegen sind auch bescheidene Ansätze schon wichtig. Ich erinnere an Misereor, das nicht nur eine Spendenaktion ist, sondern der Einstieg in eine Lebensform weltweiten Teilens. Ich erinnere an unsere Missionswerke und an Adveniat, wo es wieder­um in der materiellen Hilfe und darüber hinaus um mehr geht: ums Teilen von Glaube und Leben. Ich erinnere an Gruppen und Kreise in unseren Gemeinden, die Erfahrungen im Kleinen und Konkreten machen, wie das geht: Glauben einander bezeugen, Lasten miteinan­der tragen, solidarisch sein mit denen, die an den Rand geraten. Ich erinnere an Arbeitsloseninitiativen, an pastorale Mitarbeiter, die durch teilweisen Gehaltsverzicht oder auf anderen entsprechenden Wegen sich verpflichten auf einen dem Evangelium gemäßeren und solidarischeren Lebensstil.

Liebe Schwestern und Brüder, müßte aus all diesen Beispielen und Ansätzen nicht etwas entstehen wie eine Bewegung, die das Gesicht des Bistums und unserer Kirche im ganzen prägt? Ich habe eine Bitte an Sie. Setzen Sie sich während dieser Fastenzeit zusam­men, im Pfarrgemeinderat, in Ihren Gruppen und Kreisen, in Verbän­den und geistlichen Gemeinschaften, mit Ihrer Familie und Ihren Arbeitskollegen, und denken Sie auch ganz persönlich darüber nach: Was heißt das für uns, für mich? Wo liegt für uns, für mich der Einstieg, um Brot zu teilen, Not zu teilen, Arbeit zu teilen, Leben zu teilen, Glauben zu teilen?

Gott soll unter uns nicht erfrieren. Er lebt, aber wir sterben, wenn Er nicht unter uns lebt. Fangen wir an zu teilen. Unser Martins­mantel ist groß genug, um viele zu kleiden.

Ihr Bischof

+ Klaus


  Oben