Hirtenwort [zum Amtsantritt als Bischof von Aachen], 1975


[13] Liebe Mitchristen des Bistums Aachen!

Wenn soviel Bereitschaft, Freundlichkeit und Vertrauen einem entgegenkommen, wie ich dies bei meinem Amtsantritt als Bischof von Aachen erfahren durfte, so ist das ein ermutigendes Zeichen – nicht nur für mich. Es ist auch ein Zeichen dafür, daß die Kirche nicht tot ist in den Herzen. Es gibt also auch heute viele, die für die Kirche und von der Kirche etwas erhoffen. Der erste Gruß, den ich heute am Christkönigsfest ans ganze Bistum richten darf, ist so eine Antwort auf das, was ich von Ihnen, was ich von den Gläubigen meines neuen Bistums bereits empfangen habe.

Sie werden mir heute freilich die Frage stellen nach meinem Programm. Ich muß Sie da ein wenig enttäuschen: ich bringe keines mit. Mein Programm ist nur das Evangelium. Ich meine das Evange­lium, wie es mir vorgelegt und ausgelegt wird durch die Kirche. Ich meine aber auch das Evangelium, wie es lebendig ist im Glauben und Leben von Ihnen allen, im Glauben und Leben der Gemeinden. Für die Gemeinden, für Sie alle will ich ins Wort Gottes hineinhören, in Sie alle will ich hineinhören, weil ich überzeugt bin, daß in Ihnen das Evangelium lebt.

So aber wird der erste Punkt meines Programms, das ich nicht habe, der Dank. Sie bringen mir das Evangelium, und Sie bereiten mir den Weg, daß auch ich Ihnen das Evangelium bringen kann. Ganz persönlich, ganz von Herzen möchte ich demjenigen danken, der durch so viele Jahre für dieses Bistum Sachwalter und Zeuge [14] dieses Evangeliums war: Bischof Johannes Pohlschneider. Sein Vorbild und sein Erbe werden mir immer verpflichtend sein, und ich wünsche mir und uns allen, daß er noch viele Jahre tätig in unserer Mitte sein kann.

Ich danke auch meinen Aachener Mitbischöfen, ich danke allen, die als Priester, Diakone, Laien, mitten in der Welt oder als Ordens­leute, das Leben des Bistums und der Gemeinden tragen. Dieser Dank soll mehr sein als eine freundliche Geste. Ich will mich nach Kräften bemühen, der Diener derer zu sein, die Diener des Evange­liums sind.

Daß Gott ins Verborgene sieht, daß seine Gewichte und Maße anders sind als die unseren, sagt uns das Evangelium allenthalben. So möchte ich insbesondere jenen danken, die für uns alle durch ihr Beten und Leiden gewissermaßen die verborgenen Wurzeln sind, aus denen unserem Tun die Frucht erwächst. Ich denke da an die kranken und älteren Menschen, an die Verachteten und an den Rand Gedrängten, aber auch an die, welche an der Kirche und an den Christen leiden und doch ihr Ja zu Christus und der Kirche nicht aufgekündigt haben.

Ich komme zunächst als Empfangender zu Ihnen. Und ich empfange nicht weniger als das Evangelium, nicht weniger als Gott, der sich von Menschen an Menschen weitergeben läßt. Ich bin aber bestellt, um auch als Gebender zu Ihnen zu kommen. Und ich darf nicht weniger geben als das Evangelium, nicht weniger als Gott. Mir scheint, es ist gerade dies besondere Aufgabe des Bischofs: Er soll dafür Sorge tragen, daß das Evangelium unverkürzt alle im Bistum erreicht, daß Gottes Leben zum Leben des Bistums wird. Gott hat uns in seinem Sohn wirklich alles gegeben. Es gibt keine Tiefen seiner Wahrheit, keine Reichtümer seines Lebens, die er uns nicht aufge­schlossen hätte in der Menschwerdung und im Kreuz seines Sohnes.

