Fastenhirtenbrief 1990


[39]Liebe Schwestern und Brüder!

Diesen Brief richte ich an jene, die ihn nicht hören oder lesen. Täuschen wir uns nicht darüber hinweg, das sind die meisten. Aber wie soll dieser Brief die Nichthörer und Nichtleser erreichen? Liebe Schwestern und Brüder, durch Sie! Ja, Sie selbst sind Christi Brief an unsere Welt. Der Apostel Paulus bringt uns auf diese Spur. Er schreibt an die Gemeinde von Korinth: „Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern - wie auf Tafeln - in Herzen von Fleisch" (2 Kor 3,3).

Oft gehen wir davon aus, daß es eine bestimmte Gruppe von Menschen gibt, die dafür angestellt seien, daß das Evangelium unter die Leute kommt: Priester, Diakone, Laien im pastoralen Dienst. Doch in der Sicht des Evangeliums ist das anders: Wir alle sind Zeugen. Wenn Gott uns die Botschaft seiner Liebe, die unserem Leben Sinn und Licht gibt, anvertraut, dann können wir diese Liebe und diese Botschaft nicht für uns behalten. Es liegt an uns, daß sie alle erreichen. Wir, wir alle und wir je einzeln, sind der Brief Christi an die Welt.

Das ist in der Mitte unseres Glaubens verankert. Gott hat uns seinen Sohn gesandt, sein Sohn ist für uns Mensch geworden. Wer auf Jesus Christus schaut, der kann in ihm Gott selber lesen. Wer wissen will, wie Gott ist, der muß auf Jesus schauen. Doch in diesem Antlitz Jesu kann er auch sich selber lesen. Er kann sehen, wer er selber ist. Denn Jesus hat unsere Wirklichkeit angenommen. Er ist einer geworden wie wir. Er hat sogar unsere Schuld und unseren Tod getragen. Doch wir finden nicht nur uns persönlich in ihm, sondern jeden Menschen. Er hat aller Schicksal zu seinem eigenen gemacht. Was wir unseren geringsten Schwestern und Brüdern getan haben, das haben wir ihm getan. Und in ihm finden wir das Antlitz eines jeden wieder. So ist Jesus Christus selbst der Brief, in welchem wir Gott, uns selbst und unsere Nächsten und Fernsten finden und lesen können.

Dann aber ist es folgerichtig, daß Jesus in uns, in unserem Leben und Handeln sich den anderen mitteilen will. Wir sind der Brief Christi.

[40] Liebe Schwestern und Brüder! Wie geht das: lesbarer, überzeu­gender Brief Christi werden? Dreierlei ist dazu erforderlich.

Zum ersten: Gottes Wort muß zum Text unseres Lebens werden. Dieses Wort ist nicht nur Trostpflaster für schwierige Situationen oder unverbindliches Diskussionsangebot. Vielmehr will Gottes Wort Maß, Kraft und Inhalt unseres Lebens werden. Unser eigenes Leben aus dem Evangelium buchstabieren, selber die Erfahrung machen, daß wir neu werden, wenn wir Gottes Wort wörtlich nehmen: darauf kommt es an.

Zum zweiten: Die Sprache, in der Gottes Wort sich den Menschen verständlich macht, ist unser Leben. Wir müssen unsere eigenen Erfahrungen, unsere eigenen Hoffnungen und Nöte neu entdecken. Die Trennung von Glauben und Leben entwertet beide. Sprechen wir miteinander über den Glauben, sprechen wir miteinander über unser Leben. Nur wo das geschieht, hat der Glaube Sauerstoff, so daß er nicht erstickt. In unserem Leben soll mehr zu finden sein als ein bißchen Glück oder Frust. Etwas von unserer Hoffnung, etwas von dem, was uns trägt und hält, etwas von dem, was uns ja sagen läßt zu uns selbst und zu den anderen, soll sichtbar, hörbar, betastbar werden in uns.

Zum dritten: Wir sind Christi Brief an die anderen nur, wenn auch sie Christi Brief an uns sind. Nicht weil wir so gut sind, nicht weil wir alles hätten oder wüßten, sind wir Brief Christi an die anderen. Brief Christi sind wir, wenn andere sich selbst in uns finden. Wenn sie spüren: da macht sich jemand eins mit uns, da teilt jemand unser Leben. Dazu gehört, daß wir die Werte, die Erfahrun­gen, die Kostbarkeiten beim anderen genauso ernst nehmen wie seine Lasten, Fragen und Sorgen. Gottes Geist hat, wer das Göttliche im anderen entdeckt.

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht erstaunt Sie dieser Brief. Ich habe im letzten Jahr mit meinem Fastenhirtenbrief einen Gesprächsprozeß angestoßen über die Zukunft der Gemeinden im Bistum Aachen. Weit über 500 Antwortbriefe, ungezählte Gespräche innerhalb und außerhalb der regionalen Klausurtagungen des letz­ten Jahres zeigen: dieser Gesprächsprozeß muß weitergehen. Wechsle ich jetzt das Thema? Keineswegs. Es geht uns um die Weggemeinschaft in und zwischen den Gemeinden. Es braucht mehr Zusammenarbeit, mehr gegenseitiges Annehmen und Ernstnehmen - und das erfordert nicht nur innere Umkehr, sondern auch praktische Konsequenzen. Aber mit einer bloßen Umorganisation ist es nicht getan. Weg­gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Sie will nach dem Beispiel Jesu Weggemeinschaft mit allen Menschen werden. Darum habe ich auch im letztjährigen Fastenhirtenbrief als erste Frage die nach der missionarischen Gemeinde gestellt. Gehen wir mutig über den Kreis der Sonntagskirchgänger und der gemeindlich Aktiven hinaus, um auch andere in unser Gespräch mit einzubeziehen.

Wir alle sind ein Brief Christi. Sein Text ist Gottes Wort. Seine Sprache ist unser Leben. Und wir sollen Antwortbrief sein auf das, was die anderen uns zu sagen und zu schenken haben. Mein konkreter Vorschlag: Tun Sie sich zusammen, in den Räten und Verbänden, aber auch in spontanen Gruppen und Kreisen und sprechen Sie über Gottes Wort, über ihr Leben und über das Leben der anderen. Fragen Sie sich dabei: Ist Er unter uns da? Er ist dort, wo wir einander in Seiner Liebe annehmen und ernst nehmen. Sind wir da? Wir mit der Wirklichkeit unseres Lebens, wir mit unseren Erfahrungen? Sind die anderen da? Jene, die anders denken oder andere Interessen haben, mit ihren Sorgen und Nöten, mit ihrem Leben? Geht es uns wirklich um sie?

So werden wir wahrhaft ein einladender und glaubwürdiger Brief Christi. Dazu erbitte ich uns allen Seinen Geist.

Ihr Bischof

+ Klaus

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