Danksagung auf die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen


 

 

[1] Einen Augenblick lang focht mich die Frage an, ob Philosophie und Ehre nicht von innen her in einer solchen Spannung ständen, daß ein Ehrendoktor einer Philosophischen Fakultät dadurch problematisch würde. Ist die Sache der Philosophie nicht darauf angelegt, daß ihr Alles der Gedanke, der Austausch der Gedanken, das Gespräch sei? Doch gerade dies gab mir die Freude an solcher Ehrung zurück. Denn wie sollte ich die Ehrendoktorwürde anders verstehen als so: Das eigene Denken, Fragen und Suchen wird als solches wahrgenommen und angenommen und in eine Zugehörigkeit des Gesprächs gestellt, die nicht in einem funktionalen Verbund oder einem nur aktuellen Anlaß begründet sind? Dann aber darf ich sagen: Den Ehrendoktor einer Philosophischen Fakultät, dieser Philosophischen Fakultät und das heißt dieser unserer RWTH zu erhalten, trifft in die Mitte dessen, worum es mir persönlich in meinem Denken und Fragen, aber auch in der Weise geht, wie ich meinen Auftrag wahrzunehmen suche.

Auch wenn ich davon überzeugt bin, daß die Aktualität der Philosophie – ähnliches läßt sich von der Theologie sagen – nicht in der Philosophie der Aktualitäten besteht, so kann die Besinnung auf Wahrheit doch nicht absehen von der Zeit. Und für mich heißt ein Schlüsselwort unserer Zeit: Einheit. Ich brauche nicht erschöpfend die Felder aufzuführen, in denen es darum geht, Einheit neu zu verstehen und, in gewisser Weise, neu zu stiften. Ich möchte nur auf ein Feld hinweisen, auf dem mir menschheitliche Entscheidungen schier unter der Hand gefällt zu werden scheinen. Die Entwicklung moderner Technik hat es ermöglicht, daß wir in einer globalen Ruf- und Reichweite zueinander stehen, die uns in eine nicht nur äußere [2] Schicksalsgemeinschaft auf Weltebene weist. Mit der Verantwortung für das Lebenkönnen aller und die Bedingungen, die wir hierfür einander bereitzustellen haben, mit der Verantwortung für den Lebensraum Welt, den es zu wahren und als Lebensraum offenzuhalten gilt, gehen wir unerläßlich auch eine weitere Verpflichtung ein, die von diesen anderen Verpflichtungen nicht abzukoppeln ist: die Verpflichtung darauf, daß die eine Welt ein universaler Gesprächsraum werde.

Daß moderne Technik die weltweite Kommunikation aller erst ermöglicht, daß ihre Mittel somit aber auch die Kommunikation in sich selber prägen, liegt auf der Hand. Wird es uns gelingen, aus unserer technischen Zivilisation in der Tat einen weltweiten Gesprächsraum werden zu lassen? Einen Raum, der die Mittel der Kommunikation gibt, ohne daß dadurch die nur formale Abhängigkeit von der technischen Zivilisation das einzige Band der Einheit oder gar unter Verlust ihrer Identität und Tradition die Partner nivelliert würden? Moderne Technik und das Gespräch der Kulturen und Traditionen: hier liegt eine Grundaufgabe für die Menschlichkeit unserer Zukunft. Ich sehe in ihr nicht nur einen vorderhand zu vernachlässigenden Kontext zu den existentiellen Fragen des Überlebens und Weiterlebens, sondern gewissermaßen die Matrize, auf der solche Fragen allein gemäß zur Verhandlung kommen können.

Und an dieser Stelle eröffnet sich mir die Aktualität des Zusammenhangs, der mir darin augenfällig wird, daß eine Technische Hochschule einen philosophischen Ehrendoktor einem Theologen verleiht. Technik bedarf der Reflexion auf das, was sie begründet und was sie übertrifft, der Reflexion auf die Hermeneutik des Daseins, die sie, ohne zu wollen, mitliefert und die doch nicht ihre einzige Hermeneutik bleiben darf. Sich verstehen und die Welt gerade in dem verstehen, was nicht imma- [3] nente Möglichkeit der Technik ist, dies ist für die Technik selber lebensnotwendig. Und daß dieses Nachdenken ein Nachdenken über diese Welt, ein Nachdenken über Sprache und Geschichte ist, eine Einübung in die Vielfalt von Sprache, Geschichte und Kultur, davon kann und darf nicht abgesehen werden.