Für mich wird dies seit vielen Jahren am eindrücklichsten gegenwärtig im Gebet Jesu, das er in der Stunde des Abschieds an [15] seinen Vater richtete: „Laß alle eins sein wie du, Vater, in mir und ich in dir, damit die Welt glaube" (vgl. Joh 17, 21). Eine vierfache Erkenntnis ist uns damit erschlossen:

1. Gott ist nicht einsame Seligkeit, nicht selbstgenügsame All­macht, sondern Gemeinschaft. Er ist dreifaltige Liebe.

2. Dieselbe Liebe, mit der Vater und Sohn einander lieben im Heiligen Geist, schenkt er auch uns. Er nimmt uns hinein in sein dreifaltiges Leben, wir sind hineingetauft in sein Leben als Vater, Sohn und Heiliger Geist.

3. Aber nicht nur zwischen ihm und uns, sondern auch zwischen mir und dir, zwischen uns Menschen soll Gottes Leben spielen. Es will unser menschliches Leben, es will unsere menschliche Gemein­schaft durchdringen.

4. In dem Maß, wie Kirche das Leben Gottes, die Einheit Gottes in ihrem eigenen Leben und in ihrer eigenen Einheit widerspiegelt, wird die Welt vom Evangelium in der Kirche angezogen, wird die Welt glauben können.

Viele werden vor solchen Sätzen zurückschrecken. Sie scheinen sich nicht vereinbaren zu lassen mit den Erfahrungen, die wir mit uns selbst, mit den anderen, mit der Kirche machen. Sie scheinen schöner Traum oder bodenlose Überforderung zu bleiben. Jawohl, es ist eine Überforderung, es ist ein Widerspruch zu allem, was wir menschlich leisten und erwarten können. Nur Gott kann solches leisten, und er will es leisten – in uns. Wir dürfen dem, was er uns schenken will, keine Grenzen setzen. Wer sich mit weniger zufrieden gäbe, der unterböte das Evangelium. Ein halbes Christentum, nur mit menschlicher Kraft gelebt, ist härter als das ganze Evangelium, gelebt mit der Kraft, die Gott uns gibt. Und gerade heute machen wir doch die Erfahrung, daß die Menschen auch menschlich mit weniger nicht zufrieden sind. Weist die Sehnsucht nach Sinn, nach Gebor­genheit, nach Freiheit, nach Gerechtigkeit, nach Frieden nicht weiter als alles, was sich menschlich machen und erreichen läßt? Der Gott, [16] der das Herz des Menschen geschaffen hat, will es ganz erfüllen. Und ganz erfüllt ist es nur, wenn es mit Gott selbst erfüllt ist.

Wie aber sieht das Leben solcher Einheit nach dem Maß Gottes aus? Der Rhythmus des göttlichen Lebens heißt: alles empfangen und alles geben. Christen sind demnach Menschen, die arm sind, die wissen, daß sie nur alles empfangen können, die aber darauf vertrauen, daß ihnen alles geschenkt wird. Christen sind Menschen, die alles geben, und das heißt Menschen, die immer neu anfangen, auf Gott, auf den Nächsten zu. Konkret heißt dieses Geben zwischen uns immer wieder Vergeben: vergeben und nichts erwarten. Dieses Maß Gottes soll mir maßgeblich sein für meinen Dienst als Bischof. Und ich weiß, wie sehr ich, wenn ich solches sage, angewiesen bin auf Sie, angewiesen darauf, daß Sie bereit sind, von mir zu empfangen, mir zu geben, ja auch immer wieder mir zu vergeben. Die Bereitschaft zum Gleichen möchte ich Ihnen heute versprechen.

Ich erhoffe mir davon, daß Gott uns Schritte schenkt auf die Einheit unserer Gemeinden, auf die Einheit unter den Priestern des Bistums, auf die Einheit der Kirchen, auf die Einheit und den Glauben der Welt zu. Wo solche Einheit wächst, wird sichtbar, daß der gehorsame, der dienende Gottesknecht und Menschenbruder Jesus, der Sohn, daß er der König ist.

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