Denken auf Jesus hin


Zum 70. Geburtstag von Bernhard Welte

 

 

[4] Wo soll man anfangen, um deutlich zu machen, wer Bernhard Welte ist? Vielleicht bei seinem Einfluß auf viele der großen Gedanken in der Landschaft heutiger Theologie und Philosophie? Wie viele, die heute das Bewußtsein prägen, müssen bekennen, daß sie zu Bernhard Weltes Füßen saßen, an seinen Seminaren teilnahmen und von ihm wichtige Impulse empfangen haben.

Und wer an Konferenzen und Kongressen, sei es von Dogmatikern und Fundamentaltheologen, sei es von Philosophen, teilnimmt, der weiß, wie still es wird, wenn Bernhard Welte sich zögernd und behutsam, aber dann doch sehr entschieden und präzise zu Wort meldet.

Doch ist das wirklich Bernhard Welte? Er ist es, aber der „ganze“ Welte ist das noch nicht.

Soll man an die Bücher erinnern, die er geschrieben hat und die in der Bibliothek so vieler und so unterschiedlicher Menschen zu finden sind, die sich mit dem Glauben, mit der Botschaft Jesu und den modernen Fragestellungen des Geistes und der Wissenschaft befassen? Die Zahl dieser Bücher ist beileibe nicht gering – wenn Bernhard Welte auch alles eher ist als ein Vielschreiber.

Was an diesen Büchern auffällt, ist indessen ein anderes: sie behaupten ihren Platz und ihren Rang über momentane Aktualitäten hinaus. Ob sie zehn oder zwanzig Jahre alt sind, sie zielen nicht vorbei an den Fragen, um die es jeweils jetzt geht. Wohl deshalb, weil sie sich nicht von diesen Fragen, sondern von einem Tieferen her inspirieren lassen und so gerade diese Fragen treffen.

Mensch der Sammlung

Vielleicht erreichen wir hier das Zentrum, von dem aus Bernhard Welte begreiflich wird. Er ist ein Mensch der Sammlung, ein Mensch, der in einer eigentümlichen Unabhängigkeit vom Äußeren seine Mitte in sich selber trägt und aus dieser Mitte her in eine vielfältige Peripherie hineinzustrahlen und hineinzuwirken vermag.

Die äußere Biographie spiegelt dies auf eindrucksvolle Weise. Der aus Meßkirch, der Heimat eines Conrad Gröber und Martin Heidegger, Stammende, der die Schule in Konstanz und die Universität in Freiburg besucht und mit dreiundzwanzig Jahren zum Priester geweiht wird, ist vierzehn Jahre, bis zu dessen Tod im Jahre 1948, Erzbischof Gröbers Sekretär.

Nicht nur, daß er während dieser bewegten Tätigkeit „nebenher“ promoviert, er schreibt in den Luftschutzkellern und Notquartieren der Endphase des Krieges seine Habilitationsschrift, die mit einem Schlage den „ganzen“ und „reifen“ Welte vor Augen stellt: Jaspers, der gegenwärtige Denker der Existenz, und Thomas von Aquin werden in ihren zentralen Gedanken erhellt und aufeinander bezogen, und beide stecken einen Raum ab, in welchem christlicher Glaube sich auf seine Zugänge und Ermöglichungen im menschlichen Denken besinnt. Dieser Raum kennt keine Grenzen, die Tradition des Mittelalters und das Ungewohnte des Heutigen werden in dieselbe Landschaft gerückt.

Diese Arbeit ließ aufhorchen, diese Arbeit brachte mannigfache Widerstände. Und es war alles eher als selbstverständlich, daß der Bischöfliche Sekretär die Lehrerlaubnis in Christlicher Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät erhielt und alsdann, im Jahre 1954, zum Professor ernannt wurde. Die Hörer sammelten sich zusehends um ihn, um seinen Lehrstuhl für Christliche Religionsphilosophie und theologische Grenzfragen, den er bis 1973 innehatte. In der notvollen Situation des Neuaufbaus nach dem Krieg, in der die Rückbesinnung auf unerschütterte Fundamente und das Gewinnen neuer Horizonte gleich fällig waren, hatte die Stimme des jungen Dozenten einen ungeheuren Widerhall. Und dieser Widerhall ist auch heute noch da. Unglaublich, daß im Jahre 1975 die Katholische Hochschulgemeinde Freiburg ein Seminar anbieten kann über Pascal und Kierkegaard – und zu Füßen von Bernhard Welte sitzen zwei- bis dreihundert Hörer, Studenten, Professoren, Interessierte aus allen Fakultäten und Fachrichtungen.

Nachbarschaft des Geheimnisses

Sammlung, so sagten wir, sei die entscheidende Mitte, aus welcher die Strahlkraft Bernhard Weltes wächst. Aber woraufhin sammelt Bernhard Welte seine Gedanken, woraufhin versammelt er die, denen sein Denken Bahn und Orientierung wird? Die Antwort heißt: auf den Geist Jesu hin.

Er ist und bleibt die Mitte des Denkens und der Existenz für Bernhard Welte. Aber er erkennt, daß dieser Geist den Erdkreis erfüllt. Er versteht es, auch die trotzigen und verzweifelten, auch die wirr und fremd klingenden Worte der Geistesgeschichte hinzulesen auf die eine Frage, die Frage nach dem, der das Geheimnis kennt und offenbart und ihm den Namen Vater zu geben vermag.

Leben in der Nachbarschaft des Geheimnisses, dies ist die Daseinsformel für Bernhard Welte, und sie rückt ihn zugleich in die mannigfache Nachbarschaft zu den Menschen und zur Schöpfung. Nachbar der Steine und der Pflanzen, die er kennt und hegt. Nachbar der Geschichte, deren verborgene Zeugnisse er aufspürt, ans Licht hebt, deutet und weiterzeigt, seien es Grenzsteine der Heimat oder Denkmäler der Spätantike und des frühen Mittelalters, die ihm in der Ferne irgendwo von unserer Geschichte, der Geschichte des Christlichen im Abendland, erzählen. Nachbar der Künstler, deren Linien und Impulse in ihm ihr Wort und ihr Verstehen finden, Nachbar derer, die irgendwo am Rande stehen und denen er die Beziehung zur Mitte neu erschließt, Nachbar der ganz Einfachen und Schlichten, denen er das Wort Gottes verkündet, Nachbar aber auch der Einflußreichen und Etablierten, die er kennt aus seinen vielen verantwortlichen Ämtern, die er im Raum der Universität – bis hin zum Amt des akademischen Rektors – mit einer bestechenden Durchschlagskraft und Brillanz wahrgenommen hat.

Man möchte es kaum glauben, daß Bernhard Welte nun siebzig ist. Nicht daß die Weisheit des Alters, nicht daß die gelassene Distanz zu den Dingen ihm schlecht anstände. Nichts von imprägnierter Jugendlichkeit ist bei ihm zu finden. Aber dasselbe, was ihn als den je Jüngeren, je Neueren in seinem Anfang erscheinen ließ, läßt ihn auch jetzt als den je Älteren, je Weiseren wirken. Wir sollten es uns wünschen, daß er noch lange bei uns ist und uns noch lange das sagt, was er zu sagen hat.

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