Fastenhirtenbrief 1991


[4] Liebe Schwestern und Brüder!

Glaubt an das Evangelium, glaubt an die frohe Botschaft! Uns allen, jeder und jedem gilt dieser Anruf Jesu. Und wir alle, jede und jeder, sollen sein Brief sein, der den anderen die frohe Botschaft nahebringt. In meinem letzten Fastenhirtenbrief sprach ich davon.

Ein mit dem Graustift der Resignation und Verdrossenheit ge­schriebener Brief freilich hätte nicht die Chance, zu überzeugen, daß er eine frohe Botschaft enthält. Frohe Botschaft braucht frohe Zeugen.

Es ist jedoch keineswegs leicht, immer ein froher Zeuge zu sein. Ich spüre das an mir selbst. Wir können nicht an belastenden Tatbeständen vorbeigehen und vorbeisehen; ich nenne beispielswei­se die wachsende Entfremdung zwischen allgemeinem Denken und Empfinden einerseits und kirchlichem Sprechen und Handeln ande­rerseits, Kommunikationsschwierigkeiten in der Weltkirche und in der Ortskirche, Erfahrungen der Vergeblichkeit eigenen Tuns, Über­forderung derer, die zu Mitarbeit und Dienst in der Kirche bereit sind, persönliche Nöte und Spannungen, in die nicht wenige bei ihrem Bemühen um ein Leben nach dem Maßstab des Glaubens hineinge­raten. Um so dankbarer bin ich, daß ich immer wieder vielen begegne, die trotz aller Bedrängnisse frohes Zeugnis für die frohe Botschaft geben.

Ich sehe allerdings ebenso deutlich, daß sich eine Grundstim­mung von Resignation und Enttäuschung ausbreitet. Es liegt mir ferne, die Anlässe zu verharmlosen, die in unserer belastenden Situation liegen. Doch ich muß zugleich erinnern, daß Jesus uns eine Freude verheißen hat, die niemand wegnehmen kann, weil sie im Ostergeschehen begründet ist (vgl. Joh 16,22): Er hat schon alle unsere Lasten angenommen, getragen und verwandelt. Er lebt, und er geht mit uns.

Warum hat es diese frohe Botschaft so schwer, in uns die Freude zu wirken und zu wahren? Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zur Überzeugung gekommen: Ein Schritt ist vom Evangelium und von der Situation her besonders fällig, für die einzelnen wie für unser Bistum im ganzen. Frohe Zeugen der frohen Botschaft zu sein, kann uns nur gelingen, wenn wir ein versöhntes Herz haben. Uns mitein­ander versöhnen, uns gegenseitig annehmen, das soll eine Priorität für unseren weiteren Weg haben. Warum? Weil es die Priorität Jesu selber ist. Ich habe im ganzen Evangelium nur zwei Prioritätssetzungen Jesu für unser Handeln angetroffen. Er sagt zum einen, daß wir zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen sollen; alles andere wird uns dann hinzugegeben (vgl. Mt 6,33). Hier geht es um die Relativierung der eigenen Sorgen, um das restlose Vertrauen zum Vater, der uns liebt. Und dann die andere Priorität, eben die des versöhnten Herzens: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.“ (Mt 5,23f).

Beide Prioritäten hängen innerlich miteinander zusammen. Wenn wir Gott wirklich zutrauen, daß er Sorge für uns trägt, daß er uns liebt, daß sein Ja stärker ist als die Verhältnisse, dann brauchen wir uns nicht an uns selber anzuklammern: wir sind mit uns selbst versöhnt. Und, mit uns selbst versöhnt, sind wir frei für die Nächsten. Wir verstehen: Gott nimmt mich und meinen Nächsten in gleicher Weise an. Und deshalb kann dieser Gott nicht durch einen von der Liebe zu den Nächsten abgehobenen Gottesdienst geehrt werden. Vielmehr soll Gottesdienst der Ausdruck dafür [5] sein, daß Gottes Liebe bei uns „angekommen“ ist – und Gottes Liebe kommt nur an, wenn wir sie den anderen weitergeben.

Ist es aber – so könnte man einwenden – in der Tat so dringend, auf diesen Aspekt des Evangeliums in unserer Situation hinzuwei­sen? Sachliche Auseinandersetzung, unterschiedliche Standpunk­te, das hat doch nichts mit Feindschaft zu tun! Gewiß nicht, und ich rede keineswegs dem das Wort, Unterschiede zu verleugnen und nicht auszutragen. Doch wie oft bleibt entweder Verletzung oder Einsamkeit zurück; wie oft kommt es zu Vorurteilen und Etikettie­rungen, die das innere Frohsein bei den anderen wie bei uns selbst blockieren und trüben. Bitterkeit und Resignation haben nicht selten hier ihren Nährboden. Nur im Dreiklang der Versöhnung mit dem Nächsten, der Versöhnung mit uns selbst und der Versöhnung mit Gott kann unser Leben froh werden und kann Freude von uns ausgehen.

Für viele hat sich das Wort „Weggemeinschaft“ abgenützt, sie hören es nicht mehr gerne. Ich bedauere das, aber in der Tat wird „Weggemeinschaft“ entweder zur Phrase oder zum Trick, wo nicht die Wirklichkeit der gegenseitigen Annahme, des versöhnten Miteinan­der dahintersteht.

Wir leben in einem bewegenden Augenblick der Weltgeschichte, und gerade jetzt liegt eine besondere Zeugnispflicht auf uns als Christen, auf uns als Kirche. So möchte ich Ihnen ein Wort wieder­holen, das ich in meinem Brief „Unterwegs zur einen Welt“ vor einem halben Jahr geschrieben habe: „Diskussionen, Planungen und Ak­tionen müssen sein, aber sie genügen nicht. Wir werden die Kraft, fällige Erneuerungen und Veränderungen in Gesellschaft und Kirche zu erreichen, nur dann gewinnen, wenn wir aus jener Einheit leben und unser Leben und Denken nähren, die Vater und Sohn im Heiligen Geist leben. Das mag fremdartig klingen. Doch das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche als das ‚aus der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes geeinte Volk‘ bezeichnet (vgl. LG IV). Dieses Wort stammt vom heiligen Cyprian, einem Märtyrer­bischof des dritten Jahrhunderts. Er hielt seiner Gemeinde vor Augen, daß gegenseitige Versöhnung, Ernstnehmen des je anderen, gegenseitige Liebe, wie Vater und Sohn im Geist sich lieben, das Entscheidende sind. Er ging so weit zu sagen, daß nicht einmal der Märtyrertod die mangelnde Bereitschaft zur Versöhnung miteinan­der aufwiegen könnte. Die Neuheit und Andersheit unseres Gottes­bildes, unseres Glaubens an den, der in sich Liebe und Gemeinschaft ist, kann uns allein das Maß und die Kraft geben, daß wir uns nicht im äußeren Umtrieb erschöpfen, sondern der Welt das bezeugen, was wir von unserem christlichen Auftrag her ihr schulden.“

Liebe Schwestern und Brüder, nur als versöhnte Menschen werden wir frohe Zeugen der Frohen Botschaft sein, nur in Zellen versöhnten Lebens werden wir Kirche und Gesellschaft erneuern helfen. Tun wir diesen Schritt aufeinander zu, fangen wir neu miteinander und mit dem Herrn in unserer Mitte an.

 

Ihr Bischof

+ Klaus

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