Fastenhirtenbrief 1984


[35] Liebe Schwestern und Brüder!

„Als Jesus nach der Taufe im Jordan vierzig Tage lang in der Wüste war − was hat er da getan?“ So fragt ein Religionslehrer seine Klasse. Der erste meldet sich: „Gar nichts!“ Ein anderer: „Er ist herumgelaufen.“ Der Lehrer rea­giert schon zustimmender, als einer sagt: „Er hat gebetet.“ Und nun geht es weiter: „Er hat gefastet.“ Schließlich: „Er hat den Teufel, der ihn ver­suchen wollte, überwunden.“ Sehr gut! Aber da kommt noch ein anderer: „Er hat einfach die lange Zeit ausgehalten.“

Jesus hat die Zeit ausgehalten. Wenn dieser Schüler weiß, was er ge­sagt hat, dann hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Er hat etwas Ent­scheidendes über das Leben und Sterben Jesu im Ganzen ausgesagt − und er hat es angeschaut in diesem Geheimnis der vierzig Tage, die in den Evangelien ein Vorspiel sind zu Jesu öffentlichem Wirken.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus ist gekommen, um die Zeit auszu­halten, unsere Zeit, aller Menschen Zeit. Wie schwer das ist, Zeit aus­zuhalten, wis­sen viele von uns. Jene, die immer ans Arbeiten gewöhnt waren − und nun ist die Arbeit weg: Arbeitslose, Frührentner. Jene, die eine lastende und ein­tönige Arbeit abzuleisten haben, die stumpf und leer zu machen droht. Jene, die auf die Krankenschwester nach der schlaf­losen Nacht warten. Zeit aus­halten, diese Last kennen jene, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben; jene, die nach einem Men­schen, suchen, der sie endlich versteht; jene, die auf den Beamten warten, der die Zelle aufschließt, in die sie ge­sperrt sind. Jene, die es nicht ab­warten können, bis die lange leere Zeit des Wochenendes vorbei ist. Jene, die einander immer fremder werden und doch ein Leben lang bei­einander auszuhalten haben. Jene, die sich selbst immer fremder werden und sich selbst ein Leben lang aushalten müssen.

Viele machen da freilich auch ganz andere Erfahrungen: Wir haben keine Zeit, die Zeit läuft weg, sie ist prallvoll mit Terminen. Aber wenn es dann ein­mal plötzlich ein Innehalten gibt, eine Unterbrechung, schrecken wir auf: Sind wir eigentlich nicht vor unserer Zeit geflohen?

Liebe Schwestern und Brüder! Zeit aushalten, Zeit ausfüllen, Zeit sinn­voll haben und geben, das ist immer ein menschliches Grundproblem. Und heute ist es das ganz besonders. Wir dürfen uns nicht den sozialen, wirt­schaft­lichen, gesellschaftlichen Aufgaben entziehen, die auf diesem Feld anstehen. Ohne weitreichende Neuorientierungen geht es nicht. Aber gerade [36] darum ist es notwendig, daß wir die Augen vor etwas anderem nicht verschließen. Unsere Zeit-Nöte sind nicht nur eine Frage der per­sönlichen und ge­sell­schaftlichen Verteilung und Planung von Zeit. Eine neue Zeit braucht ein neues Herz.

Und da dürfen wir zu dem Jesus gehen, der vierzig Tage in der Wüste verweilt. Zu dem Jesus, der die Zeit aushält. Was hat er da ausgehalten? Er hat den Vater ausgehalten. Den Willen des Vaters hat er gesucht, nicht den eigenen. Auf ihn hat er gehört, ihm sein Denken, Fühlen und Wollen ge­öff­net. So konnte er die Versuchung zu Selbstherrlichkeit und Egoismus wider­stehen.

Er hat sich selber ausgehalten. Er ist sich nicht davongelaufen, hat sich, seine Berufung, seine Sendung in die Hand genommen und bejaht. Er ist auch nicht vor der Erfahrung der menschlichen Grenze zurückgeschreckt: ihn hungerte.

Schließlich hat er uns ausgehalten. Er lebte nicht aus dem Sondervorrat seiner Möglichkeiten als Sohn Gottes, Wunder zu wirken, sondern er machte sich solidarisch mit uns. Um unseretwillen ist er Mensch gewor­den, hat er Angst und Trauer, Müdigkeit und Hunger, Leiden und Not auf sich genommen. Unsere Zeit hat er ausgehalten.

Liebe Schwestern und Brüder, auch wir stehen am Anfang der vierzig Tage, am Anfang der österlichen Bußzeit. Sollten wir dieses Jahr nicht genau das in die Mitte rücken: die Zeit aushalten? Und auch für uns heißt das: Gott aushalten − uns selbst aushalten − die anderen aushalten.

Ringen wir um Zeit für Gott, um Zeit vor Gott. Still werden, uns Zeit nehmen fürs Gebet. In das Wort Gottes hineinhören. Nicht sofort über Evangelium und Predigt zur Tagesordnung übergehen, sondern nachden­ken. Auch einmal die Bibel aufschlagen und in ihr lesen − oder ein ande­res religiöses Buch. Und dann Gottes Wort mitnehmen in den Alltag, um es dort zu buchstabieren, um dort zu fragen: Wie verändert sich meine Zeit, wenn ich sie nach Gottes Wort gestalte?

Ringen wir um die Zeit für uns selbst. Halten wir uns selber aus, laufen wir nicht sofort weg aus der Stille, schalten wir nicht sofort irgendein „Pro­gramm“ ein. Nehmen wir uns an, glauben wir daran, daß der Herr uns geliebt und angenommen hat − auch mit unseren Grenzen. Tragen wir uns, tragen wir auch unser Versagen hin zu ihm, offen, Antlitz zu Antlitz. Wagen wir das Wort, das unsere Schuld bekennt, und öffnen wir uns für sein Wort der Vergebung − auch und gerade jetzt in einer guten Beichte. Fragen wir ihn, wohin er uns ruft, was er von uns will, was unser Leben soll, was in unserem Leben anders werden soll.

Ringen wir um Zeit für die anderen, um Zeit füreinander. Halten wir ein­ander aus, flüchten wir nicht in die Stummheit, ins beziehungslose Nebeneinander. Lassen wir den anderen, der so anders ist, als wir ihn uns vorstellen, an uns heran. Das geht nicht ohne Wunden. Aber nur so kön­nen wir ausbrechen aus dem Turm der Einsamkeit. Nur so können wir Zellen des Friedens bilden.

Zeit für den anderen, Zeit füreinander: Ist das nicht auch Schlüsselwort für viele drückende leere Zeit, für viele unfreie, weil ausgehöhlte Frei­zeit? Teilen wir Zeit mit anderen, im Dienst für andere, im Helfen und Mittragen. Nur geteilte Zeit ist geheilte Zeit. Gemeinde könnte so eine Insel, ein Anfang neuer, heiler Zeit werden.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche uns allen vierzig Tage ausge­haltene, geheilte, erneuerte Zeit. Ostern 1984 soll das Ostern der neuen Herzen und der neuen Zeit werden.

Ihr Bischof
+ Klaus
Bischof von Aachen

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