Heilige, das



[577] II. Die Frage nach dem Heiligen

1. Das H. bedenken heißt nicht →Heiligkeit als →Eigenschaft Gottes oder heiliger Wesen, Orte, Zeiten, Dinge bedenken; es geht also [578] nicht um den Inhalt des Beiworts heilig als einer von jemand oder etwas aussagbaren Bestimmung. Das H. meint auch nicht einen neutralisierenden Sammelnamen für verschiedene Gestalten, in denen der höchste Ursprung je nachdem personal oder apersonal verstanden wird. Das Achten auf das H. sucht vielmehr jenen Raum oder jene Dimension, in denen dieser höchste Ursprung auf die ihm eigene, göttliche Weise aufzugehen und zu begegnen vermag.

2. Ist das H. dann für christliche Theologie überhaupt von Belang? Sie weiß doch, wo der göttliche Ursprung sich zeigt: in seiner in Jesus einmalig und endgültig sich vollendenden Offenbarung. Gleichwohl tut ihr das Verstehen des H. not. Ansonsten könnte sie aus der Offenbarung ein System richtiger Sätze gewinnen, die in ihrer Richtigkeit die wesenhafte und gemäße Begegnung mit dem göttlichen Gott und der Gnade seines Heils unerhellt ließen, ja zu überfremden drohten.

3. Die Frage nach dem H. ist von sich her nicht innerhalb des Christlichen allein beheimatet. Sie ist mit dem Seins- und Selbstverständnis des Menschen mitgegeben und entfaltet sich in viele menschheitliche Wege und Gestalten. Gerade diese Vielfalt ist jedoch christlich bedeutsam. Offenbarung setzt seinshafte Offenheit des Menschen für den sich offenbarenden Gott, also den Horizont des H., voraus. In diesen Horizont, in seine jeweilige menschliche Ausformung spricht sie sich hinein, und in ihm wird ihre eine und bleibende Zusage zur vielgestaltig geschichtlich geprägten Aussage.

III. Aufgang des Heiligen

1. Menschliches Seins- und Selbstverständnis ist nicht in jeder ihm möglichen Stellung offen für den Aufgang des Heiligen.

a) Dem bloß theoretischen Interesse zeigt sich das H. nicht. Von sich weggewandte Achtsamkeit aufs feststellbare, kontrollierbare Ergebnis schließt zwar nicht vorweg eine Erkenntnis von der Art aus, daß endliches Sein sich nicht selbst trägt. Sie ist aber nicht in sich selbst berührbar vom Heiligen. Wo das Angegangensein vom unerbittlichen, ja unbedingten Rang der Wahrheit zu sich selbst erwacht, ist bereits eine neue Dimension erkennenden Daseins erreicht.

b) Dem bloß ästhetischen Berücktsein geht ebenfalls das H. nicht auf. Die Verzauberung des Schönen trägt in den ästhetischen Vollzug dem religiösen verwandte Züge ein; wo sie [579] aber unter Absehung vom Ernst des Selbstseins spielerisch ausgekostet wird, ist die andere, im Schönen freilich nahe durchscheinende Qualität des H. nicht aufgebrochen.

c) Auch nur ethischer Haltung bleibt das H. verschlossen. Wo angesichts der unantastbaren und unverrechenbaren Hoheit des →Guten der Wille messend auf sich selbst gekehrt bleibt, entbirgt dieses Gute sich nicht als Heiliges.

d) Das Zugleich zweier scheinbar entgegengesetzter Züge unterscheidet die dem H. offene, religiöse Grundhaltung. Da ist einerseits der Ernst des Selbstseins: Es geht nicht um etwas, sondern um alles, um mich, um mein Heil. Der Ernst des Heilsinteresses läßt das Ich anderseits aber von sich weggewendet sich überschreiten und verlassen aufs unendlich Andere seiner selbst. Wo Ernst, der sich selbst ergreift, und Offenheit, die sich von sich selbst verabschiedet, ineinanderschlagen, geben sie den Zugang zum H. frei. Dieser zwingt den Aufgang des H. freilich nie herbei. Es schenkt sich je nur aus sich selbst.