Ich bin also davon überzeugt, daß Technik und Philosophie gegenseitig, um an der Zeit und in der Verantwortung ihrer selbst zu sein, einander brauchen, und daß dieses Einander-Brauchen nicht in pragmatischen Rücksichten sich erschöpft. Eine Philosophie, die sich nicht von den konkreten Möglichkeiten, Entwicklungen und Grenzen der Technik anfragen läßt, eine Technik, die sich nicht philosophischer Reflexion über sich selbst stellt, Technik und Philosophie, die nicht den technisch bestimmten und doch in der Technik sich nicht erschöpfenden Gesprächsraum der Welt ermessen, verfehlen ihren Augenblick, ihren Kairos. Die Gesprächsmöglichkeiten zwischen der Technik und den Kulturen und Traditionen offenzuhalten, auszubauen und so für ein verantwortetes Bestehen der Gefahren und Nutzen der Chancen technischer Entwicklung zugleich einzutreten, ist Bedingung für eine Einheit, die nicht von innen her sich zerspaltet oder durch ihre blockhafte Wucht ihre Partner erdrückt.

In diese Problematik der Einheit hat nun aber auch die Theologie, durchaus die christliche Theologie, etwas hineinzusagen, was nicht in ihrer immanent theologischen Relevanz sich erschöpft. Grundlage christlicher Theologie ist der Glaube daran, daß in Jesus Christus Gott selber handelt und präsent ist, um von innen her eine neue Einheit der Menschheit zu stiften. Dies geschieht in der Übernahme allen menschlichen Schicksals, in der Annahme allen Menschentums in der Menschwerdung und Passion Jesu. Zu dieser Grundbotschaft gibt es nur den Zugang des Glaubens. Und doch wirkt diese Botschaft über den Raum [4] der Glaubenden hinaus, erschließt sie eine Sicht von Mensch und Welt, die gerade in unserer Situation und gerade für das Gespräch aller, auch der Nichtchristen, in Gesellschaft und Menschheit von Belang ist. Alles Menschsein als angenommen, jeder Mensch als angenommen – das Schicksal der anderen, das Schicksal des Menschen übernommen, als Anspruch wirksam an jeden: oft genug sind Christen und Kirchen hinter dem zurückgeblieben, was als Verpflichtung in solcher christlicher Grundbotschaft ruht. Und doch können sie nicht darauf verzichten, von dieser ihrer Grundlage her die Würde jedes Menschen und die Verantwortung eines jeden Menschen für die anderen und das Ganze zu ihrer Sache zu machen und genau darum sich ins bedenkende Gespräch dieser Welt hineinzubegeben. Mut, die Möglichkeiten des Menschseins zu erweitern, aber auch absolute Ehrfurcht vor den Menschenleben und Einspruch gegen den Versuch, über es zu verfügen: Sind nicht gerade dies Bedingungen und Kräfte in jenem Dialog, der zwischen Technik und der Geschichte der Menschheit aus ihren vielen Geschichten zu führen ist? Umgekehrt vermag Theologie nur, indem sie der in ihr wohnenden Philosophie innewird und sie ausdrücklich macht, ihr Eigenes ebenso zu wahren wie zu erschließen und mitzuteilen. Technik, Philosophie und Theologie erscheinen so in einer gegenseitigen Verwiesenheit, die Anfragen und Angefragtwerden und darin gemeinsame Verantwortung für die eine Zukunft der einen und doch vielgestaltigen Menschheit einschließt. Ich verstehe die Ehrendoktorwürde, die mir verliehen wurde, als Ermutigung und Verpflichtung zu solchem Gespräch und nehme sie in diesem Sinn mit aufrichtigem Dank und mit Freude an.

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