Fastenhirtenbrief 1994


 

 

[3] Liebe Schwestern und Brüder!

Eine befreundete Familie erzählte mir, daß ihre Jüngste nach Hause kam und unvermittelt den Vater bat: „Erzähle mir von Gott!“

Ob es wohl viele gibt, die heute diese Bitte stellen? Ob es viele gibt, die auf sie etwas zu sagen wüßten?

Ich glaube, es sind mehr, als es zunächst scheint. Viele suchen, vielleicht unbewußt, genau den, von dem sie den Eindruck haben, er sei so fremd und fern, daß er mit ihrem Leben nichts zu tun habe. Und viele könnten auch von ihm erzählen, wenn sie durch den Schutt ihrer Verdrossenheit und den Schmerz ihrer enttäuschten Erwar­tungen in jene Mitte vorstoßen könnten, in der Gott auch in ihnen, gerade in ihnen lebt.

Ich überlegte mir vor einigen Wochen, was für meinen diesjähri­gen Fastenhirtenbrief das fällige Thema sei. Etliches bedrängte mich: Warum verlassen so viele die Kirche? Warum stoßen so viele Normen und Strukturen der Kirche auf Unverständnis? Was ist mit dem Problem Kirchensteuer? Kommen wir dem Auftrag als Christen in unserer Gesellschaft und angesichts der Not in unserer Welt nach?

[4] Aber immer wieder war mir, als komme jenes Kind an meinen Schreibtisch und rufe mir zu: Erzähle von Gott! Dagegen erhob sich in mir der Einwand: Das alles hat doch mit Gott zu tun, Gott lebt doch nicht in einem weltlos abgehobenen Sonderbereich! Gewiß nicht – aber stellen sich unsere Kirchensorgen nicht manchmal allzu ähn­lich dar wie die Sorgen schier aller Großinstitutionen? Wird das Einmalige, Andersartige der Botschaft Jesu nicht von uns verwaltet statt bezeugt? Sprechen wir so von Gott, daß wir dabei über uns persönlich, sprechen wir so von uns persönlich, daß wir dabei von Gott sprechen? Wenn Kirche Erzählgemeinschaft von Gott würde, dann könnte sie der Welt etwas geben, was andere ihr nicht geben können.

Erzähle von Gott! Das heißt nicht, sich vor den Problemen in harmlos fromme Geschichten flüchten. Aber es heißt: mit Gottes Wort leben, so daß es unser Leben, unsere Maßstäbe, unser Verhal­ten ändert – und dann darüber miteinander reden. Es heißt auch: das einander anvertrauen, was uns Gott fern und fremd erscheinen läßt. Erzählen von Gott heißt: aufmerksam sein auf die großen Dinge, die Gott in aller Stille bei den kleinen Leuten wirkt. Ich habe in der Tat nie so viele Gottesgeschichten erfahren wie bei meinen Besuchen in Elendsquartieren und Basisgemeinschaften in der Dritten Welt. Aber ich muß da auch die Begegnungen mit den Armen bei uns, mit den Kindern bei uns, mit den Ausländern bei uns nennen.

Erzähle von Gott heißt: sich „ergreifen“ lassen von der Botschaft der Bibel. Wenn uns die Geschichte vom barmherzigen Vater und dem verlorenen Sohn packt, wenn uns jener Gott anrührt, der dem Arbeiter der letzten Stunde so viel Lohn gibt wie dem der ersten, wenn uns die Liebe Jesu zur Sünderin als Offenbarung des Gottes bewegt, der Liebe ist, wenn wir uns auf den Gang nach Emmaus mitnehmen lassen: dann geht Gott auf – und unser Handeln wird anders.

Bleibt die bedrängende Frage: Was aber, wenn es einfach nicht „geht“, von Gott zu erzählen, weil er für uns so stumm bleibt wie damals über dem Schrei seines Sohnes am Kreuz? Diese Ohnmacht aushalten und nicht von ihr weglaufen: kann nicht auch dies Anfang einer neuen Geschichte von und mit Gott sein?

Erzähle von Gott: Lassen wir diesen Anruf des Kindes an unser Sprechen und an unser Schweigen heran. Er kann mehr anstoßen als viele Aktionen und Programme.

Liebe Schwestern und Brüder, es ging mir durchaus nicht nur um Strukturveränderung, sondern darin und davor um geistliche Erneuerung, als ich mit meinem Fastenhirtenbrief 1989 den Prozeß „Weg-Gemeinschaft“ in unserem Bistum anstieß. Was ist daraus geworden? Es ist nach fünf Jahren an der Zeit, innezuhalten, gemeinsam Bilanz zu ziehen und Perspektiven zu gewinnen. Das soll zu Ende des Jahres 1994 und zu Anfang des Jahres 1995 geschehen. Es ist mir sehr wichtig. Aber eines dürfen wir dabei nicht vergessen: das Kind einzuladen, das uns bittet: „Erzähle von Gott!“

Ihr Bischof
+ Klaus

  Oben