Nächte, die Licht geben


 

 

[71] 27. November 1944. Ich hatte an diesem Abend Brandwache in der Schule zu halten, und mein Vater begleitete mich, um anschließend seine Schwester im großelterlichen Haus hinter dem Münster zu besuchen. Ich packte meine Sachen zusammen und schob zwei Bücher in die Tasche, die mir besonders lieb waren: das Franziskusbuch von Joseph Bernhart und Reinhold Schneiders Erzählungsband „Die dunkle Nacht“. Mit Mühe erreichten wir gerade noch den Luftschutzkeller meiner Schule, und dann brach der Bombenhagel auf meine geliebte Heimatstadt Freiburg herein. Als wir über die mit Schutt bedeckte Treppe wieder heraufkrochen, ein Bild des Entsetzens, ein endloser Feuerschein am nächtlichen Himmel über den Trümmern der Altstadt. Aber er gab für uns nur einen Blick: hinauf zum Münsterturm. Und dann der trotz allem Entsetzen erlöste Schrei: Gott sei Dank, er steht noch! Es war ein gespenstischer Weg heimwärts durch die Trümmer, aber je näher wir unserem Zuhause kamen, desto spärlicher waren die Zeichen der Zerstörung. Doch ein Haus in der Straße brannte – es war das unsere. Und nun der durchdringende Bittruf meines Vaters: Lieber Gott, nimm uns alles, aber laß uns zusammen! Eine tiefe Dankbarkeit, als wir Mutter wohlbehalten antrafen, dämpfte den Schmerz, noch viele Stunden vor dem brennenden Haus zu stehen, in dessen unterster Etage wir wohnten. Wir konnten nicht mehr hinzutreten und mußten zusehen, wie alles, was uns lieb war und unser Leben prägte, verbrannte: Vaters Bilder – er war Maler – und die Kunstbücher, die ich, in seinem Atelier hockend, täg-[72]lich betrachtete, um von dem zu leben, was schön ist und gilt. Ja, so stand ich da zwischen Vater und Mutter und hielt meine Aktenmappe fest mit den beiden Büchern von Joseph Bernhart und Reinhold Schneider. Sie waren mein gerettetes Hab und Gut.

Und das waren sie mir nicht zufällig. Etwa ein Jahr zuvor hatte Vater mich mitgenommen in einen kleinen Kreis von Freunden, die nicht einverstanden waren mit dem, was an Schrecklichem damals in Deutschland geschah. Hier nun las Reinhold Schneider die Geschichte, die alsdann die Mitte seines Bandes bildete: „Die dunkle Nacht des heiligen Johannes vom Kreuz“. Da war mir etwas aufgegangen: Mein Leben bisher – ich war nun fünfzehn Jahre alt – war gespannt zwischen einem Traum und einem Erschrecken. Der Traum: das Schöne, das mich anschien aus den Bildern, die Vater mir erschloß beim Gang in die Museen, in das Münster, beim Anschauen der Kunstbände und bei der Zeugenschaft, wie ein Bild entsteht, das Schöne, das mich anwehte, wenn ich mit den Eltern an schönen Sonntagen durch den Schwarzwald wanderte, das Schöne, das in mich selber eindrang, wenn ich mit meinem Onkel, der Musiker war, und meinem Vetter, der wie ein Bruder war und 1944 18jährig fiel, Musik hörte oder selber musizierte. Das Erschrecken: die Schrecklichkeiten und Unmenschlichkeiten des Krieges und des nationalsozialistischen Regimes, über die mich schon sehr früh in schonungsloser Deutlichkeit die Eltern informierten. Auf der einen Seite etwas Unzerstörbares – auf der anderen Seite die Zerstörung der Werte und Kräfte, die Zukunft ermöglichen. In diese Spannung hinein traf die Botschaft Reinhold Schneiders, das lebendige Zeugnis eines Menschen, der im Betroffensein vom Kreuz die beiden Pole miteinander verband, dem Schrecklichen ins Auge schauend, aber auch jener Liebe, die das Schreckliche annimmt, trägt und verwandelt.

So blieb mir in jener Nacht der Vernichtung ein Dreifaches: das Zeugnis dieser Begegnung, der Turm, der durch die [73] Feuerprobe hindurch Zeichen der Hoffnung und Orientierung, gerettete und verpflichtende Schönheit für mich war, die Familie, die beide Erfahrungen und ihren Zusammenhang mir vorlebte und vermittelte.