2. In der Fülle der Gestalten, in denen das H. aufgeht, spielen durchgängig zwei Polaritäten zusammen.

a) Das unberührbar Berührende. In der religiösen Grundhaltung zeichnet sich wie im Negativ die erste dieser Polaritäten ab: Das H. ist das von sich her, aus eigener, unerklärbarer, unabhängiger, also unbedingter Ursprünglichkeit und Hoheit sich Erhebende, darin aber gerade nicht das Neutrale, das mich nicht berührte, sondern das je mich Betreffende, Angehende. Es ist von sich her – zu mir her. Von sich her, d. h. nicht von mir her, das uneinholbar Frühere und Andere, so aber mich Einbegreifende, einbegreifend nicht wie ein Allgemeinbegriff, unter den ich fiele, sondern mich im Eigensten und Innersten bewegend und anschauend. Bewegen und Anschauen sind nicht zusätzliche Tätigkeiten des H., sondern sein anfängliches Walten an sich selbst. Nicht indem das H. etwas tut, geht es mich an, sondern indem es das H. ist. Der Vorrang des H. enthebt es meinem Zugriff, es ist von innen her Schranke, unverletzlich, wiederum nicht kraft äußerer Zusätze, etwa von Verboten, sondern einfach weil es heilig ist, unberührbar, weil allererst und je berührend.

b) Das Schauernd-Beseligende. In der ersten Polarität, die nichts anderes ist als das einfache Walten des Wesens des H., ist, ebenfalls in der religiösen Grundhaltung bereits bezeugt, [580] eine zweite eingeschlossen: das Angehen des H. ist Abstoßung und Anziehung in einem. Unberührbar enthält es sich meinem Zugriff vor und reißt in seinem Aufgang den unüberwindbaren Unterschied der Andersheit auf, der ich ausgeliefert bin, vor der ich verstumme. Und doch kann nichts anderes als dieses Andere mich in mir selbst erreichen und erfüllen, bin ich nur in der Berührung des H. der Fraglichkeit und Grundlosigkeit meiner selbst in mir selbst beseligt entrissen. Die Zweiheit Abgrund – Nähe ist wiederum nicht Zwiespalt des H., sondern sein eines Heiligsein, dem ich gegenüber und inne bin.

IV. Verständnis des Heiligen

Wie wird unser Seinsverständnis dem auf- und angehenden H. gerecht? Nicht indem es dieses unter seine verstandenen Inhalte einrechnet, sondern indem es sich an das H. losläßt. Es ist, im Aufgang des H. außer sich gesetzt, notwendig zugleich aber „dabei“, sonst wäre er bloß blinder Schlag. Doch er ist Geschenk, das mich mit sich und mir und meinem Seinsverständnis neu belehnt. Sofern dieses sich verdankend über sich hinausbezieht, ist es des H. als Früheren und Übersteigenden unterscheidend und verstehend inne. Dies geschieht entlang der doppelten Grundrichtung allen Fragens: nach dem Was und dem Warum.

1. Fragt die Frage nach dem „Was“ über das einzelne Seiende hinaus nach dem →Sein des Seienden überhaupt, findet sie anfängliche und umgreifende Namen des Seins, wie etwa das Wahre, Gute, Schöne. Zählt auch das H. unter sie? Seine Nähe zu ihnen geht auf im alles Seiende übersteigenden und doch durchstimmenden Rang des Heiligen. Der Unterschied zu ihnen reicht jedoch tiefer als der Unterschied dieser Namen unter sich. Wahrheit, Gutheit, Schönheit und entsprechend Sein erschöpfen sich zwar nicht im Seienden, dem sie sich mitteilen, ihre unmittelbare Richtung aber geht aufs Seiende zu, sie sind dazu angetan, vom Seienden aussagbar, also das zu werden, was Seiendes ist. Heilig ist Seiendes hingegen nicht an sich, sondern als Verweis über sich hinaus. Sein, Wahres usw. haben im Seienden ihre Gegenwart, ihren Widerschein, das H. hat im Seienden sein Denkmal. Sein des Seienden ist angesichts des H. unselbstverständlich, ja wunderbar, Seiendes ist vor ihm jenes, das sein darf. Das H. ist nicht umfassendes Was des Seins, nicht Vorblick des Seins aufs Seiende, [581] sondern verdankendes Gedächtnis des Seins an den gewährenden und im Gewähren je verborgenen Ursprung selbst.

