Fastenhirtenbrief 1982


[13] Liebe Schwester, lieber Bruder!

Ja, Sie haben recht gehört − die Anrede lautet heute anders, als Sie es von Hirtenbriefen sonst gewohnt sind. Ich möchte Sie ganz persönlich ansprechen, in Ihren Lebensumständen, in Ihren Sorgen und Hoffnungen, über die Sie vielleicht kaum mit jemand reden. Denn genau dahinein sagt Jesus das Wort, das wir soeben gehört haben: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15).

Ich weiß, das klingt sehr allgemein, es ist anscheinend weit weg von dem, was uns hier und jetzt bedrängt. Aber wenn wir ein wenig tiefer miteinander hineinhorchen, dann werden wir das Gegenteil entdecken. Machen wir einmal den Versuch. Viele Stimmen um uns und vielleicht auch in uns sagen heute etwa folgende Botschaft: „Es steht nicht gut mit der Zeit, sie ist wie ein Zug, der unumkehrbar in eine schwierige, ja schier aussichtslose Zukunft rast. Unsere Hoff­nungen haben sich nicht erfüllt. Eine Lösung, wie alles noch gut werden kann mit dieser Menschheit und dieser Gesellschaft, zeigt sich nicht. Gott ist fern. Von Grund auf ändern lassen sich die Verhältnisse nicht. Umkehr täte not − aber wohin können wir umkehren? Frohe Botschaft ist das bestimmt nicht, aber wir müssen Realisten sein. Die Zeichen stehen auf Sturm.“

Vielleicht stimmen wir einer solchen Beurteilung nicht ganz zu; aber es muß uns doch zu denken geben, wenn Ende 1981 nur noch ein knappes Drittel unserer Bevölkerung mehr Hoffnungen als Befürchtungen für das Jahr 1982 hatte. Und wenn wir einmal von der Weltlage im großen absehen und in unser eigenes Land hineinschauen, wie steht es dann? Vielleicht haben wir keine Sorge um den Arbeitsplatz − vielleicht schüttelt uns diese Sorge. Vielleicht haben wir eine Familie und einen Beruf, die uns erfüllen − vielleicht stehen wir da ratlos und sind in Bedrückung und Bedrängnis. Vielleicht läßt das, was wir erreicht haben, uns hoffen − vielleicht sind alle unsere Hoffnungen und Träume uns wie Sand durch die Finger geronnen. Vielleicht wissen wir uns nicht zu retten vor Streß und Terminen − vielleicht gehen wir unter im Trott lastender Gleichförmigkeit unse­res Tagewerkes. Doch wie immer es uns gehen mag, wir können unsere Augen nicht davor verschließen, daß dicht neben uns Resi­gnation und Angst wohnen.

Die Stimme Jesu wird höchst aktuell, die Stimme, die uns sagt − wir dürfen es einmal so übersetzen −: „Trotz aller Krisen und Ängste ist es eine gute Zeit. Denn Gott ist nahe. Er interessiert sich dafür, wie es dir und wie es euch und wie es allen geht. Er hat mich, er hat seinen Sohn gesandt, daß ich all das Eure trage und teile. Ich kenne eure Ängste von innen. Ich habe sie durchgelitten bis zum Kreuz. Ihr könnt umkehren. Ihr könnt neu anfangen. Laßt euch los, glaubt an die Frohe Botschaft, es ist Botschaft der Zuversicht für jeden einzel­nen von euch und für alle.“

Liebe Schwester, lieber Bruder! Natürlich können wir aus der Botschaft Jesu nicht herauslesen, daß die Sorge um die Sicherung der Arbeitsplätze und des Friedens, um die Zukunft der Umwelt und der Menschheit unbegründet wäre. Aber wir sind nicht eingespannt in den [14] Mechanismus eines unabwendbaren Unheils. Wo Menschen anders werden, wo Menschen neu anfangen, da können auch Ver­hältnisse sich ändern. Wir dürfen an jene Zukunft glauben, die Gott uns in Jesus eröffnet hat, an jene Zukunft, die nicht am Ende ist, wenn Tod oder Not hereinbrechen. Und dann finden wir die Kraft, auch an dieser Welt und an dieser Gesellschaft etwas zu ändern.

Jesus sagt: „Die Zeit ist erfüllt.“ Vielleicht ist heute ein schwieri­ger Tag für Sie. Aber Sie dürfen trotzdem, ja erst recht sagen: Heute ist ein guter Tag für mich. Denn es ist ein Tag, an dem auch die andere Hälfte des Satzes zutrifft: „Das Reich Gottes ist nahe.“ Ja, er selber ist nahe. Wenn ich den Durchblick bewahre auf ihn, wenn ich mit ihm diese Schwierigkeit durchtrage und trotz Enttäuschung den Mut nicht sinken lasse, dann ist es ein Stück besser in mir und um mich herum. Ich kann etwas von seinem Vertrauen hineinnehmen in mein Herz und in meine Umwelt, heute. Ich kann etwas von seiner Liebe erfahren und weitergeben, heute. Gottes Reich ist nahe.

Und so ist Bekehrung möglich. Nicht zurückschlagen, nicht verbittert werden, nicht resignieren, sondern einen kleinen oder auch großen Schritt tun, der fällig ist. Warum nicht auch den Schritt zu einem längst fälligen Gespräch in der Familie? Warum nicht den Schritt wahrhaft auf Buße, auf das Bußsakrament, auf ein seelsorg­liches Gespräch zu?

Liebe Schwester, lieber Bruder, wir brauchen nichts dringender als Menschen, die heute, gerade heute an die Frohe Botschaft glauben. Ich selbst, Sie selbst sind der Mensch, an dem es gelegen ist, daß wieder Grund wird zur Hoffnung. Sollten wir nicht ein Netz der Hoffnung spannen über unser Bistum? Aber wie? Vielleicht so: Jeder sagt nicht das Drückende, Schwere, nicht Ärger und Mißgunst seinem Nächsten weiter, sondern ein gutes, ein ermutigendes Wort, ein Wort der Zuversicht. Und noch etwas: Schreiben Sie eine Erfah­rung des Glaubens an die Frohe Botschaft, ein Zeugnis der Hoffnung ruhig auch an mich, Ihren Bischof. Ich kann so leichter für viele sein, was ich sein soll: Anwalt der Hoffnung. Ich kann Ihre Erfahrung weitergeben, das Netz der Hoffnung wird so dichter und stärker. Ich will versuchen, mit Ihnen an diesem Netz zu knüpfen, und so grüße und segne ich Sie als

Ihr Bischof
+ Klaus

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