Fastenhirtenbrief 1993


[37] Liebe Schwestern und Brüder!

An einer Hauptschule in sozial spannungsreichem Umfeld ergriff die Christliche Arbeiterjugend unseres Bistums eine ungewöhnliche Initiative. Sie lud die Schüler zu einem Wettbewerb ein. Es ging um selbstentworfene Lieder und Texte ohne inhaltliche Vorgabe. Das Interesse war groß. Nahezu 170 Jugendliche beteiligten sich, 41 Textbeiträge und 5 Lieder entstanden. Hauptthema war die Stellung­nahme gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Bevorzugte Werte waren Friede, Annahme, Offenheit, Geborgenheit.

Ich war von diesem Ergebnis überrascht. Was drückt sich in ihm aus? Wir hören doch von vielen, die mit jungen Menschen zu tun haben, das Gegenteil: Die Zahl derer, die Waffen und Werkzeuge für Gewaltanwendung bei sich tragen, wächst. Die Hemmschwelle, sich dieser Mittel zu bedienen, wird niedriger. Zwei sich widersprechende Bilder also. Und doch hängen sie zusammen. Wo die Kraft zur Gestaltung nicht zum Zuge kommt, wird sie zum Potential der Gewalt. Wo Jugendliche keine Annahme erfahren, da wollen sie auf sich aufmerksam machen; die Töne werden laut und schrill.

Sicher, es gab in der jüngeren Geschichte Augenblicke, in denen die Spannung zwischen den Generationen dramatischer war als heute. Wir lassen junge Leute gewähren, wir tolerieren sie. Aber interessieren wir uns für sie und für ihre Werte, für ihre Erfahrungen und Träume? Ist uns wichtig, was sie denken, fühlen, wollen? Oder wollen wir unsere Ruhe haben? Empfinden wir sie insgeheim als Störfaktor für unsere eigenen Pläne und Aktivitäten? Wollen wir lieber nur unter uns bleiben als mit ihnen sein?

Es geht gewiß nicht darum, junge Menschen zu gängeln. Wohl aber darum, sie ernstzunehmen. Und dazu gehört ein Dreifaches: sie annehmen - ihnen Raum geben - ihnen Zeugnis geben.

Zuerst also: sie annehmen, wie sie sind. Das ist etwas anderes als zu allem Ja und Amen sagen, was sie äußern. Aber wir dürfen es auch nicht mit dem Verweis auf frühere Zeiten oder eigene Erfahrungen totschlagen. Kommen lassen, vom anderen her sehen und denken lernen, sich überraschen lassen, sich beschenken lassen, sich herausfordern lassen. Und das Ja zu ihrer Person kann durch nichts in Frage gestellt werden. Auch und gerade bei notwendigem Streit muß das fühlbar bleiben.

Mit dem Annehmen ist das Zweite verbunden - wir sprachen schon davon: Räume eröffnen für Gestaltung und Mitwirkung. Wer keine Chance hat, sich darzustellen, ist ausgegrenzt von unserem Leben, hat nicht teil an ihm.

[38] Wer aber andere ernst nimmt, ihnen Raum gibt, der kommt nicht darum herum, auch selber Farbe zu bekennen. Er muß Zeugnis geben. Junge Menschen interessieren sich mit kritischer Aufmerk­samkeit, ob unser Reden und Leben übereinstimmen; ob wir bereit sind, Fehler, Irrtümer und Schwächen einzugestehen; ob wir Quellen haben, aus denen wir leben; ob wir fähig und willens sind, umzukeh­ren und neu anzufangen.

Umkehren und neu anfangen, dazu gehört, daß wir ein neues Verhältnis zu den jungen Menschen finden. Von Johannes dem Täufer, dem Wegbereiter Jesu, heißt es im Evangelium, er sei gekommen, um das Herz der Väter und Mütter den Söhnen und Töchtern zuzuwenden (vgl. Lk 1,17; Mal 3,24). Wir bereiten dem Herrn den Weg, indem wir unsere Herzen der kommenden Genera­tion zuwenden. Wir wollen ihr eine Welt überlassen, in der sie zusammen mit allen leben kann; eine Schöpfung, die nicht von uns ausgeraubt ist; eine Kirche, in der sie Heimat findet; einen Glauben, in dem sie Frohe Botschaft erkennt.

Liebe Schwestern und Brüder! Früher gab es „gute Vorsätze" für die österliche Bußzeit. Warum nicht auch heute? Das wäre ein guter Vorsatz: Jede und jeder von uns achtet auf die Menschen der anderen Generation in seinem Umkreis. Wir lassen unsere Vorurteile und schlechten Erfahrungen beiseite, wir gehen aufeinander zu. Wir ziehen uns nicht zurück, wenn wir auf Ablehnung oder Desinteresse stoßen. Wir bleiben innerlich im Takt: Annehmen - Raum geben - Zeugnis geben.

Ich lade uns alle ein in die Weggemeinschaft der Generationen im Bistum Aachen.

 

Ihr Bischof

+ Klaus

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