2. Dieser Rückstoß des Seins, als der das H. waltet, überholt sogar die Frage „Warum“, die doch selbst Rückfrage hinters Seiende ist. Im „Warum“ wird Seiendes auch je unselbstverständlich, Sinn dieser Unselbstverständlichkeit aber ist die Erklärung durch die Ursache. Ist sie klar, so auch das fragliche Seiende. Führt das „Warum“ zur Antwort, so komme ich, die Ursache wissend, „dahinter“. Im Zug des H. gibt es kein Dahinterkommen. Als Denkmal des H., als bezeugende Stätte seines Ereignisses bleibt das Seiende unerklärlich, wunderbar: gerade und nur darin beruhige ich mich. Im Raum des H. bleibt das Warum nur als offene Frage erfüllt, ist der Ursprung nicht Ursache, sondern aus freier, unermeßlicher Huld sich öffnendes →Geheimnis. Die Umkehrung des Seins, die im H. geschieht, erschließt den Unterschied zwischen dem „Gott der Philosophen“ und dem lebendigen, dem göttlichen →Gott.

V. Das Heilige in der Offenbarung

Die Zeugnisse der →Offenbarung sind dem Wesen, nicht dem Wort nach auch Zeugnisse des Heiligen.

1. Gen 28 und 32, Ex 3 und 19, Jes 6 etwa bekunden das Ineinander von Entzogenheit und Nähe, Schrecken und Seligkeit des H. exemplarisch. Petri Ruf: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!“ (Lk 5, 8), und der andere: „Hier ist gut sein, laß uns drei Hütten bauen!“ (Mk 9, 5), weisen die entgegengesetzten Richtungen, die den Raum des H. erschließen, in dem sich Begegnung mit dem Göttlichen vollzieht. Entsprechend auch die genannten Stellen des Alten Testaments. Dieser „Raum“ ist der geschehende Aufbruch des göttlichen Gottes, sein Handeln selbst. Nichts anderes ist in ihm da als er und er doch als der über sich Hinausgehende, der im Darüber-hinaus erfüllend und erscheinend anwesend und als Ursprung je nochmals „dahinter“ ist.

2. In der Endgültigkeit göttlicher Heilsoffenbarung in Jesus wird Alles der eine, umfassende heilige Raum (vgl. z. B. Apg 10 und 17, 1 Kor 3, 22f.; 10, 26) und zugleich „entzaubert“, zur Verfügung in die Hand der Menschen als der eigentlich Geheiligten gelegt. Sakralität und Profanität der →Welt werden christlich dasselbe (vgl. →Kirche und Welt).

[582] 3. Der Raum des H., in dem das endgültige Denkmal des Aufgangs Gottes gesetzt bleibt und dieser je neu Ereignis werden soll, ist christlich von der Liebe des im Tod sich uns schenkenden Sohnes Gottes erschlossen: menschliches Du insgesamt (Mt 25, 40) und die in dieser Liebe geeinte Gemeinschaft der Glaubenden zumal (Mt 18, 20; Joh 17, 22ff.; Offb 21).

LITERATUR: R. Otto, Das H. (Br 1917, Mn 301958); B. Welte, Das H. in der Welt: Freiburger Dies Universitatis 1948 (Fr 1949) 141-183; B. Häring, Das H. und das Gute (Fr 1950); R. Caillois, L’ homme et le sacré (P 41953); M. Éliade, Die Religionen und das H. (Sa 1954); M. Scheler, Vom Ewigen im Menschen (Bern 41954); H. U. v. Balthasar, Die Gottesfrage der heutigen Menschen (W 1956); M. Éliade, Das H. und das Profane (H 1957); W. Schulz, Der Gott in der neuzeitlichen Metaphysik (Pfullingen 31957); H. U. v. Balthasar, Herrlichkeit I-IV (Ei 1961ff.); S. S. Acquaviva, Der Untergang des H. in der industriellen Gesellschaft (Essen 1964); B. Welte, Auf der Spur des Ewigen (Fr 1965); W. Strolz, Menschsein als Gottesfrage (Pfullingen 1965); B. Casper – K. Hemmerle – P. Hünermann, Besinnung auf das H. (Fr 1966); B. Welte, Heilsverständnis (Fr 1966).






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