„Da mir eng war, hast Du mir‘s weit gemacht (Ps 4)“, Requiem für Bernhard Welte, 9.9.1983


Ansprache bei der Totenliturgie für Professor Bernhard Welte

 

 

[128] Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Trauergemeinde,

ein Wort Leos des Großen ist mir durch Bernhard Welte kostbar geworden, ein Wort, das für mich in der Mitte alles theologischen Sprechens und aller Verkündigung steht. Leo der Große sagt: „Dasselbe, was es mir unmöglich macht zu reden, verbietet es mir zugleich zu schweigen.“ Und nun muß ich sagen, daß dieser Augenblick mich in dieselbe Not bringt. Eigentlich kann ich ihn noch sehen, hier vor mir sehen. Wie oft habe ich ihn hier gehört. Wieviel Glaube, ganz persönlicher Glaube, und Möglichkeit, Christ zu sein, zu dieser Kirche zu gehören, ist in mir gewachsen, als er sprach.

Und nun soll ich von jenem Geheimnis sprechen, dessen Größe und Heiligkeit ich gerade [129] in seinen Worten wie kaum je in Worten eines anderen Menschen gespürt habe, – angesichts des Todes, angesichts seines Todes. Es ist gut, daß nicht ich das Wort auszuwählen habe, das in dieser Stunde verkündet wird, sondern daß er selber ein Wort sich gewünscht hat.

Er hat es bestimmt, da er seinen Tod noch nicht gestorben war, aber sein Tod hat dieses Wort eingelöst. Es ist ein Wort aus dem vierten Psalm: „Da mir eng war, hast du mir‘s weit gemacht“.

Ja, es ist ihm eng geworden, man hat es in den letzten Wochen gesehen. Es ist eng geworden, und all jene Abgründe und Grenzen und Endlichkeiten, die er so behutsam, so ehrfürchtig, aber auch so nüchtern aufgedeckt hat, sie sind eingezeichnet worden in die letzten Wochen und Monate seines Lebens. Aber da hindurch hat Er es ihm weit gemacht. Und wer in sein Antlitz hat schauen dürfen – der wußte. – Immer wieder, auch in den letzten Wochen und Monaten: diese Zeichen der Weite, des Lichtes von oben, das mittendrinnen durchbricht und alles löst und verwandelt. In der keuschen Verborgenheit des Zeichens die Gegenwart dessen, worauf er hoffte – und wo er jetzt ist.

Und eigentlich paßt das so.

Wo uns eng wird, da macht Er es uns weit.

[130] Aber das ist nicht nur die Predigt seines Antlitzes, das ist nicht nur die Predigt seiner letzten Wochen, das ist auch die Predigt und die Bewegung seines Lebens.

„Da mir eng war, hast du mir‘s weit gemacht.“

Für mich und für viele war ganz entscheidend, daß er uns Wege führte, Wege, in denen er die Grundphänomene des Daseins – den Tod, die Schuld, die Grenze, das Leid, die Frage, das Denken, die Heimat – Grundphänomene des Daseins so erschloß, daß wir immer wirklich mitgenommen wurden auf einen Weg. Man kann diese Wege mit ihm nicht gegangen sein, ohne davon geprägt worden zu sein, wie man eben von einer großen Bergbesteigung, von einer großen Wanderung, von einer großen Reise geprägt ist, die man gemacht hat. Man ist mit ihm hindurchgegangen. Er hat Dinge so aufgezeigt, daß man sie sehen lernte. Und indem man sehen lernte, hat er uns bis zu jenem Rand geführt, in dem das Wundersame, Zeichenhafte, Herrliche, Geheimnisvolle plötzlich – Angst machte, eng wurde, fraglich wurde. Bis dorthin trieb er das Hindurchgehen durch die Grundwirklichkeiten des Lebens, wo alles in Frage geriet, und alles zum Du wurde, zu einer Bitte, zu einem Flehen, zu einem Hinblick auf – Botschaft.

