Fastenhirtenbrief 1992


[42] Liebe Schwestern und Brüder!

Ich frage Sie persönlich: Woraus leben Sie?

Aus Ihren Erwartungen und Hoffnungen? Aus kostbaren Erinne­rungen? Aus Idealen, die Sie sich in Ihrer Jugend angeeignet haben?

Jesus sagt uns: „Nicht nur vom Brot lebt der Mensch." Und er will damit hinführen zu einer Quelle des Lebens, die nie versiegt: zum Wort Gottes.

Diese Quelle scheint weit entfernt, sie ist oft wie verschüttet. Aber das stimmt nicht. Ich will Ihnen von einer ganz anderen Erfahrung berichten, die ich während des vergangenen Jahres in unserem Bistum machte.

Einige von Ihnen erinnern sich: 1989 stieß ich in meinem Fastenhirtenbrief einen Gesprächsprozeß über die Frage an, wie es weitergehen kann mit der Seelsorge in unserem Bistum. Über 500 Briefe zeigten mir, wieviel Hunger nach Dialog im Bistum lebt. Daraus sind Regionaltage erwachsen, die ich jährlich mit Priestern, Diakonen und Laien aus pastoralen Berufen, aber auch mit Mitarbei­tern aus Gemeinden und Verbänden hielt. Ermutigende Offenheit, aber auch Schwierigkeiten und Enttäuschungen begegneten mir. Wir sind noch immer mit unserem Gesprächsprozeß erst am Anfang. Doch im Jahr 1991 trat wie von selbst bei mehreren Regionaltagen in den Vordergrund die Frage nach den Quellen, aus [43] denen wir als Christen leben und auch zur Erneuerung der Kirche beitragen können.

Ich habe zuvor noch kaum einmal so viele Menschen im Bistum so unbefangen miteinander über den Glauben reden hören. Ich denke etwa an eine Gruppe Kranker, die sich durch das Leben mit der Bibel angestoßen fanden, einen Kontaktkreis mit Asylbewerbern zu bilden. Ich denke an die Frau aus einem Pfarrgemeinderat, die beim Bibelgespräch gepackt wurde von der Gottesvision des Propheten Elija - er fand Gott nicht in Sturm, Feuer oder Erdbeben, sondern im leisen Windhauch; und sie entdeckte Gottes leises und stilles Wirken auch in ihrer eigenen Gemeinde mit all dem, was da mühselig und schwerfällig läuft. Ich denke an ein Gespräch, bei dem Priester und Laien einander ohne Scheu sagen konnten, woraus sie leben und wie sie zu beten versuchen. Im Plenum eines der Regionaltage stellte ich angesichts der vernommenen Zeugnisse fest: „In diesem Saal, unter diesen 150 oder 200 Leuten ist soviel gelebter Glaube, soviel gelebtes Wort Gottes, daß davon eine ganze Region leben kann."

Liebe Schwestern und Brüder, ich bin überzeugt: In unserem Bistum insgesamt und in jeder Gemeinde, in jedem Verband lebt soviel Glaube, soviel Wort Gottes, daß wir alle davon leben können. Es kommt nur darauf an, daß dieses Wort sichtbar und hörbar wird. Und es kann nicht sichtbar und hörbar werden, wenn wir es uns nicht einander schenken.

Über die Konfessionsgrenzen hinweg soll für die Christen in unserem Land 1992 ein „Jahr mit der Bibel" werden. Es soll helfen, die Bibel besser kennenzulernen und Wege eines verantworteten Umgangs mit der Heiligen Schrift einzuüben. In diesem Zusammen­hang haben mir die Regionaltage 1991 einen Weg gezeigt, auf den ich Sie alle einladen will, auch jene, die sich mit der Bibel schwertun, die da ihre Zweifel und Fragen haben, oder die nicht gewohnt sind, über fromme oder gar über theologische Dinge zu reden. Teilnehmer von Gruppengesprächen auf den genannten Regionaltagen sagten mir: „Dies ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich über meinen Glauben spreche." Und es ging. Warum ging es? Die Partner fühlten sich gegenseitig angenommen, ermutigt, das auszusprechen, was in ihnen war. Es ging dabei nicht um hohe Theorien, sondern einfach um die Frage: Woraus lebe ich? Woraus lebst du? Und es wurde überzeugend sichtbar: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein."

Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Stellen Sie sich persönlich und in den Zusammenkünften und Beratungen von Gruppen, Verbän­den, Pfarrgemeinderäten, aber ruhig auch einmal im Freundes- oder Familienkreis während der Fastenzeit die Frage: Woraus lebe ich? Woraus leben wir? Grundlage dafür kann das Evangelium des 1. Fastensonntags sein, das ich schon erwähnt habe. Aber Sie können auch bei anderen Worten der Schrift oder bei konkreten Erfahrungen und Erlebnissen aus Ihrem Lebensumkreis ansetzen.

Sprechen Sie dabei nicht über Probleme, die wir zu lösen haben, sondern wirklich darüber, wie Sie leben und was damit der Glaube und das Wort Gottes zu tun haben. Ich bin mir dessen sicher, daß dies uns nicht von unseren Sachaufgaben ablenkt, sondern uns befähigt, sie in einem neuen Klima und mit einer neuen Offenheit anzupacken.

Teilen Sie miteinander, teilen Sie auch mit mir die Erfahrung, die Sie auf diesem Weg machen: Woraus lebe ich? Woraus leben wir? So werden wir feststellen, welche ungeahnten Schätze in unserem Leben und in unserer Gemeinschaft verborgen sind, und wir und viele werden davon leben können.

Mit Ihnen verbunden im Bemühen, aus Gottes Wort zu leben und Leben mitzuteilen, grüße und segne ich Sie

 

Ihr Bischof

+ Klaus


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