Geschenk der Freiheit


Zu Bernhard Welte, „Determination und Freiheit“

 

 

[344] Für Freiheit sind alle. Und es ist nicht nur die Frage, was jeder unter ihr versteht. Gewiß, das ist so vielfältig, daß es vieler Mühe bedürfte, die Kontur eines gemeinsamen Begriffes zu finden. Doch das Sonderbarste ist wohl dies: Man ist für die Freiheit, man weiß, es geht um sie, im Leben des Einzelnen, im Leben der Gesellschaft, in der Kirche und im Staat und vor allem in der großen Zukunft der Menschheit, aber man ist sich keineswegs darüber einig, ob es Freiheit überhaupt gibt. Dieselbe Ideologiekritik, die uns von knechtenden Vorurteilen frei machen will, droht, den Begriff der Freiheit selbst als bloße ideologische Tarnung aufzudecken. Dieselben Wissenschaften, die uns die Zwänge unseres Daseins durchschaubar machen, die gesellschaftlichen und psychischen zumal, drohen uns die Vorstellung der Freiheit zur Illusion zu deklarieren, indem sie just überall dort, wo wir Freiheit vermuten, Determination beweisen.

Dies ist weder dazu gesagt, diese Wissenschaften, noch dazu, den Ernst des Ringens um die Freiheit, des praktischen und des philosophischen, zu verdächtigen. Es ist in der Tat unsere Situation: es geht, wie vielleicht noch nie in der Geschichte, um die Freiheit des Menschen, und zugleich wird Freiheit selbst fragwürdig, entgleitet sie ins Ungewisse. Genau in dieser Situation setzt dieses Buch an:

Bernhard Welte, „Determination und Freiheit“ (Verlag Josef Knecht, Frankfurt a. M. 1969, 148 S., 12.80 DM).

Weltes Ansatz geschieht leise, ohne den gespreizten Anspruch, das Wort zu sagen, welches die eben kurz gezeichnete Situation durch einen spektakulären Neuansatz löst. Welte wendet sich einfach an unser menschliches Dasein, so wie es sich dem zeigt, der als Mensch da ist. Hier begegnen sich beide Erfahrungen, und beide gehören zum Menschsein: Wir finden uns als Menschen, die sich frei zu bestimmen haben, die in Freiheit ihren Weg wählen, die entscheiden über sich und ihr Handeln, und wir finden uns zugleich im Horizont einer Wissenschaft, die gerade zu dieser Freiheit des Menschen gehört, aus ihr erwächst, die aber aufdeckt, daß wir dort, wo wir uns frei wähnen, auf mannigfache Weise und von mannigfachen Komponenten her bestimmt, determiniert sind.

Welte tut nun nicht, was eine gängige Apologetik der Freiheit, im Grunde freilich nutzlos, versuchte. Er schaut nicht um, ob es doch so etwas wie eine Oase menschlicher Reaktionen, eine Insel geistiger Phänomene gebe, die nichts mit Determination zu tun hätten. Er deckt vielmehr den lichten Raum menschlichen Daseins als den Horizont auf, innerhalb dessen so etwas wie Determination überhaupt erst sichtbar werden, innerhalb dessen es gerade so aber auch den Gedanken der Freiheit nur geben kann. In diesem Raum braucht es nicht zu schrecken, daß wir uns durch und durch determiniert finden, daß Gedanke und Erfahrung der Freiheit aufruhen auf einem „Naturgrund“ von Bedingungen, unter denen Freiheit allein vorkommen kann. Denn indem dieser Naturgrund, der uns bestimmt, für uns vorkommt, ans Licht unseres Bewußtseins tritt, verhalten wir uns zu diesem Naturgrund, sind wir unserem von ihm bestimmten Verhalten in allem und uns selbst gerade nochmals gegenüber. Die eine und selbe Melodie unseres Daseins stammt ganz vom „Instrument“ und ganz vom „Künstler“, und beides sind wir selbst, beides hängt voneinander ab, eines kommt ohne das andere nicht zum Vorschein, beides gehört ungetrennt und unvermischt zusammen, Determination und Freiheit.