Und dann hat nicht er aus den Phänomenen [131] herausgerechnet, daß es am Ende doch gut geht, dann hat nicht er mit einem Gedankentrick irgend etwas hingelegt, so daß die Lösung perfekt war. Sondern es kam dann ganz einfach, schier untheologisch und gerade deshalb ganz theologisch der Eine, der den Namen trägt, daß er es weit macht:

Dort konnte er von Jesus sprechen, so, daß das Kind, der Schwache und der Kranke, der Bischof, der Theologe, der Philosoph, der Arzt ganz einfach gebetet haben, zitternd, aber ehrlich mit diesem Jesus zu sprechen begannen und sagten: „Ja, du führst mich ins Weite“.

Es sind viele und für mich die entscheidenden Wanderungen meines Lebens gewesen durch die Landschaft des Menschlichen, alles Menschlichen, hindurch in die Enge und Not, die am Ende bleibt, bis dann die Begegnung erfolgte mit dem, der in die Weite führt, der den Frieden schenkt und der unser Ja, unser Hoffen, unser Lieben ermöglicht.

Aber was da geschah mit den großen Grundgegebenheiten dieses unseres Lebens, das geschah noch einmal und genauso in jenem universalen Gespräch, das Bernhard Welte führte. Als wir alle uns vielleicht noch abgeschirmt und abgeschützt hatten und meinten, das geht nicht so, daß man über den und über jenen nachdenkt, [132] daß man bei dem oder jenem die Spuren des Göttlichen findet, da hatte er schon lange das Gespräch gesucht – mit einem Hegel, mit einem Nietzsche –, nicht um sie schnell zu taufen, nicht um am Ende schnell zu sagen: Aha, der gehört doch zu uns, oder: Ich muß ihn widerlegen, sondern um zu begleiten, sich eins zu machen mit jedem, der denkt und fragt, und von dort aus in jene innerste „Enge“ des Gedankens einzutauchen, von der aus dann der entscheidende Zugang zur Weite möglich war. Und so hat er Menschen, die weit ab zu stehen scheinen von den gängigen Traditionen, hineingenommen in eine neue Weite eines nicht irgendwie billig versöhnerischen, sondern eines verstehenden, offenen, behutsamen, hoffenden Dialogs, dessen Partner alle Gedanken gewesen sind, die gedacht wurden.

Mich eins machen mit dem andern, mich eins machen mit dem, der da spricht, ihm die Chance geben, auf die Wahrheit zu schauen, ihm die Chance geben, mit ihm Wahrheit neu zu sehen – wie wichtig ist dies, da wir neu und nicht selten in bloße Abgrenzung und Abrechnung verfallen! Dabei den langen Atem Bernhard Weltes haben, der sich weder vereinnahmen läßt noch vereinnahmt, die Spannungen durchtragen, durch Enge gehen, bis daß es weit wird, [133] ich meine, das ist heute so dringend und so brandaktuell, wie es vor zwanzig, dreißig und mehr Jahren war.

Und wenn das so ist, dann darf ich auch das unbequeme Andere hinzusagen:

Mir wenigstens als jungem Menschen ist eng geworden in dieser Kirche, ich habe manchmal nicht so recht gewußt, wie ich mit ihr zu Streich komme. Und Bernhard Welte hat mir einen Weg gezeigt. Ich verdanke ihm, daß ich Kirche auch dort liebe, wo sie mir Last ist. Immer, wenn er selber bedrängt war, immer, wenn er hart angegangen war, hat er dafür geworben, das Recht auch der Anfrage an ihn zu sehen und zu verstehen, daß sie aus echter Sorge kommt. Und immer hat er gesagt und gezeigt, daß konkrete, gelebte Gemeinschaft auch angesichts dessen, was schwerfällt, mehr gilt und mehr recht hat. Er hat Kirche, so wie sie ist, erlitten und angenommen, geliebt, und ohne daß er von ihr etwas ausgewählt und etwas anderes weggestrichen hätte, ist sie von innen, so wie sie ist, in dem, was eng an ihr ist, mir weit geworden. Dies gehört nicht nur für mich, dies gehört für ganz viele dazu.