In jenen Wochen und Monaten schmolz auch eine naive Sehnsucht meiner Kindertage in mir um. Ich hatte den Wunsch, Priester zu werden, aber nun wurde dies ein Wille. Hatte ich nicht etwas erfahren, das ich weitergeben sollte? Wenn der Krieg nun bald zu Ende ginge, wenn es zu einem Wiederaufbau käme, würde man nicht dann in zwei oder drei Jahrzehnten diese Spannung wieder vergessen, aus welcher Untergang und Neuanfang erwachsen konnten? Müßte ich dann nicht Zeugnis geben von dem, was ich hier erlebte? Das schoß mir durch den Kopf, und das schien mir Ruf und Verpflichtung für mein Leben zu sein.

Was sich in dieser Nacht des 27. November 1944 begab, hat meinem Leben Richtung gegeben. Gewiß, eine Richtung, die ich vielfältig neu identifizieren, neu suchen und neu mir schenken lassen mußte. Es kostete viel denkende Mühe, über lange Jahre hinweg, die bohrende Gegenfrage zu bestehen: Bist du da wirklich der Wahrheit begegnet? Haben nicht andere ähnliche Erfahrungen gemacht und sind zu ganz anderen Deutungen und Ergebnissen gekommen? Was gibt dir das Recht, dich ganz und gar auf diese Richtung für dein Leben zu verlassen? Der Umgang mit den großen Zeugnissen des Glaubens und Denkens führte indessen tiefer und klarer zum Licht jener Nacht zurück.

Als, viele Jahre später, das Dunkel sich nochmals verdichtete, fand eine merkwürdige, besiegelnde Wiederholung statt. Ich war in den Alpen in Ferien, lernte dort einen jungen Menschen kennen, der in eine äußerste Lebenskrise geraten war. Einläßliche Gespräche blieben ohne Ergebnis, eines Abends verabschiedete sich mein Freund, bedankte sich und sagte, daß er nun weggehen müsse, er sehe keinen Sinn mehr. Die Nacht dieses anderen Menschen verdunkelte mich selbst, und ich ging ratlos und ungetröstet zu Bett. Da, mitten in der [74] Nacht, kommt der Freund zurück, stürmt in mein Zimmer herein und sagt: Es ist alles ganz anders, es hat alles doch Sinn. Ich war erschüttert und fragte, was geschehen sei. Auf dem Weg zum Bahnhof war ihm ein Unbekannter begegnet und verwickelte ihn ins Gespräch. Er sagte, er habe den Eindruck, mein Freund habe es notwendig, daß er ihm die Geschichte seines Lebens erzählte. Die Geschichte einer Enttäuschung und Verzweiflung, die bis zum Selbstmordversuch, zum Aufschneiden der Pulsadern führte. In letzter Minute wurde dieser Fremde von Freunden gerettet. Er lebte ohne Hoffnung und Zuversicht so vor sich hin. Aus Gefälligkeit gegen einen Dritten besuchte er am Abend das Treffen einer geistlichen Gruppe, ohne besonders tief vom Inhalt der Gespräche getroffen zu sein. Aber mit einem aus dieser Gruppe führte er schier unbemerkt ein langes Gespräch über sein Leben. Plötzlich schrak er auf und sagte: Warum erzähle ich dir das? Schau doch, wer ich bin, es hat alles doch keinen Wert? Und er hielt ihm die Narben über seinen Handwurzeln hin. Dieser andere aber sagte das entscheidende Wort: Stigmata misericordiae Domini, die Wundmale der Erbarmung des Herrn. Das hat sein Leben gewendet. Er sah sich und alles in einem neuen Licht. Eine betreffende Kettenreaktion: Das Leben eines Unbekannten trifft auf das Leben eines Freundes in der Dunkelheit – und er gibt mir sein Licht weiter. Die Wunden der göttlichen Barmherzigkeit aufdecken in dem, was nicht aufgeht: neue Wegweisung in dieselbe Richtung.

Reinhold Schneider schreibt übrigens einen Text von Jakob Böhme auf das Titelblatt seines Buches „Die dunkle Nacht“: „Es wird eine Zeit kommen, die ist wunderlich. Weil sie aber in der Nacht anfähet, werden ihrer viele nicht sehen wegen des Schlafes und der großen Dunkelheit; jedoch wird den Kindern die Sonne mitten in der Nacht scheinen.“

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