Fastenhirtenbrief 1989


[1] Liebe Schwestern und Brüder!

Mein Fastenhirtenbrief an Sie fällt dieses Jahr anders aus als gewohnt. Nicht ich habe Ihnen in erster Linie etwas zu sagen. Vielmehr bitte ich um Ihr Wort, um Ihren Rat.

Um was geht es? Halten Sie sich einmal Ihre Gemeinde vor Augen, Ihren Gottesdienst, all das, was hergebrachterweise zum Gemeinde­leben gehört. Und nun stellen Sie sich mit mir der Frage: Wie wird es in dieser Gemeinde im Jahr 2000 aussehen? Ich bin mir dessen sicher: in vielem ganz anders als heute. Es wird weniger [2] Gottesdien­ste geben, die ein Priester leitet. Es wird weniger Veranstaltungen geben, an denen er unmittelbar teilnimmt. Viele Aktivitäten Ihrer Gemeinde werden Sie mit anderen Gemeinden absprechen und durchführen. Frauen und Männer aus Ihrer Mitte werden weit mehr als bereits heute das Gesicht des Gemeindelebens bestimmen. Diakone und Laien, die beruflich im pastoralen Dienst stehen, werden zwar vielfältig mit Ihnen und mit den Priestern zusammen­wirken, aber sie können und sollen nicht jenes Zeugnis und jenen Dienst ersetzen, die aus der Gemeinde heraus erwachsen. Die sachliche und institutionelle Ausstattung der Gemeinde wird sich nicht ausweiten, vielmehr werden auch hier Beschränkung und Konzentration fällig.

Es wird sich freilich noch Tiefgreifenderes ändern. Es wird weniger Menschen geben, die von Jugend an in kirchlichen Formen und Überlieferungen beheimatet sind. Die Zahl derer in unserer Gesellschaft, die sich nach anderen als in der Kirche verkündeten Werten und Normen ausrichten, wird aller Vermutung nach weiter wachsen. Gottesdienst und Glaubensverkündigung in den her­kömmlichen Bahnen werden einen geringeren Teil der Bevölkerung erreichen als bislang. Zur Kirche gehören, in der Gemeinde mitleben, das wird noch weniger selbstverständlich sein als heute.

Das ist schmerzlich. Aber es ist ein Anruf. Und weil es ein Anruf ist, ist es auch eine Chance. Ich will Not nicht verklären. Wohl aber sollen wir das aus ihr lernen, was ein Mitbruder mit dem Wort „positive Armut“ bezeichnete.

Was sollen wir tun? So fragten auch jene, die sich von der Bußpredigt Johannes des Täufers treffen ließen. Er antwortete damals: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat. Diese Antwort richtet sich auch an uns. Sie sagt uns: Teilen. Im letzten Jahr habe ich einen Fastenhirtenbrief über das Teilen geschrieben. Ich forderte auf, Brot und Arbeit zu teilen, Glauben und Leben zu teilen, auch priesterlichen Dienst zwischen Gemeinden zu teilen.

Die MISEREOR-Fastenaktion für die Bundesrepublik wird dieses Jahr in Aachen eröffnet. Sie steht unter dem Leitwort: „Solidarisch in der einen Welt“. Es geht darum, nicht nur Almosen zu spenden, sondern einen Lebensstil des Teilens zu entwickeln, der uns in die Pflicht nimmt für das eine und unteilbare Schicksal der Menschheit. Was im Weltmaßstab gilt, das gilt auch in unserem Bistum, in unseren Gemeinden und zwischen ihnen.

Liebe Schwestern und Brüder! Solches Teilen ist der Grund­rhythmus christlichen Lebens. Mit dem Evangelium, den Gütern des Heils, den Lebensquellen, die Gott uns erschließt, können wir uns nicht versorgen lassen. Was er für uns bestimmt hat, will er weiter­geben durch uns. Wir sollen es einander weitergeben. Die Not des Augenblicks stößt uns darauf; aber im Grunde ist dies zu jeder Zeit und von Anfang an das christliche Lebensgesetz. Es verlangt in unserer Situation ein tiefgreifendes Umdenken. Es braucht aber auch den Mut zu strukturellen Konsequenzen. Diese sollen weder als fertiges Konzept von oben über das Bistum fallen noch eine bloße Notlösung sein. In Weggemeinschaft miteinander wollen wir lernen, wie jenes Teilen geschieht, das nicht Mangelverwaltung, sondern geistliche Brotvermehrung ermöglicht. Mir sind da vier Fragen gekommen, bei deren Beantwortung ich Sie alle um Hilfe bitte:

1. Wie können wir missionarische Gemeinde werden? Gemeinde also, in der wir den Glauben miteinander teilen und denen bezeugen, die von Sonntagsgottesdienst und Predigt nicht erreicht werden?

2. Wie kann jede Gemeinde eine Weggemeinschaft werden, in der viele Dienste sich gegenseitig ergänzen und nicht alles vom Priester oder von den Hauptamtlichen erwartet wird?

3. Wie können wir uns eine Weggemeinschaft zwischen mehreren Gemeinden vorstellen, in der wir Gaben und Aufgaben, Leben und Dienste, auch priesterlichen Dienst, miteinander teilen?

4. Wie könnte eine „positive Armut“ aussehen, wo könnte zeichen­hafte Begrenzung unserer Erwartungen und Gewohnheiten in den Gemeinden ansetzen?

Um mit allen den Weg zu suchen, will ich in diesem Jahr anstelle der sonst üblichen Regionaltage Klausurtagungen halten, an denen sich zusammen mit allen Priestern, Ständigen Diakonen und Laien im pastoralen Dienst die Pfarrgemeinderatsvorsitzenden, die regio­nalen Pastoralräte, die Vorstände der regionalen Katholikenräte und einige Mitarbeiter aus Ver- [3] bänden beteiligen.

Ich werde in die jeweilige Region einige Wochen zuvor diesen Fastenhirtenbrief nochmals hineingeben, damit man sich in jedem Pfarrgemeinderat mit der Situation beschäftigt und Vorschläge erar­beitet. Ich bitte zuerst aber Sie alle darum, mir Ihre Sorgen, Hoffnun­gen, Erfahrungen und Anregungen mitzuteilen. Schreiben Sie mir! Sie können dies einzeln oder in Gruppen, direkt oder über Ihre Gemeinde tun. So wirken Sie mit an dem, was uns als gemeinsame Verantwortung aufgetragen ist: Weggemeinschaft gegenseitigen Zeug­nisses und Dienstes zu werden, in deren Mitte der Herr selber uns in die Zukunft führt.

Ihr Bischof
+ Klaus

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