Und weil das so ist, deswegen ist ihm über die Kirche hinaus die ganze Welt weit geworden. Es gehört in die innere Logik dieses Lebens hinein, [134] daß es heimatlich verwurzelt ist, daß es hart am Grenzstein, am Gras und an der Scholle bleibt, aber sich hier nicht einsperrt, sondern daß in dieser Verwurzelung im Nahen und Engen die Weite liegt, jene vielfältige Weite, die auch über die verfaßten Zäune christlichen Lebens und die Zäune des christlichen Abendlandes hinausblickt – nicht um irgendwo fremdzugehen, nicht um irgendwo auszuwandern, nicht um zu kokettieren, sondern um den zu finden, der das Wort ist, das in jedem Wort sich uns zuspricht und jedes Wort erlöst. Wie vielen hat er viele Jahre die Weisheit des Ostens weiterzugeben vermocht. Wie hat ihn ein neuer Sturm der Weite ergriffen, als er dem Leben, dem Volkstum, dem Denken, der Kirche Lateinamerikas begegnete. Und wie ist er, der so tief im abendländischen Denken verwurzelt war, hineingetaucht in den letzten Jahren in jene großen, ursprünglichen Strömungen der biblischen Lande – Israel, Libanon –, wie sind die Erfahrungen von dort und durch ihn Erfahrungen für uns geworden.

Überall: Enge aushalten und dem begegnen, der in die Weite führt. Das letzte, was äußerlich faßbar Bernhard Welte uns gab, war nicht ein Buch, sondern es waren in den letzten Wochen – in den allerletzten Wochen – gezeichnete Blätter. Und immer hat er die Rose gezeich- [135] net – jenes, was aufbricht aus dem dunklen Grund, nach oben und in die Weite, und Schale um Schale umwölbt den Kern.

Wir haben‘s auch erlebt, daß viele dieser Blätter abgefallen sind. Er hat nicht ein furioses Finale gelebt, und das ist gut so. Er hat nicht in Perfektion geendet, sondern in jenem Weggeben, in jenem Sich-Verwandeln in Weggegebensein, so daß alles verschenkt war, alles einfach, alles still, und dahinter die große, strahlende Morgenröte sich ankündigte. Das ist ehrlicher, das ist menschlicher, das ist christlicher, das ist mehr Bernhard Welte.

Und – was ist das Geheimnis dieser Rose, die er gepflanzt hat? Es kann mit zwei Worten bezeichnet werden: mit dem Wort Liebe und mit dem Wort Pascha.

Dies hat mir am meisten geholfen und hat mich am meisten in Pflicht genommen bei Bernhard Welte, mehr als alles, was ich je von ihm lernen konnte: Ich kann mich nicht erinnern, ein lieb-loses Wort und Urteil von ihm gehört zu haben.

Er hat immer geliebt.

„Dum angustiantur vasa carnis, dilatentur spatia caritatis.“ Dieses Wort Augustins: Wenn die Gefäße des Leibes eng werden, sollen weit werden die Räume der Liebe, das ist für mich [136] die Übersetzung des Psalmverses, den er über sein Leben prophetisch geschrieben hat. Es ist der Raum der Liebe, der weit geworden ist, es ist die Zu-neigung, die Freundschaft, das Verstehen, das Verzeihen. Nur Liebe kann sich so mit dem andern einlassen, daß sie Enge aushält und daß aus der Enge die Weite wächst.

Und das ist Ostern. Dieses Fest hat er geliebt. Beim Osterhalleluja ist er eingeschlafen. Immer und immer wieder: Der Gang ans Grab, der Gang ans Ende, der Gang an das Verschlungen- und Verschwundensein aller Hoffnungen – und dann die Begegnung mit dem Engel:

Er ist nach Ostern gegangen, der eintauchte in die Enge all der Schwachheiten, vom Arm-sein bis zum Verfolgt-sein, wie sie uns die acht Seligkeiten sagen.

Er hat selber österlich Gottes Weite erfahren. Er schenkt uns Gottes Weite.

Gehen wir mit Bernhard Weite durch die Enge unseres Lebens in die österliche Weite der Liebe, jetzt – und einmal in Ewigkeit. Amen.

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