Freiheit ist aber nicht bloß Sich-Gegenübersein, Sich-Hellsein in aller Determination, sondern Freiheit ist darin nochmals auf eine andere Weise Bestimmtheit vom Unbedingten, das mich ruft und auf das ich in allen meinen Handlungen in aller ihrer Bestimmtheit je aus bin, um das es mir insgeheim immer geht und auf das hin ich allein ich selbst, Ursprung meines Handelns und Verhaltens inmitten aller Bestimmtheit, bin.

Meine Freiheit ist also Bestimmtheit vom Unbedingten in der Bestimmtheit von den endlichen Komponenten meines Naturgrundes. Sie erschöpft sich aber nicht in meinem Wählenkönnen zwischen verschiedenen Möglichkeiten, sosehr die Situation der Wahl die gängige Situation menschlicher Freiheit ist. In den großen Gestalten der Freiheit, etwa im gelösten Spiel oder gar in der rein gelingenden Liebe, wird deutlich, daß vollendete Freiheit gerade etwas mit „Notwendigkeit“ zu tun hat. Freiheit und Notwendigkeit schlagen in eins. Notwendigkeit heißt hier jedoch nicht äußere Notwendigkeit. Sie ist das Gegenteil allen Zwangs, sie ist der rein mich rufende, unbedingte Sinn meines Daseins, zu dem dieses sein ungeteiltes Ja wie von selbst sagt. Von selbst, das heißt hier aber: von mir selbst. Ich sage ja, von mir aus, also frei. Welte zitiert das große Augustinuswort: „Illo solo iubente liberrimus.“ (Wo Jener – Gott – allein bestimmt, da bin ich allein ganz frei.)

Der Durchbruch vollendeter Freiheit ist allerdings nur das Außergewöhnliche im menschlichen Dasein. Der Mensch ist nicht durch sich selbst frei, seine Freiheit ist sich gegebene, so sich je frei übernehmen müssende Freiheit. In solcher „Differenz“ zu sich findet sie sich als Freiheit zu Gut und Bös, Freiheit, der es nicht erspart ist, sich auch frei verfehlen zu können.

Zutiefst ist menschliche Freiheit so der Erlösung bedürfende Freiheit, und das befreiende Wort der Botschaft Gottes, die befreiende Tat der Erlösung setzt die menschliche Freiheit erst in das ein, was sie schon immer allein „mag“, ohne es doch aus sich allein zu vermögen.

Diese Andeutungen sind zu grob und zu kurz, um dem behutsamen Gang des Gedankens gerecht zu werden, den Welte entwirft. Konkret erwachsen ist sein Gedanke im Gespräch; nicht im Fachgespräch der Philosophen oder Theologen nur miteinander, sondern im Gespräch mit wichtigen Vertretern der modernen Verhaltensforschung – Konrad Lorenz ist hier vor allem zu nennen. Gerade dieser Umstand zwang den Gedanken in eine konkrete Nähe zu den menschlichen Phänomenen. Dadurch ist das Buch, ungeachtet seines Anspruchs und Ranges, dennoch ein Buch für „jedermann“. Voraussetzung für seine Lektüre ist es, daß man sich dazu frei macht, bedächtig und behutsam die Linien des eigenen Daseins und Selbstseins zu entziffern und der Ungeduld bloßer Schlagworte den Abschied zu geben.

Der Philosoph fragt sich vielleicht: Wo steht Bernhard Welte? Ist das ein thomistisches oder ein idealistisches oder ein heideggersches Philosophieren? Mir scheint, man muß hier die Antwort geben: es ist ein „freies“ Philosophieren. Das meint nicht eklektisches Herumnaschen in verschiedenen Denkmodellen, nicht die Enthaltung eigener Position im Brillieren mit scheckiger Gelehrsamkeit, sondern das freie Sich-Verhalten zum freien Anruf der vielen großen Gedanken unserer Geschichte, denen dadurch Antwort wird, daß sie mitgedacht werden in einem Selberdenken, das schlicht und unmittelbar auf seine Sache blickt. Die Freiheit, von der das Buch spricht, „geschieht“ in diesem Buch.

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